Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 12°
Anzeige
Anzeige

Vorgeknöpft: die Modekolumne 05. Oktober 2017

Da läuft was schief

Von Maria Hunstig  Foto: Gettyimages / Victor Virgile

Gute Nachrichten für Krankenpfleger, Segler und Hobbygärtner: Sie könnten es schon bald als Streetstyle-Stars zu großer Bekanntheit bringen. Denn Crocs sind in der High Fashion angekommen.


Anzeige
Vergangene Woche zeigte der Designer Demna Gvasalia seine neue Kollektion für Balenciaga während der Pariser Modewoche. Das größte Aufsehen: Gvasalias Interpretation von Crocs, den wegen ihrer Bequemlichkeit und hygienischen Trageeigenschaften vor allem in Krankenhäusern und Schrebergärten geschätzten Gummi-Clogs der amerikanischen Firma Crocs.

Etwas mehr als eine Woche zuvor schickte auch der britische Designer Christopher Kane bereits zum zweiten Mal seine Vorstellung von »Designer-Crocs« über den Laufsteg in London. Müssen wir uns also auf einen modischen Feldzug der – wie unter anderem das Time Magazine meint – unästhetischsten Schuhe der Welt einstellen?

Da Gvasalia in den letzten Saisons eindrücklich bewiesen hat, dass er von karierten Übergepäckstaschen über DHL-Shirts bis IKEA-Tüten so ziemlich jeden Alltagsgegenstand in ein It-Piece zu verwandeln vermag, ist davon auszugehen.

Tatsächlich ist der sogenannte Ugly Shoe schon seit einiger Zeit ein Mode-Thema. Birkenstocks, Trekking-Sandalen, Adiletten – all diese Bequemlichkeits-Treter wurden durch Designer bereits geadelt. Das liegt einerseits am Normcore-Trend, der das bewusste Tragen besonders durchschnittlicher und vermeintlich unauffälliger Alltagskleidung wieder en vogue gemacht hat. Und andererseits passen die Schuhe zu einem Zeitgeist, in dem Gesundheit und Outdoor-Orientierung eine prägende Rolle spielen. Weiches Fußbett statt schädigender High Heels, oft synthetische Materialalternativen statt Leder.

Die Balenciaga-Crocs stellen allerdings eher die Partyversion der Gesundheitslatschen dar – in Rosa, Neongelb oder -grün, mit Plateau und einem ganzen Berg an bunten (Logo-)Pins, die wirken wie die gesammelten Kühlschrankmagneten der letzten Urlaubsziele. 90er-Trash trifft auf Gartenparty, man sieht förmlich Blümchen damit durch die Weiten eines Eurodance-Videos hüpfen.

Der orthopädische Aspekt dürfte bei den Zehn-Zentimeter-Absätzen also doch eher eine untergeordnete Rolle spielen. Stattdessen interessiert sich Gvasalia nach eigener Aussage  eher für die moderne Herstellungsweise »seiner« Crocs. »Es ist ein sehr innovativer Schuh«, sagte er der britischen Vogue backstage und lieferte dazu gleich noch einen futuristischen neuen Vertriebsweg: In Zukunft könne man sich die Gummi-Schuhe zuhause einfach aus dem 3D-Drucker ziehen, da sie komplett aus einem Stück gefertigt werden.
Anzeige

Die Zukunft des Schuhwerks liegt also in formbarem, antibakteriellen Schaumharz – zumindest, wenn es nach einem der derzeit bedeutendsten Mode-Visionäre geht. Nur eins könnte Gvasalia einen Strich durch die Rechnung machen: Sicherheitsbedenken. Das japanische Ministerium für Internationalen Handel und Industrie verlangte 2008 von Crocs, ihr Design zu verändern, nachdem zahlreiche Crocs-verpackte Kinderfüße in Rolltreppen steckengeblieben waren. Auch die Washingtoner U-Bahn hängte damals Crocs-Warnungen an ihren Rolltreppen auf. Aber gut, echte Fashionistas fahren ja ohnehin lieber Taxi.

Wird getragen von: Blümchen, Sailor Moon, Hobbygärtnern, Krankenpflegern, Seglern
Wird getragen mit: blauem Lippenstift und Minikleid bzw. Laborkittel und Stethoskop
Trageanlass: Gartenarbeit um 7 und Party um 8
Maria Hunstig

ist Redakteurin beim Modefachmagazin Sportswear International. Sie hat schon Leute in Würde eine Warnweste tragen sehen und ist deshalb überzeugt, dass Stil vor allem eine Frage der Haltung und des Kontexts ist. Diesem geht sie regelmäßig in dieser Kolumne auf den Grund.

  • Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Ist Kai Pflaume ein Hipster?

    Auf Instagram outet sich der Moderator als Kenner angesagter Marken wie Supreme und posiert mit dem hippen Modemacher Gosha Rubchinskiy. Prompt bekommt er Beef mit einem Rapper. Ein Fall, der viel über die Gesetze der Mode erzählt.

    Von Maria Hunstig
  • Anzeige
    Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Donna-Littchen!

    Im Skandal um Harvey Weinstein überlegt Designerin Donna Karan, ob Frauen, die sich freizügig kleiden, es vielleicht darauf anlegen, sexuell belästigt zu werden. Den Shitstorm kassierte sie prompt – und zurecht.

    Von Silke Wichert
  • Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Nur leicht verkleidet

    Dunkles Karohemd zur Lederhose, Blusen ohne Puff-Ärmel: Auf der Wiesn ist das Ende der Trachten-Vollausstattung eingeläutet, wie man an Mario Gomez und seiner Frau Carina Wanzung sehen kann.

    Von Silke Wichert