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aus Heft 42/2017 Die Redaktion

Unter Streithammeln

Von Max Fellmann & Lars Reichardt 

Wir haben da zwei Kollegen, die sich nicht so gut verstehen. Also haben wir sie zusammen auf die Reise geschickt. Es ging auch eine Weile lang gut – bis zum ersten Überholmanöver auf der Autobahn.

Regensburg ist voll bezaubernder Häuser und Winkel. Aus irgendeinem Grund wollen sich Reichardt (links) und Fellmann aber unbedingt vor dieser Wand fotografieren.
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Max Fellmann:
Es ist nicht so, dass ich den Mann hassen würde. Er geht mir nur ungeheuer auf die Nerven. Wie langsam der spricht! Wie unbeweglich er wirkt. Wie er immer irgendeinen nörgeligen Einwand hat, sobald ich in der Konferenz etwas sage. Und er, na ja, er kann mit mir offensichtlich auch nicht viel anfangen. Mein Kollege Lars Reichardt und ich, wir sind uns, höflich gesagt, eher fremd. Aber weil wir nun mal Tag für Tag in derselben Redaktion aufeinandertreffen, dachten wir, eine gemeinsame Reise könnte uns vielleicht guttun.

Lars Reichardt: Fellmann und ich geraten bei Themenkonferenzen bisweilen aneinander. Was er lustig findet, finde ich öfter als bei anderen langweilig, und umgekehrt. Na ja, man muss nicht mit jedem können. Aber schon interessant: Ob man denn könnte, wenn man wollte? Zumindest einen Ausflug lang? Wir brauchen ewig, um überhaupt einen Termin zu finden, dann die Debatte über das Reiseziel: »Waldhaus Sils-Maria« im Engadin? Da haben sich Thomas Mann und Hermann Hesse zur Aussprache verabredet, die hatten auch ein schwieriges Verhältnis. Er: Zu weit, was ich von Bad Gastein hielte? Nichts. Irgendwann fällt mir Regensburg ein, ins »Hotel Orphée« wollte ich immer schon mal. Fellmann war da schon, er liebt Regensburg. Na also, geht doch.

Reichardts Auto ist ungefähr hundert Jahre alt und klingt wie ein Eimer voller Schrauben. Der Kerl fährt ununterbrochen links. Aber total langsam. Macht mich wahnsinnig. Er schaltet das Navi ein. Irgendwann stellt sich heraus, er kann die Anweisungen ohne Lesebrille gar nicht erkennen. Schließlich bleibt er mitten auf der Autobahn stehen, um es aus der Halterung zu nehmen und sich vor die Augen zu halten. Drei Kreuze, wenn ich lebend aus dieser Karre rauskomme!

Smalltalk. Kinder, Chefs, Kollegen, mein zweiter Vorname – Fellmann bemüht sich um Konversation. Schule, ach, in Schwabing? Das nennt man wohl Sozialisieren. Erschreckend, wie wenig wir voneinander wissen, wo wir doch schon zehn Jahre zusammenarbeiten. Oder sind es 15? Er sagt, er möge die Musik, die bei mir im Auto läuft. Soll ich das glauben? Stau. Er sagt, wir wären vielleicht doch besser mit dem Zug …? Jaja. Immerzu schreibt er irgendwas in sein Handy, »weil man dann alles ganz leicht auf den Computer überspielen kann«. Ja, genauso lesen sich seine Artikel.

Reichardt hat nur eine einzige CD im Auto, sie läuft in Endlosschleife. Bombino, Tuareg-Rock. Roadmovie-Musik. Passt verblüffend gut zu unserer Fahrt. Aber aaaargh, was ist das? Reichardt gibt plötzlich Gas, er überholt einen Laster. Rechts. Mit 160. Will er uns umbringen? Der Mann ist auf der Straße noch unberechenbarer als in der Redaktionskonferenz.

Fellmann in der Konferenz: Redet mehr als jeder andere. Wiederholt seine Argumente, als ob er zu Kindern spräche. Hat zu allem schnell eine Meinung, das ist mir unheimlich. Aber in Regensburg kennt er sich aus. Zeigt mir diese große Steinbrücke, den Dom, die Altstadt, irgend so einen Würstchenladen, die ehemalige Schule seines Vaters, den schönsten Biergarten. Nett vom Kollegen, muss ich sagen. Erst recht, dass er sich zu mir in den Nieselregen setzt, als ich rauchen will. Aber er hat das größere Zimmer bekommen. Zufall?

