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Wild Wild West: Amerikakolumne 15. September 2017

Danke für das Organ, Fremder

Von Michaela Haas 

Eine gute Freundin hat Selena Gomez eine Niere gespendet. In den USA ist das ohne Probleme möglich – in Deutschland ist die Transplantation von lebenswichtigen Organen dagegen ganz anders geregelt.

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Zur Überraschung ihrer Fans hat Selena Gomez am Donnerstag ein Foto von sich im Krankenbett auf Instagram geteilt. Sie habe sich diesen Sommer zurückgezogen, weil sie wegen ihrer Lupus-Erkrankung eine neue Niere bekommen habe, gestand die Popsängerin, und zeigte sich im geblümten Krankenhaushemd händchenhaltend mit der Spenderin, ihrer Freundin Francia Raisa: »Sie hat mir das ultimative Geschenk und Opfer gebracht und mir ihre Niere gespendet«, schreibt Gomez, 25, glücklich. »Ich musste das für meine Gesundheit tun. Ich freue mich ernsthaft darauf, meinen Weg in diesen vergangenen Monaten bald mit euch zu teilen.«

Die gute Nachricht: Gomez' Heilungschancen mit der neuen Niere stehen gut. Die schlechte: In Deutschland warten derzeit rund 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan, die meisten auf eine neue Niere. Im Schnitt sterben jeden Tag drei Patienten, weil sie kein passendes Organ finden.

Mathematisch gesehen ist die Lösung verblüffend einfach: Wenn jeder Gesunde seine Nieren spenden würde – sei es lebend oder nach dem Tod – müsste kein Dialysekranker mehr wegen einer fehlenden Spenderniere sterben. Aber praktisch gesehen stehen die Deutschen bei der Organspende besonders schlecht da: Fast alle anderen Europäer spenden öfter Organe, die Spanier sogar doppelt so häufig. Die meisten ziehen die Grenzen der Nächstenliebe spätestens da, wo sie am eigenen Wohlbefinden rüttelt, gar ins eigene Fleisch schneidet.

Selena Gomez hatte Glück, dass ihre Freundin ihre Niere spenden wollte und als Organspenderin auch tatsächlich geeignet war. Die Lebendspende zwischen Verwandten und langjährigen Bekannten ist auch in Deutschland möglich, aber ansonsten könnten Amerika und Europa das Thema Organspende kaum unterschiedlicher angehen. In Amerika hat sich nämlich ein regelrechter Wettbewerb entwickelt unter den fast 100.000 Amerikanern, die zur Zeit auf eine neue Niere warten: »Suche dringend Niere!« betteln verzweifelte Menschen in Facebook-Annoncen, auf T-Shirts und Stoßstangen-Aufklebern. Eine Facebook-Aktion für eine neue Niere wäre in Deutschland (und den meisten europäischen Ländern außer der Schweiz) illegal. Für die Vermittlung aller Organe ist hier die Stiftung Eurotransplant zuständig.

In Deutschland ist es verboten, Organe an Fremde zu spenden. In Amerika dagegen wird dazu sogar aufgerufen, und Menschen dürfen auch anonym spenden. Beide Länder haben für ihre Entscheidung gute Gründe: Deutsche Mediziner verweisen darauf, dass Deals zwischen Fremden die Tür zum Organhandel öffnen und dass es unfair ist, wenn bei Facebook-Aktionen diejenigen zum Zug kommen, die die rührendste Geschichte erzählen oder sich am geschicktesten vermarkten. Andererseits ist auch in Europa das System alles andere als gerecht: Seit dem Göttinger Transplantationsskandal weiß jeder, dass Mediziner tricksen können, um ihre Patienten an die Spitze der Empfängerlisten zu rücken.

