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Politik 14. September 2017

Noch mehr erste Stimmen zur Wahl

Protokolle: Xifan Yang, Marcel Laskus, Daniela Gassmann, Marlene Halser, Manuel Stark, Eva Hoffmann,  Fotos: privat/Marian Schmied/Robin Kater/Jeanne Degraa; Illustrationen nach Fotos von dpa: Florian Bayer

Wir haben die Spitzenkandidaten der wichtigsten Parteien gebeten, aufzuschreiben, was sie von Erstwählern wissen wollen – und junge Menschen antworten lassen. Hier können Sie die Antworten der Erstwähler lesen, die im Heft leider keinen Platz mehr fanden – darunter Popsänger Lukas Rieger und Schauspielerin Mercedes Müller.


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Antwort an Cem Özdemir, Bündnis 90/Die Grünen

Foto: Marian Schmied

Lukas Rieger, 18
ist Popsänger und lebt in Lehrte bei Hannover. Für seine Karriere schmiss er das Abitur. Auf Instagram folgen ihm 1,9 Millionen Menschen.

1. Was stört dich an Parteien?
Viele Parteien versprechen bei der Wahl Dinge, die sie nach der Wahl nicht einhalten. Man weiß also vorher nie, was sie wirklich umgesetzt wird.

2. Und was findest du gut?
Theoretisch finde ich gut, dass ich die Möglichkeit habe, einer Partei meine Stimme zu geben, die dann im Idealfall in meinem Sinne handelt und Gesetze vorantreibt. In der Praxis funktioniert das eben nicht immer.

3. Gab es eine Situation oder eine Person in deinem Leben, die dich geprägt oder verändert hat?
Meine Eltern haben mich immer unterstützt und mir dabei geholfen, meinen Traum wahrzumachen, Musiker zu sein. Vor fast drei Jahren habe ich mich entschieden, von der Schule zu gehen. Die Realschulprüfungen hatte ich auf dem Gymnasium schon gemacht, jetzt wollte ich meinen eigenen Weg gehen. Für meine Mama, die selbst Lehrerin ist, war mein Abitur sehr wichtig. Trotzdem haben sie und mein Vater gesagt: „Okay, Lukas, wir vertrauen dir. Du macht das schon.“ Das war krass.

4. Würdest du Cannabis ab 18 legalisieren?

Ich glaube, für die kranken Menschen, die es wirklich brauchen, ist es gut, Cannabis zu haben. Es lindert ja nachweislich Schmerzen. Für alle gesunden Menschen sehe ich keinen Grund, diese Droge zu legalisieren.

5. Was sollte sich an Schule, Ausbildung oder Studium ganz schnell ändern?
Ich denke, dass man in Deutschland das Schulsystem verjüngen und cooler machen sollte. In Geschichte habe ich Dinge gelernt, die so viele Jahre her sind. Stattdessen könnte man jemanden vor die Schüler stellen, der Anfang zwanzig ist und sich auskennt mit Social Media. In diesem Unterrichtsfach würde man sich mit Fragen beschäftigen, die mehr Bedeutung haben in der heutigen Welt: Was für Gefahren birgt das Internet? Worauf müssen wir achten bei Instagram?

6. Ossi, Wessi, deutsch, europäisch – wie würdest du dich beschreiben?
Ich würde mich als europäisch beschreiben, da ich für alle Menschen offen bin.

7. Wie finanzierst du dein Leben?
Indem ich jeden Tag dafür arbeite, meinen Traum wahrzumachen, Musiker zu sein: Ich spiele Konzerte und Festivals, mein neues Album kommt schon im Februar 2018 raus. Es ist bereits mein zweites!

8. Was macht dich glücklich?
Mich macht glücklich, wenn ich mit meiner Familie zusammen bin. Außerdem ist es sehr schön, meine Fans bei einem Konzert lächeln zu sehen und zu merken, dass sie durch meine Musik Kraft und Motivation sammeln.

