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aus Heft 42/2017 Reise

»Eine Kindergartengruppe ist einfacher zu leiten als eine Reisegruppe«

Interview: Daniela Gassmann  Foto: Viktors Neimanis/Fotolia.de

Gier am Buffet, Polizeieinsätze, geklaute Messer: Der Reiseleiter Heinz-Jürgen Nees erzählt aus 40 Jahren Berufserfahrung – und verrät die schlimmste Panne, die er je erlebt hat.

Hier geht's lang – mit dem hochgereckten Schirm signalisiert der Reiseleiter oder die Reiseleiterin, wohin sich die Gruppe bewegen soll. Das bedeutet daber keineswegs, dass auch alle mitkommen.

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SZ-Magazin: Welche Reisegäste sind die schlimmsten?

Heinz-Jürgen Nees: Ich nenne sie die Kontrolleure: Leute, die mit dem Handy in der Hand neben mir herlaufen und alles auf Wikipedia und Google nachprüfen – oder eine Karte dabeihaben. Einmal hat mich ein Damen-Bridgeclub die ganze Busfahrt lang gefragt: »Herr Reiseleiter, wie heißt dieser Berg? Was ist das für eine Autobahn? Kennen Sie dieses Kennzeichen?«

Wie wehren Sie sich da?
Ich halte ihnen einfach das Mikrofon vor die Nase. Danach reden die mir nicht mehr rein.

Gäste zurückzuärgern ist erlaubt?
In besonderen Fällen, ja. Bei einem Ehepaar, das quasi Stammgast bei mir war, musste ich das Hotel jedes Mal warnen: Am Frühstücksbuffet haben die sich Stullen geschmiert und zusammen mit zwei, drei Eiern in die Manteltasche gepackt. Irgendwann habe ich die gekochten Eier gegen rohe ausgetauscht – und das Paar später aus Versehen angerempelt. Den beiden war das furchtbar peinlich, alle anderen hatten ihren Spaß.

Mussten Sie wegen einer Reisegruppe schon mal alles umschmeißen?
In Kalabrien hätten wir um ein Haar unser Flugzeug verpasst: Nach unserer Yoga-Reise war eine Frau so entspannt, dass sie bei der Abreise alle Dokumente vergessen hat.

Ging auf Ihren Reisen auch mal etwas richtig ernsthaft schief?
Ständig. Eine Kindergartengruppe zu leiten ist einfacher als eine Reisegruppe. Ich habe mal zwei Leute verloren, weil sich eine Dame nicht getraut hat, mir zu sagen, dass ihr Mann Alzheimer hat. Mitten in Venedig musste sie auf die Toilette. Als sie rauskam, war ihr Mann weg. Er wusste ja nicht, dass er auf Reisen war – und schon gar nicht mit uns. Als wir abfahren wollten, war keiner von beiden da. Es folgte ein Einsatz mit Polizei und allem Drum und Dran. Am Abend sind sie wieder aufgetaucht.

Was tun Sie, wenn Ihre Reisegruppe beklaut wird?
Dann helfe ich. Schlimmer ist es, wenn die Gäste klauen.

Im Ernst?
Oh ja! Einmal war ich mit einer Gruppe bei einem Ritterschmaus in Landsberg am Lech. Das Essen wurde in Holzbottichen serviert, dazu bekamen alle ein Stilett, also ein sehr scharfes Messer – und zwar Originale aus dem Mittelalter. Der Abend war klasse, es floss viel Bier. Als wir dann im Bus saßen und gerade loswollten, kam der Wirt rein und sagte: »Ich suche 18 Messer!«

Haben Sie die Polizei gerufen?
Musste ich zum Glück nicht. Ich habe ein paar strenge Worte gesagt und einen Hut rumgehen lassen. Am Ende lagen 18 Stilette drin.

Hat sich bei Ihnen im Dienst je ein Urlaubsgefühl eingestellt?
Ich war auf dem Traumschiff – dort musste ich die Reisenden nur einchecken, guten Morgen und guten Abend sagen. Ansonsten habe ich das Programm mitgemacht, als wäre ich ein Gast. Aber ganz ehrlich: Das fand ich langweilig.
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Heinz-Jürgen Nees empfiehlt in Kalabrien:
SCHLAFEN: »Torre Marino«, Santa Domenica di Ricadi, Doppelzimmer ab 140 Euro, einfach barfuß aus dem Zimmer gehen und nach ein paar Metern den Sand spüren.
ESSEN: »Bar Gelateria Ercole«, Pizzo. Wo das Tartufo erfunden wurde, schmeckt es immer noch am besten.
ANSONSTEN: Nach dem Taxifahrer Ciccio Calfapietra fragen und sich die Gegend zeigen lassen. Der Italiener soll der lustigste Touristenführer Kalabriens sein.
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