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Nackte Zahlen: Sexkolumne 17. September 2017

Billige Flugtickets sind besser als Sex

Von Till Raether  Illustration: Eugenia Loli

Zumindest sagt das fast die Hälfte der Befragten in einer neuen Umfrage. Woran liegt das, und gibt es vielleicht auch im Straßenverkehr oder Möbelhaus Ereignisse, die viel erfüllender sind als sexuelle Kontakte?

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Die amerikanische Internetseite priceline.com ist ein Sparportal für Reisende, und vor kurzem hat sie in einer Umfrage ermittelt, wie wichtig Männern und Frauen zwischen 18 und 69 billige Flugtickets sind. Beim Ergebnis ist vor allem die Steigerung interessant. 25 Prozent der Befragten sagen, dass sie sich schlau und erfolgreich fühlen, wenn sie einen billigen Flug schießen. 37 Prozent sagen, dass sie dies zufrieden macht. Aber erstaunliche 44 Prozent sagen: Ein billiges Flugticket zu buchen, fühlt sich besser an als Sex.

Diese hohe Quote muss jedoch nur auf den ersten Blick überraschen. Tatsächlich sind Billigflüge und Sex doch recht nah verwandt: Man hat viel Körperkontakt, Menschen stöhnen, der Nachbar kriegt alles mit, und man muss aufpassen, dass man sich nicht bekleckert.

Wenn man in die Tiefe geht, stellt man jedoch fest, dass das billige Flugticket vor allem durch folgende Komponenten erregend wirkt: Es verschafft einem einen Vorteil gegenüber den Mitmenschen, ohne, dass man dafür die Regeln brechen muss, und sein Erreichen ist mit mehr Glück als Verstand verbunden. Wenn aber schon ein billiges Flugticket Menschen in derartige Hochstimmung versetzt, was ist dann noch alles besser als Sex? Folgende Ereignisse beziehungsweise menschliche Leistungen haben strukturelle Ähnlichkeiten mit billigen Flugtickets und sind daher sexyer als Sex:

– in der zugeparkten Nachbarschaft einen scheinbar gesperrten Stellplatz finden, weil man im Gegensatz zu den anderen Parkplatzsuchern aus dem Augenwinkel gesehen hat, dass das temporäre absolute Halteverbot nur »bis 18:00 Uhr« gilt, und es ist schon Viertel nach
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– im Möbelhaus zur Stoßzeit eine fast leere Kasse weiter hinten entdecken, bei der sich kaum einer anstellt, weil sie von einer Sonderverkaufs-Schütte mit Herz-Kissen verdeckt wird;

– durch gezieltes Forschen in der hinteren Regalregion ein Toastbrot finden, das laut Stanzprägung der Klemmbanderole drei Tage länger haltbar ist als die im vorderen Regalbereich liegenden Toastbrote;

– auf einer längeren Bahnfahrt im mittelvollen ICE-Großraumwagen durch subtile, aber gezielte Gesichtsausdrücke und Taschenplatzierung den leeren Platz neben sich verteidigen, ohne dafür ausdrücklich einen Mitreisenden erfinden zu müssen, der »gerade kurz im Bordbistro ein ofenfrisches Panino« holt.

Oft wird die Ökonomisierung unserer Gesellschaft beklagt, in der alle Aspekte menschlichen Zusammenlebens wirtschaftlichen Prinzipien untergeordnet werden, auf Kosten von Lebensfreude und Leichtigkeit. Vielleicht ist die Tatsache, dass Billigflüge von vielen höher bewertet werden als Sex, als weiteres Symptom dafür. Vielleicht zeigt sie aber auch einfach nur, dass der Mensch aus Selbstschutz in der Lage ist, noch die banalsten Vorgänge zu erotisieren.
Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.

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