9. Was macht dich unglücklich?
Zu sehen, dass Menschen anderen Menschen schaden möchten. Sei es durch Krieg, im Privaten – oder auch im Musikbusiness. Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass es viele Leute gibt, die auf den ersten Blick sehr nett sind – aber eigentlich sind sie nur auf Profit aus. Klar, jeder will für sich das Beste. Aber man muss anderen nicht schaden, um Erfolg zu haben. Lieber sollte man einen coolen Weg finden, mit allen gut auszukommen und trotzdem sein Ding durchzuziehen.

10. In welcher Zeit würdest du gerne leben und warum?
Ich bin glücklich im Hier und Jetzt zu sein und sehr gespannt auf die Zukunft. Da wird es glaube ich noch sehr viele tolle Erfindungen geben und viele neue Möglichkeiten: zum Beispiel, um Krankheiten zu heilen.

11. Hast du das Gefühl, alt genug für die Bundestagswahl zu sein oder hättest du gerne schon früher gewählt?
Ich glaube, ich bin alt genug für die Bundestagswahl. Aber ich hätte mir gewünscht, dass ich durch Social Media mehr über Politik erfahre. Diesen Informationskanal benutzen fast alle jungen Menschen. Warum kommuniziert die Politik so dermaßen an den Erstwählern vorbei?
Deshalb sage ich: Alt genug – ja . Dazu bereit wirklich überlegt zu wählen – noch nicht 100%. Natürlich gehe ich trotzdem wählen. Allein weil ich supporten möchte, dass Deutschland weiter tolerant bleibt gegenüber Flüchtlingen und Ausländern und nicht wieder Mauern baut.

12. Auf welcher Sprache unterhaltet ihr euch zuhause?
Auf Deutsch, meiner Muttersprache. Wobei ich auch viele Freunde aus den USA und England habe – wir schreiben jeden Tag auf Englisch oder sprechen über Facetime.

13. Welche App nutzt du auf deinem Handy am meisten – und wofür?
Ich benutze am meisten die App „Instagram“, da ich dort mit meiner Community in Kontakt treten kann. Vor allem poste ich Bilder von meinen Konzerten und Auftritten.

14. Wie halten wir den Klimawandel auf?

Die Menschen müssen einfach mehr für die Umwelt einstehen! Wenn ich mit dem Tourbus unterwegs bin, sehe ich auf jeder Raststätte Mc-Donalds-Tüten herumliegen. Viele Leute denken überhaupt nicht darüber nach, wie sie sich verhalten. Die Politiker haben jetzt die Verantwortung, ihnen das beizubringen und das Ruder rumzureißen.



Nina-Tiana Dullin, 21

lebt in Kamen, NRW und ist im neunten Monat schwanger. Ihre Erzieher-Ausbildung hat sie für ein FSJ im Krankenhaus abgebrochen. Später will sie als Friseurin oder im medizinischen Bereich arbeiten.

1. Was stört dich an Parteien?
Die Parteien versprechen viele Dinge, bei denen klar ist: Das kann gar nicht klappen. Zum Beispiel das Thema, Gras zu legalisieren. Klar, da freuen sich viele – aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es am Ende funktioniert.

2. Und was findest du gut?

Wenn sie sich für ihre Vorschläge einsetzen und doch was umsetzen.

3. Gab es eine Situation oder eine Person in deinem Leben, die dich verändert hat?

Meine Schwangerschaft. Meine Mama war früher Tagesmutter und ich konnte immer gut mit Kindern, deshalb dachten mein Freund und ich: Warum machen wir es nicht jetzt? Das ganze Leben ändert sich, ich kann nicht mehr so wie vorher auf Partys gehen. Nicht alle meine Freunde verstehen das. Plötzlich mache ich mir sehr viele Gedanken. Mein Freund sagt, es sind sogar zu viele. Am liebsten wollte ich alle Babysachen sofort besorgen und das Bett schon mal aufbauen. Ich freue mich eben.

4. Würdest du Cannabis ab 18 legalisieren?
Ich glaube, es kiffen so oder so ganz viele. Das wird sich nicht vermeiden lassen. Deshalb ist es egal, ob man Gras legalisiert.

5. Was sollte sich an Schule, Ausbildung oder Studium ganz schnell ändern?
Auf dem Berufskolleg fand ich doof, dass so viel über das Schriftliche geht. Als Erzieherin muss man doch mit Kindern klarkommen und lernen, wie man in bestimmten Situationen handelt. Die Ausbildung habe ich abgebrochen, irgendwann möchte ich aber wieder eine anfangen. Allgemein bin ich für mehr Praxis als Theorie.

