Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 42/2017 Das Beste aus aller Welt

Ein Faultier im Kronleuchter

Von Axel Hacke  Illustration: Dirk Schmidt

Einfach mal cool abhängen? Niemand kann das so gut wie das neue Wappentier unserer Zeit.

Anzeige
Wusstest du, sage ich zu Bruno, meinem alten Freund: Das Faultier erfreut sich zunehmender Beliebtheit?

Erfreut scheint mir nicht das richtige Wort, erwidert Bruno. Ich schätze, Beliebtheit ist einem Faultier egal. Worauf es ihm ankommt, ist Faulheit. Das Einzige, was ein Faultier erfreut, ist, in Ruhe abzuhängen.

Viele Tiergärten möchten dringend Faultiere erwerben, sage ich, weil das Publikum sie liebt. In Denver/ Colorado gibt es einmal im Jahr ein Faultierwochenende; die ersten hundert Besucher dürfen Selfies mit einem Faultier machen - da stehen die Leute vor Sonnenaufgang Schlange. In dem Film Ice Age gibt es ein Faultier namens Sid und in Zoomania eines, das heißt Flash. Es handelt sich dabei um den Angestellten einer amerikanischen Führerscheinstelle, die scheinen für Langsamkeit bekannt zu sein. Außerdem gibt es die Schauspielerin Kristen Bell, sie liebt Faultiere, aber weil sie noch nie eines gesehen hatte, brachte ihr ihr Freund zum Geburtstag eines mit. Ihr Heulkrampf, bevor sie es auch nur gesehen hatte, machte sie berühmter als jeder Film. 25 Millionen Menschen haben das Video vom ihrem Sloth Meltdown gesehen, dem Faultier-Zusammenbruch.

Ich heul auch gleich, sagte Bruno. Was für ein Kitsch! Die Frau gehört ins Dschungelcamp.

Zoologen haben im Fell eines wild lebenden Faultiers ...

Wild lebend?, ruft Bruno. Ein Faultier? Nicht dein Ernst!

... jedenfalls war es kein Zoo-Faultier! Zoologen haben also dort 978 Käfer gefunden, dazu neun Sorten Nachtfalter sowie Zecken und Milben und winzige blaugrüne Algen, die im Dschungel der Tarnung dienen, weil sie das Fell färben? Ein Faultier ist eine Welt für sich!

Ich wusste es nicht, weil ich es nie wissen wollte, sagt Bruno. Ich hasse diese Hypes. In Wahrheit werden die Urwälder abgeholzt, in denen Faultiere leben. Aber im Internet kriegen die Leute Weinkrämpfe, weil sie Faultiere süß finden. Wie eklig ist das denn?!

Das Faultier ist das ideale Tier für unsere Zeit!, rufe ich. Noch bei Grzimek kann man über Faultiere lesen, »die Bedächtigkeit ihrer Lebensäußerungen führt eher zu Abneigung«, weil die Menschheit die Geschwindigkeit vergöttere. Schon das Wort »Faultier« ist eine Beleidigung; in der Welt stand, man nenne eine Kuh auch nicht »Rumstehtier«. Heute, Jahrzehnte nach Grzimek, überfordert uns das Tempo. Wir vergöttern ein entschleunigtes Wesen. Das Faultier lässt nicht nur im Urlaub die Seele baumeln. Es baumelt selbst Tag für Tag. Übrigens: Das einzige Geräusch, das es tagsüber macht, sind tiefe Seufzer, das steht bei Brehm.

Kennst du das Buch Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, fragt Bruno. Die Antwort ist: ein Faultier!

Eben nicht, sage ich. Zu diesem Zweck begeben sich die Tiere auf den Boden, aber nur alle acht Tage, denn da unten lauert der Puma. Andererseits sind Faultiere wehrhaft. Bei Brehm las ich auch, man habe einen Hund auf ein gefangenes Faultier gehetzt, worauf das Tier diesen Hund mit den Armen umklammerte und vier Tage lang festhielt. Es war nicht möglich, ihm den Hund zu entreißen.

Und dann?

War der Hund tot, sage ich.

Vielleicht sollte man Schafherden von Faultieren bewachen lassen, sagt Bruno, zum Schutz gegen streunende Wölfe.

Jedenfalls lösen Faultier-Fotos bald das Katzenbild im Internet ab. Und vielleicht hat man auch lieber ein Faultier im Kronleuchter als einen Hund in der Hütte?

Wie geht man mit einem Faultier Gassi?, fragt Bruno. Alle acht Tage zu zweit? Und es hängt an einer Stange, von zwei Mann in den Park getragen, wo es unendlich langsam ins Gebüsch kriecht, um dort . . ?

Anzeige
Axel Hacke

Zur Vorbereitung dieser Kolumne und zur Einfühlung in das Seelenleben des Faultiers hing Axel Hacke eine Woche lang am Kronleuchter seines Büros und stieg nur herab, um … äh, um den Telefonanruf entgegenzunehmen, mit dem die Redaktion ihn an den Abgabetermin des Textes erinnerte. Seine Antwort: ein Seufzer.