Die Frage bleibt: Warum sollen Spendenwillige nur ihren Nächsten helfen dürfen? Wo doch viele Bedürftige keine Angehörigen haben, die willens oder geeignet sind, ihre Niere zu spenden? Das ist ein komplexes Thema, schon klar, vielleicht zu vielschichtig für die Kolumnenform. Allerdings wünsche ich mir als Deutsche, die nun schon länger in Amerika beobachtet, wie unterschiedlich der tödliche Mangel gehandhabt wird, dass die Möglichkeiten zumindest offener diskutiert werden.
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Was sind das für Menschen, die Wildfremden ihre Niere geben? Das Thema fasziniert mich, seit ich für das SZ-Magazin den Amerikaner Zell Kravinsky porträtierte. Der Immobilienmogul aus Jenkintown bei Philadelphia verschenkte schon vor Jahren den Löwenanteil seines 45 Millionen-Dollar-Vermögens an Schulen und gemeinnützige Organisationen. Aber dann las er in der Zeitung, dass jedes Jahr Tausende Amerikaner sterben, weil sie keine Organspender finden und war deprimiert darüber, »dass ich nicht genügend getan habe.« Er beschloss, seine Niere zu spenden. »Wenn ich eine Niere spende, liegt mein Sterbe-Risiko bei 1 zu 4000«, argumentiert Kravinsky, »aber wenn ich nicht spende, stirbt der Empfänger definitiv. Wenn mich das Risiko von einer Organspende abhält, messe ich meinem Leben also 4000 Mal so viel Wert bei.« Kravinsky hält das für »obszön«.

Kravinskys Frau Emily, eine Psychiaterin, nannte ihren Mann »verrückt« und drohte ihm mit der Scheidung. Deshalb schlich sich Kravinsky an einem Sommerabend unter einem Vorwand aus dem Haus, um seine rechte Niere einer ihm bis dahin unbekannten afro-amerikanischen Krankenschwester zu spenden. Seine Frau und seine beiden Kinder erfuhren die Neuigkeit aus der Lokalzeitung. Emily Kravinsky liess sich dann doch nicht scheiden, aber ihr Mann sagt: »Das Thema zerreißt unsere Familie.«

Würden Sie Ihre Niere einer Fremden spenden? Emotional gesehen finden die meisten Menschen, dass Zell Kravinsky zu weit geht. Aber rational gesehen ist seine Logik und die der anderen mehr als 2000 Fremdspender schwer zu widerlegen: Die Georgetown University hat gerade Fremdspender wie ihn befragt und festgestellt, dass diese »außergewöhnlich altruistisch veranlagten Menschen« aus allen Altersschichten und sozioökonomischen Klassen stammen. Gemeinsam haben sie nur eines: Sie halten ihr eigenes Leben nicht für grundsätzlich wertvoller als das Leben anderer. Und sie können kaum nachvollziehen, dass der Rest der Welt das anders sieht. »Sie sehen sich selbst nicht als Helden und das, was sie getan haben, nicht als besonders bewundernswert«, fasst Forscherin Kruti M. Vekaria die Interviews zusammen. »Sie glauben, das sei etwas, was jeder tun sollte.«

Das ist in einer Zeit, in der sich jeder selbst der Nächste ist, bewundernswert. Mehr noch: Sie kann eine Kettenreaktion in Gang setzen, die sogenannte Transplantationskette. Denn oft haben Nierenkranke Angehörige, die bereit sind, ihre Niere zu spenden, die aber vielleicht aufgrund ihrer Blutgruppe nicht als Spender geeignet sind. Wenn sie aber bereit sind, ihre Niere einem Fremden zu spenden, rückt ihr Angehöriger in der Empfängerliste auf. Spendenwillige können sich in Spendenzentren registrieren lassen, bis ein Match gefunden wird. Die längste Spenderkette ist 56 Transplantate lang. Das heisst: 56 Menschenleben, die ohne diese Kette nicht gerettet worden wären.

Die Frage rührt an tiefliegende Einsichten – welches Risiko sind wir bereit, für andere einzugehen? Wieviel Opfer bringen wir für das Überleben anderer Menschen? Keiner kommt leicht davon, der einen Satz bejaht, der groß über der Webseite von Bill und Melinda Gates steht: »Alle Leben sind gleich viel wert.« Was wäre, wenn wir diesen Satz wirklich ernst nähmen?

Dass die Lebendspende in Deutschland nur bei Familienmitgliedern oder engen Freunden erlaubt ist, empört Kravinsky, der drei Jahre lang in Deutschland gelebt hat, so sehr, dass er droht: »Wenn ich Single wäre und meine Niere noch hätte, würde ich sie in Deutschland spenden und dann sollen die mich verklagen!« Aber die Frage, ob er noch mehr tun könnte, lässt ihn nicht los: »Wenn ich noch mehr Organe spenden würde, könnte ich mindestens vier bis fünf Leben retten. Wenn es mich nicht umbringt und ein anderes Leben rettet, was könnte es Besseres geben?«
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.

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