6. Ossi, Wessi, deutsch, europäisch – wie würdest du dich beschreiben?
Doofe Frage, wann sagt man das schon?

7. Wie finanzierst du dein Leben?
Mein Freund und ich finanzieren uns komplett selbst. Natürlich kostet so ein Baby nicht wenig, allein die Erstausrüstung, Kinderwagen, Bett und diese Sachen. Deshalb möchte ich selbst auch als Mutter arbeiten, sobald das passt.

8. Was macht dich glücklich?

Momentan wäre ich ganz glücklich, wenn ich durchschlafen könnte. Ansonsten bin ich sehr froh, dass das Baby bald kommt.

Der Fragebogen von Cem Özdemir


9. Was macht dich unglücklich?
Streit. Egal ob mit Freunden, Familie oder meinem Freund.

10. In welcher Zeit würdest du gerne leben und warum?
Ich finde die Zeit jetzt ganz gut. Vor allem die medizinische Versorgung ist ja immer besser geworden.

11. Hast du das Gefühl, alt genug für die Bundestagswahl zu sein oder hättest du gerne schon früher gewählt?

Alt genug bin ich definitiv. Mir fällt es aber schwer, eine Entscheidung zu treffen. Im Moment bin ich noch dabei, mich über alle Themen schlau zu machen.

12. Auf welcher Sprache unterhaltet ihr euch?
Auf Deutsch.

13.  Welche App nutzt du auf deinem Handy am  meisten – und wofür?
Die Schwangerschafts-App Urbia. Damit halte ich fest, wie sich das Baby entwickelt. Es gibt auch Listen mit wichtigen Dingen, zum Beispiel, was man alles in die Kliniktasche packen muss. Im Hebammenforum beantwortet eine Hebamme einmal in der Woche Fragen. Und man kann mit anderen Schwangeren schreiben.

14. Wie halten wir den Klimawandel auf?

Ich gehöre zu der Mehrheit, die nicht genug gegen den Klimawandel macht. Wir sollten alle mehr Fahrgemeinschaften bilden, mehr laufen, mehr Fahrrad fahren. Das würde viel ausmachen. Ich glaube aber, das ist einfach die Faulheit.



Antworten an Martin Schulz, SPD

Ersin Demircan, 22
arbeitet als Kundenberater in Köln. Auf seinem Blog schreibt er über Alltag, Rap und Rassismus.

1. Was macht Deiner Meinung nach einen guten Kanzler, eine gute Kanzlerin aus?

Ich erwarte, dass sie oder er das Volk vereint und nicht zur Spaltung beiträgt. Viele empfinden Merkel als zu emotionslos, doch dank dieser Erscheinung geht sie geschickt vielen Problemen aus dem Weg. Martin Schulz erscheint mir als frische, motivierte und vor allem notwendige Alternative. Er hat sich auch schon europaweit einen guten Namen gemacht. Als junger Mensch erwarte ich nicht, dass mein Kanzler voll »cool« ist. Er soll einfach gut in seinem Job sein.

2. Welchen Politiker, welche Politikerin willst du nie wieder in einer Talkshow sehen, wen öfter?

Ich höre jedem gerne zu, der keinen Hass verbreitet und Lösungsvorschläge hat. Bei Talkshows frage ich mich ohnehin jedes Mal: Geht es wirklich um Lösungen oder nur um Einschaltquoten? Ich respektiere Politiker umso mehr, die viel geleistet haben, aber nicht gerne im Rampenlicht stehen.
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3. Was würdest du Donald Trump gern auf einem Gipfeltreffen sagen?
Ich würde ihm ins Gewissen reden wollen ohne ihm direkte Vorwürfe zu machen. Ich würde ihn auf die Toten in Charlottesville ansprechen, auf seine Verbindungen zur rechtsextremen Szene. Ich würde ihn fragen, ob er sich bewusst ist, wie sehr er dem Image seines Landes schadet.