Herrliches Hotel. Jetzt los, raus, die mittelalterlichen Gassen Regensburgs warten. Direkt vor dem Hotel setzt sich Reichardt an einen Bistrotisch: Er will eine Zigarre rauchen. Jetzt. Eine Zigarre. Mehr muss ich nicht sagen, oder? Es regnet. Reichardt raucht. Ich warte. Bisher von Regensburg gesehen: zirka 30 Meter Kopfsteingasse.
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Fellmann, wie er leibt und lebt: »Guck mal, da ist ein Senfladen, nur für eine einzige Senfmarke, ist das nicht lustig?« – Mmmh. – »Ich stell mir das ja herrlich vor, so ein Kleinstadtleben.« – Mmmh. – Und dann, als er die Brille rausholt, so ein typischer Fellmann-Witz: »Die brauche ich nur fürs Auto. Und fürs Kino. Wahrscheinlich auch fürs Autokino. Aber da bin ich nie.«

Ich mache einen harmlosen Scherz, Reichardt grinst abschätzig und sagt, den müsse er sich notieren, der sei »so aussagekräftig«. Dann endlich der Spaziergang durch die Altstadt. Der Dom, die schiefen Häuser, Zeit-reise in lang vergangene Jahrhunderte. Bezaubernd. Einziges Problem: Reichardt geht langsamer als eine angeschossene Schildkröte. Passt zu seinem Verhalten in Konferenzen: Wenn ihn da jemand etwas fragt, schließt er die Augen – und ich weiß nie, denkt er nach, oder ist er eingeschlafen?

Fellmann: »Ich rede doch nur so lange, weil niemand anderer was sagt.« – Ich: »Ja, weil du alle hypnotisierst.« – Er: »Arschloch!« Es ist 19:20 Uhr, als das Wort zum ersten Mal fällt. Im Scherz, aber ganz sicher bin ich mir nicht, ob nicht eine Spur Ernst dabei ist. Aber dann sagt er: »Okay, du hast schon recht. Ich neige manchmal dazu, mich zu wiederholen.« Ich bin baff. Der Kollege überrascht mich irgendwie.

Der Mann beendet jeden, wirklich jeden Satz mit »irgendwie«. »Ich war mal in Italien, irgendwie. War total schön, irgendwie.« Ich würde sagen: Nervt irgendwie. Trotzdem mal ein bisschen Reichardt, den Menschen, ergründen. Hey, Lars, deine Kinder sind doch schon aus dem Haus, wie geht’s dir damit so? Augen zu. Endlose Stille. Dann: »Ja, is’ okay.« Das reinste Feuerwerk. Wir kommen am berühmten Goliathhaus vorbei, erbaut 1260. Wir reden über das Leben, über unerfüllte und erfüllte Träume. Reichardt sagt, »Wer geliebt werden will, muss sich selber lieben.« Schließlich stehen wir auf der Steinernen Brücke. Unter uns die gewaltige Donau, vor uns die Stadt, die Türme, die Händlerhäuser. Rei-chardt reißt die Augen auf und staunt. Jetzt schaut er begeistert wie ein kleines Kind. Vielleicht ist er doch ganz in Ordnung?

Kopfweh hat er am nächsten Morgen. Von dem bisschen Wein, den wir zum Abendessen hatten. Das Frühstück kommt nicht, er fängt an zu quengeln. Aber er hat ja recht, es dauert wirklich zu lange. Beim gemeinsamen Frühstücksteller sind wir ein gutes Team: Er nimmt den Schinken, ich die Salami. Ist doch was.

Ich sage: »Mal sehen, vielleicht deute ich im Artikel doch an, dass ich dich ganz okay finde, Lars.« Er schaut an mir vorbei und brummt, »Bloß keine Verbrüderungs-Sauce.« Wir steigen ins Auto und fahren zurück. Aus den Boxen dröhnen die Tuareg. Der Wagen klappert, als würde er jeden Moment auseinanderfallen. 110 Kilometer linke Spur bis München.

Zurück in der Redaktion. Wir gehen gemeinsam in die Kantine. Haben wir nie zuvor gemacht. Passt schon mit dem Max. Irgendwie.

SCHLAFEN: Das »Hotel Orphée« liegt in der Altstadt, ist voller alter Filmplakate und wirkt wie eine Kulisse aus einem Märchenfilm. Doppelzimmer ab 105 Euro (idealerweise im »Großen Haus« – der »Andreasstadel« steht auf der anderen Donauseite).
ESSEN: Das Restaurant im »Orphée« genießt einen hervorragenden Ruf, noch edler (aber auch teurer) ist das schwedische Sternerestaurant »Storstad«, ebenfalls in der Altstadt.
ANSONSTEN: Regensburg bietet genug für ein Wochenende, aber ein Ausflug zur Walhalla lohnt sich immer: Leo von Klenzes bizarrer Prachtbau sitzt hoch über der Donau und bietet einen fantastischen Blick in Richtung Süden, fast bis zum Bayerischen Wald.