Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

Nackte Zahlen: Sexkolumne 15. Oktober 2017

Warum mehr Ehefrauen fremdgehen sollten

Von Till Raether  Illustration: Eugenia Loli

Die Zahl der untreuen Ehefrauen nimmt zu – selbst unter solchen, die zufrieden mit ihrer Beziehung sind. Der Grund dafür ist so überzeugend, dass unser Kolumnist nur zum Seitensprung ermuntern kann.


Anzeige
Seit 1990 ist die Zahl der Ehefrauen, die ihre Männer betrügen, um 40 Prozent gestiegen. Dies schreibt die Autorin und Psychoanalytikerin Esther Perel in ihrem neuen Buch »State of Affairs - Rethinking Infidelity« (zu Deutsch etwa: »Wortspiel mit ›Staatsaffäre‹ - Nochmal über Untreue nachdenken«). Im Ergebnis haben damit die Frauen zu den Männern aufgeschlossen, das heißt, die Quote der Untreuen ist nun bei beiden Geschlechtern gleich hoch (etwa ein Fünftel).

Unbefriedigt davon, dass Perel in ihrem Buch nicht über die Gründe dieses Anstiegs berichtet, hat die amerikanische Journalistin Kim Brooks eigene Feldforschung angestellt und dabei herausgefunden: Ehefrauen betrügen ihre Männer, obwohl sie in ihren Beziehungen und in ihrem Leben zufrieden sind. Sie tun es, um sich in ihrer Ehe wohler zu fühlen, nicht, um ihre Ehe zu zerstören. Dies wird durch neue Forschung der Soziologin Alicia M. Walker von der Missouri State University bestätigt: Sie hat 40 untreue Ehefrauen befragt und kommt zu dem Schluss, dass Frauen Affären haben, um die traditionellen Geschlechterrollen zu untergraben. Erstens machen sie sich dadurch traditionell männliches Verhalten zu eigen, zweitens wehren sie sich so auf subversive Weise gegen ihre grundsätzliche Enttäuschung mit der Arbeitsteilung in der Ehe: Wenn sowieso immer die ganze Arbeit an der Ehefrau hängenbleibt, warum soll sie sich dann scheiden lassen und einen neuen Partner suchen, nur, damit es wieder genauso wird?

Vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung der Ehe sind diese Beweggründe mehr als nachvollziehbar. Früher bedeutete Ehe: Der Mann wird mit einer Aussteuer dafür bezahlt, dass er die Frau als Eigentum erhält. Seitdem dies juristisch anders geregelt ist und Ehefrauen sogar selbst entscheiden dürfen, ob sie berufstätig sind (in der Bundesrepublik seit 1977), bedeutet Ehe, dass man sich nach einer lässigen, aber teuren Hochzeit darüber streitet, wer die Kinder abholt, und statistisch gesehen räumt danach dann immer die Frau den Geschirrspüler aus, ein und auf. Die Frage ist daher eher: Warum nur eine Zunahme von 40 Prozent? Was hindert die schweigende Mehrheit von Ehefrauen daran, eine Affäre zu haben? Aus in keinster Weise repräsentativen Feldforschungen der »Nackten Zahlen« ergeben sich folgende Gründe:

  • zu viel im Haushalt zu tun
  • in letzter Zeit einfach zu müde
  • Datenschutzbedenken bei WhatsApp, nicht genügend potenzielle Liebhaber bei Threema angemeldet
  • »Golden Age of Television«
  • grundsätzliche Zweifel am Projekt Mensch
  • grundsätzliche Zweifel am Projekt Mann
  •  saisonal bedingter Überschuss schwierig zu verarbeitender Obst- und Gemüsesorten in der Biokiste
  • Abneigung gegen Kettenhotels, Lügen, Heimlichtuerei und schwer zu merkende geheime E-Mail-Adressen
  • Ehemann noch gut
  • andere Hobbys

Abschließend möchten wir zwar unser grundsätzliches Einverständnis mit allen Anstrengungen und Bemühungen erklären, das Patriarchat und traditionelle Geschlechterrollen zu unterwandern, zu untergraben, auszuhöhlen und für abbruchreif zu erklären. Wir möchten aber dennoch darauf hinweisen, dass im konkreten und individuellen Fall die Sätze »Es hat nichts mit dir zu tun, es liegt am Patriarchat!«, »Es ist nicht, wonach es aussieht, es ist ein subversiver Akt!« sowie »Ich tue das, um die Institution Ehe in Frage zu stellen!« kaum als emotional befriedigende Erklärungsrufe durchgehen werden.

Anzeige
 

 

Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.

  • Nackte Zahlen: Sexkolumne

    Wie Männer zu Vegetariern werden

    Frauen finden Männer attraktiv, die gerne Steak essen, zeigen Studien. Weil zu viel Rindfleisch aber schlecht fürs Klima ist, brauchen vegetarische Gerichte dringend coolere Namen. Hier 17 Vorschläge: von »Reis-Bucket-Challenge« bis »Desert Storm«.

    Von Till Raether
  • Anzeige
    Nackte Zahlen: Sexkolumne

    Warum haben Kiffer mehr Sex?

    Studien legen nahe, dass täglicher Cannabiskonsum mit einer höheren Sexfrequenz einhergeht. Unsere Sexkolumnistin ahnt, woran das liegt.

    Von Alena Schröder
  • Nackte Zahlen: Sexkolumne

    Was am Konzept Sex-Radar so falsch ist

    Einer Studie zufolge suchen 50 Prozent der Männer permanent nach potenziellen Sex-Partnerinnen. Offenbar mit wenig Erfolg. Vielleicht hilft dieser ernst gemeinte Rat.

    Von Till Raether