4. Du bist die Generation von morgen: Was sind Deiner Meinung nach die drei großen Zukunftsfragen, die die Politik jetzt anpacken muss?
Die Rente und damit auch der demografische Wandel. Auch Migration und Integration sind Themen, die Deutschland beeinflussen werden. Es wäre schön, wenn Deutschland so bleibt, wie es ist. Doch die Welt dreht sich weiter: Neue Leute kommen, alte Leute gehen. Bis jetzt hat sich Deutschland beispiellos zum Positiven entwickelt. Was uns aufhält, sind: Populismus, Rassismus und Extremismus jeder Art.

5. Was sollte ich in den ersten 100 Tagen als Kanzler durchsetzen, was dein Leben verbessern würde?
Signalisieren, dass Deutschland durch den Verlust von Merkel als Kanzlerin nicht schwächer, sondern stärker werden kann. Rechtsextremismus in Deutschland muss aktiv zum Thema gemacht werden, genauso wie Linksextremismus und religiös motivierter Extremismus.

6. Wofür engagierst du dich oder wofür würdest Du Dich engagieren?
Als Deutscher mit ausländischen Wurzeln ist es mir wichtig, dass wir als Einwohner dieses Landes gut miteinander zurechtkommen. Ich will mich Deutsch nennen dürfen, ohne zweifelnde Fragen dafür gestellt zu bekommen. Darüber schreibe ich gerne Artikel auf meinem Blog oder auf Facebook. So konnte ich viele Leute kennenlernen, die genauso fühlen wie ich.

7. Gibt es unpolitische Menschen überhaupt?
Natürlich gibt es junge Menschen, denen Politik egal ist. Viele definieren sich nicht mehr über Nationalität und Religion, sondern über ihren Lifestyle. Ich höre auch immer wieder, dass Leute in meinem Alter mehrere Parteien unterstützen. Bei jeder Wahl wägen sie nach den Umständen ab.

8. Wofür würdest du Haushaltsüberschüsse nutzen – für Investitionen in Bildung oder für den Abbau von Schulden?
Bildung ist nie der falsche Weg. Aus meiner Sicht wäre es aber derzeit am sinnvollsten, Schulden abzubauen. Und dann richtig.

9. Was bedeutet Europa für dich?
Europa bedeutet für mich Zusammenhalt, Zukunft und Frieden. Nationalismus ist ein Gift aus dunkleren, alten Zeiten. Wir brauchen Fortschritt, und der ist nur durch Einheit zu erreichen. Europa steht genau dafür. Vielleicht ist es zu früh für ein »Vereinigtes Europa« als Nation. Aber es wäre ein nötiger und wichtiger Schritt für die Zukunft.

10. Die Welt ist ein Stück weit aus den Fugen geraten. Hast du Sorge um Europa oder gar Angst vor Krieg?
Ich habe im US-Kongress ein Praktikum absolviert und gemerkt, was für ein großes Thema Russland eigentlich für die Amerikaner ist. Als Trump gewählt wurde, ging es fast nur um Russland. Russland hier, Russland da. Als Deutscher und jemand, der nach dem Kalten Krieg und dem Mauerfall geboren und aufgewachsen ist, fand ich das alles ein wenig übertrieben. Russland wurde regelrecht verteufelt.

11. Du startest bald ins Berufsleben oder bist bereits gestartet. Hast du das Gefühl, dass Du selbst über deine Zukunft bestimmen kannst?
Ja. Wenn ich mir die Bildungssysteme in anderen Ländern anschaue, bin ich froh, eine deutsche Ausbildung gemacht zu haben. Ich kann mein Abitur nachholen. Ich bekomme elternunabhängiges Bafög, kann meinen Meister machen und mit drei Jahren Berufserfahrung an die Universität gehen. Ich bin dankbar, diese Chancen zu haben.


Denise Jäkel, 20
kommt aus Rathenow in Brandenburg und macht eine Ausbildung zur Sozialassistentin. Über den zweiten Bildungsweg möchte sie ihr Abitur nachholen und später Germanistik studieren.

1. Was macht Deiner Meinung nach einen guten Kanzler, eine gute Kanzlerin aus?
Kanzler oder Kanzlerin zu sein stelle ich mir als eine Art Hochseiltanz vor, bei dem es darum geht, die eigene Richtung im Auge zu behalten und nicht die Balance zu verlieren. Ein guter Kanzler oder eine gute Kanzlerin ist jemand, der an den richtigen Stellen hart bleibt, aber auch nicht zu stolz ist, um Kompromisse zu machen. Jemand, der die Dinge verbessern will aber auch erkennt, wenn das gut gemeinte nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt. Jemand, der zwar Fehler macht – aber zu diesen steht und sich ändert.

2. Welche/n Politiker/in willst du nie wieder in einer Talkshow sehen, wen öfter?
Ich schaue mir in den seltensten Fällen überhaupt Talkshows an. Für meine Generation sind andere Medien und Formate wichtig: Das TV-Duell Anfang September zum Beispiel hat niemand, den ich kenne, im Fernsehen gesehen. Aber die meisten haben auf Facebook Video-Schnipsel davon geschaut, die andere geteilt haben.

3. Was würdest du Donald Trump gern auf einem Gipfeltreffen sagen?
Wahrscheinlich würde ich ihm Fragen stellen: Ob er sich das Präsidentenleben anders vorgestellt hat. Warum er sich für so anders hält als andere Politiker, wenn er doch trotzdem jetzt eben das sein muss: ein Politiker.

4.  Du bist die Generation von morgen: Was sind Deiner Meinung nach die drei großen Zukunftsfragen, die die Politik jetzt anpacken muss?
1. Ein geschlossenes Europa: Deutschland hat angefangen, Verantwortung zu übernehmen und muss diese meiner Meinung nach ausbauen.
2. Der Staat muss mehr in Bildung investieren und allen Kindern und Jugendlichen den gleichen Standard gewähren, unabhängig vom Einkommen der Eltern. Meine Mutter ist alleinerziehend mit vier Kindern und war lange arbeitslos. Ich bin die Erste in unserer Familie, die aufs Gymnasium gegangen ist. Erst dort habe ich gemerkt, was für eine Ausnahme ich bin – alle anderen Mitschüler hatten arbeitende Eltern. Schüler wie ich sollten nicht die Ausnahme bleiben, finde ich.
3. Der Kampf gegen Extremismus und Fremdenfeindlichkeit.

5. Was sollte ich in den ersten 100 Tagen als Kanzler durchsetzen, was dein Leben verbessern würde?
Die Erhöhung des Bafögs, denn der jetzige Betrag reicht kaum zum Leben. Ich bin auch dafür, dass man versucht, die Bildungsstandards in den verschiedenen Bundesländern anzugleichen. Der Mindestlohn sollte weiter steigen und sollte konsequent angewendet werden. Meine Mutter ist Putzhilfskraft und muss mehrere Jobs gleichzeitig ausüben, um über die Runden zu kommen. Außerdem besserer öffentlicher Nahverkehr, vor allem in der Provinz. Meine Großmutter wohnt in einem Dorf, am Wochenende kann ich sie gar nicht besuchen, weil kein Bus hinfährt. Fahrrad fahren geht auch nicht, weil es nur eine vielbefahrene Landstraße gibt ohne Fahrradweg. Manche meiner Freunde wohnen in Dörfern, wo das Internet so schlecht ist, dass man eine Stunde warten muss, bis eine Whatsapp-Nachricht rausgeht.

6. Wofür engagierst du dich oder wofür würdest Du Dich engagieren?
Ich engagiere mich ehrenamtlich in einem Team, das jährlich ein Festival gegen Extremismus und Fremdenfeindlichkeit organisiert, »Laut & Bunt«  in Rathenow. Außerdem bin ich Teil des Kinder- und Jugendparlamentes Rathenow.

7. Gibt es unpolitische Menschen überhaupt?
Ich denke, es gibt auf jeden Fall Menschen, die sich selbst als unpolitisch bezeichnen würden. Aber stimmt das denn? Politik ist nicht nur Steuern, Rüstung, Flüchtlinge und internationale Diplomatie. Sondern auch die Entscheidung, an welcher Kreuzung im Dorf ein Mülleimer aufgestellt wird und ob die Jugendlichen vom Jugendclub gemeinsam ins Freibad gehen können, wenn sie das Ticket nicht bezahlen können.

8. Wofür würdest du Haushaltsüberschüsse nutzen – für Investitionen in Bildung oder für den Abbau von Schulden?

Für Bildung! Wenn Jugendliche schon früh in ihrer Berufswahl beraten werden, steigt ihre spätere Zufriedenheit im Job. Mit der Zeit werden die Arbeitslosenzahlen sinken, der Staat wird mehr Steuern einnehmen, die dann nach und nach für zum Beispiel den Abbau von Schulden eingesetzt werden können.

9. Was bedeutet Europa für dich?
Europa ist für mich die Idee einer offenen Welt, von Dingen, wie sie idealtypisch sein könnten, von Möglichkeiten: In der neunten Klasse war es möglich, einen Schüleraustausch mit Frankreich zu veranstalten; in der elften Klasse war es möglich, mich zu einer Studienfahrt nach Rom einzuschreiben. An den Wochenenden ist es möglich, kurz nach Polen zu fahren und etwas Neues zu lernen; in den Ferien ist es möglich, meine Cousine in der Schweiz zu besuchen. Europa ist eine Zusammenkunft und erinnert mich irgendwo immer an meine Familie: Menschen, die streiten, dennoch aber ein eigenes Ziel verfolgen und ihr Bestes geben sollten, dieses auch zu erreichen. Natürlich ist nicht jeder von allem begeistert, und dann beginnen die Diskussionen von vorn. Europa ist nicht perfekt; keine Familie ist das, um bei diesem Beispiel zu bleiben. Manchmal brechen Familienmitglieder den Kontakt. Dennoch geht es weiter, sofern wir uns dafür entscheiden. Ich habe die Wahl – Europa ist meine Entscheidung.

10. Die Welt ist ein Stück weit aus den Fugen geraten. Hast du Sorge um Europa oder gar Angst vor Krieg?
Den Begriff Krieg muss man in der heutigen Zeit sicher neu definieren. Denn Menschen bekämpfen sich doch längst. Islamistischer Terror in Europa und im Nahen Osten; Nordkorea, Afghanistan, Türkei, Krim, Russland, Trump und Mexiko, AFD, Front National, FPÖ, Atomwaffen, Populismus, die Liste der Konflikte ist doch endlos. Das alles bedrückt, sorgt und ängstigt mich. Die Frage zu verneinen wäre also gelogen.

11. Du startest bald ins Berufsleben oder bist bereits gestartet. Hast du das Gefühl, dass Du selbst über deine Zukunft bestimmen kannst?
Eingeschränkt, denke ich. Ich hatte mal einen geradlinigen Plan: Schon auf der Grundschule wusste ich, dass ich aufs Gymnasium gehen wollte. Nach dem Abitur wollte ich unbedingt studieren. Dann ist eine längere Krankheitsphase dazwischengekommen. Ich möchte das Abitur nun auf dem zweiten Bildungsweg nachholen und habe ein Kolleg gefunden, das diese Möglichkeit anbietet. Die Voraussetzung ist allerdings, dass ich erst anderweitig drei Jahre Erfahrungen gesammelt habe. Also habe ich ein Jahr Bundesfreiwilligendienst dazwischengeschoben, was ich jedem empfehlen kann, und mache jetzt eine Ausbildung. Nicht mit dem Ziel, danach zu arbeiten, sondern nur, um mein Abitur nachholen zu dürfen. Ein großer Umweg, aber anders ging es nicht.


Philipp Emanuel Neudert, 20
studiert Philosophie und Wirtschaft in Bayreuth.

1. Was macht Deiner Meinung nach eine gute Kanzlerin, einen guten Kanzler aus?
Führungsstärke. Das heißt jedoch nicht, die eigene Meinung ohne jede Rücksicht durchzusetzen. Es meint eher die Stärke, langfristig zu denken, das eigene Handeln eher an Prinzipien auszurichten als an dem, was aktuell opportun scheint. Angela Merkel hat die Energiewende erst nach Fukushima angestoßen. Dafür hat sie bei den Flüchtlingen Führungsstärke bewiesen und sich gegen ihre Kritiker durchgesetzt.

2. Welchen Politiker, welche Politikerin willst du nie wieder in einer Talkshow sehen, wen öfter?

Alexander Gauland möchte ich nicht mehr in Talkshows sehen. Der ist nur beleidigt und gefällt sich noch in dieser Rolle. Konstantin Kuhle, den Vorsitzenden der Jungen Liberalen, würde ich dafür gern mal in einer Talkshow sehen. Er ist ein fitter Typ und verwickelt Leute in gute Diskussionen.

3. Was würdest du Donald Trump gern auf einem Gipfeltreffen sagen?
Ihm einen gut gemeinten Rat zu geben, zum Beispiel zum Klimaschutz, würde wohl wenig bewirken. Vielleicht würde ich ihn fragen, wie um alles in der Welt er diese Frisur hinbekommt.

4. Du bist die Generation von morgen: Was sind Deiner Meinung nach die drei großen Zukunftsfragen, die die Politik jetzt anpacken muss?
Wie verhalten wir uns zum Klimawandel? Wie sieht Souveränität im Zeitalter der Globalisierung aus? Wie gehen wir mit der Digitalisierung um?

5. Was sollte ich in den ersten 100 Tagen als Kanzler durchsetzen, was dein Leben verbessern würde?
Ich würde mir eine Legalisierung von Cannabis ab 18 wünschen – als ersten Schritt zu einer generell liberaleren Drogenpolitik. Der Staat sollte nicht festlegen, was für die Menschen gut ist. Außerdem macht die Illegalität die falschen Leute reich.

6. Wofür engagierst du dich oder wofür würdest Du Dich engagieren?
Das ist vielleicht mein Problem. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich will mich für mehr Freiheit und bessere Lebensbedingungen einsetzen und gegen Unterdrückung, dazu gehören Rassismus und Sexismus, ebenso wie staatliche Gängelung.

7. Gibt es unpolitische Menschen überhaupt?
Ich glaube nicht, dass man unpolitisch sein kann. Alles, was uns umgibt, ist politisch. Wenn Busse an Stationen halten, an denen nur selten jemand einsteigt, dann war das mal eine politische Entscheidung. Jeder ist von politischen Entscheidungen betroffen, direkt oder indirekt.

8. Wofür würdest du Haushaltsüberschüsse nutzen – für Investitionen in Bildung oder für den Abbau von Schulden?
Grundsätzlich würde ich eher in Bildung investieren. Wenn es hohe Haushaltsüberschüsse gibt, würde ich die Steuern senken und das Geld denen zurückgeben, die es erwirtschaftet haben.

9. Was bedeutet Europa für dich?

Europa ist ein politischer Traum. Ein Traum von Frieden, von Freiheit, von Gerechtigkeit und Wohlstand. Es ist ein schöner Traum, und ich wünsche mir, dass er in noch größerem Ausmaß Wirklichkeit wird – einerseits. Andererseits sind Träume in meinen Augen nicht die besten Ratgeber, wenn es um die Probleme geht, die Europa zur Zeit hat.

10. Die Welt ist ein Stück weit aus den Fugen geraten. Hast du Sorge um Europa oder gar Angst vor Krieg?

Ja, ich habe Angst davor, auch wenn ich mich auf abstrakter Ebene schnell wieder beruhigen kann. Es wurden Grenzen überschritten. Dinge, bei denen man dachte, die passieren schon nicht, sind passiert: Donald Trump, der Brexit. Das galt alles mal als sehr unwahrscheinlich. Jetzt ist es da.

11. Du startest bald ins Berufsleben oder bist bereits gestartet. Hast du das Gefühl, dass Du selbst über deine Zukunft bestimmen kannst?
Im Augenblick habe ich das Gefühl, dass ich selbst über meine Zukunft bestimmen kann. Ich war auf einer gut funktionierenden Schule, jetzt studiere ich, was ich mir zu studieren gewünscht habe. Insgesamt bin ich zumindest für mich selbst wenig pessimistisch. Vermutlich, weil ich in einem System aufgewachsen bin, dessen Zerstörung  ich mir bei aller Fantasie nicht wirklich vorstellen kann.
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