Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 16°
Anzeige
Anzeige

Vorgeknöpft: die Modekolumne 20. Oktober 2017

Ist Kai Pflaume ein Hipster?

Von Maria Hunstig  Fotos: Screenshot Instagram

Auf Instagram outet sich der Moderator als Kenner angesagter Marken wie Supreme und posiert mit dem hippen Modemacher Gosha Rubchinskiy. Prompt bekommt er Beef mit einem Rapper. Ein Fall, der viel über die Gesetze der Mode erzählt.

Kai Pflaume mit Designer Gosha Rubchinskiy und im Retro-Neunzigerjahre-Trainingsoutfit

Anzeige
Kai Pflaume, der Szenekenner – wer hätte das gedacht. Der beliebte Fernsehmoderator, dem man auf den ersten Blick die Street Credibility eines Einstecktuchs attestieren würde, postete diese Woche auf Instagram ein Foto von sich und einem der derzeit angesagtesten kreativen Köpfe der Modewelt, dem russischen Designer und Fotografen Gosha Rubchinskiy. Um sein Insider-Wissen noch weiter zur Schau zu tragen (»Gosha Rubchinskiy ist ein cooler Typ«), packte er noch alle einschlägigen Hashtags der Szene dazu: #hypebeast, #strassenmodekultur oder auch #verbandbotanischergarten, dem Namen einer Facebookgruppe zum An- und Verkauf rarer Streetwear-Teile, limitierter Turnschuhe und Co.

Kai Pflaumes Fantum fällt in eine Zeit, in der Streetwear längst nicht mehr einem exklusiven Club eingeweihter Skateboarder und Hip-Hopper vorbehalten ist. Dabei hatten viele der heute angesehensten Marken der Branche ihren Ursprung als kleine T-Shirt-Labels für Freunde.

So auch Supreme, das derzeit vielleicht wichtigste Label der Szene. Supreme startete 1994 als Skateboard-Shop in der New Yorker Lafayette Street, der bald zum exklusiven Szene-Treffpunkt wurde. Dank provokanter Guerilla-Werbung, auserwählter Künstler-Kooperationen und limitierter Produktverfügbarkeit (Supreme wird bis heute ausschließlich in eigenen Läden verkauft - und natürlich in den Tiefen des Internets wiederverkauft) entwickelte sich die Marke mit dem prägnanten roten Box-Logo über die Jahre zu DEM Erkennungszeichen wohlinformierter Streetwear-Fans. Anfang dieses Jahres folgte dann so etwas wie der modische Ritterschlag – oder  eben je nach Sichtweise der seelische Ausverkauf Supremes: Eine Design-Kooperation mit dem französischen Luxusmodehaus Louis Vuitton, die während der Pariser Fashion Week vorgestellt wurde.

Die knallroten Luxushandtaschen und logoüberhäuften Jeans-Ensembles der Zusammenarbeit erreichen auch dank ihrer saftigen Preise – ein lederbezogener Skateboard-Koffer kostet rund 43.000 Euro – eine ganz andere Zielgruppe als die einstigen Skate Kids. Fußballprofis wie der Bremen-Spieler Izet Hajrović lassen sich regelmäßig im Supreme-Kopf-bis-Fuß-Look ablichten und auch Glamour-Ladies wie etwa die russische Musikproduzentin und Eiskunstläufergattin Yana Rudkovskaya zeigen sich gern mit ihrem Supreme-Luxusrucksack.

Das stößt selbstverständlich auf Missgunst der einstigen Insider – auch im Fall Pflaume. Der deutsche Rapper RIN, für den Marken wie Supreme oder Gosha Rubchinskiy nicht nur zum wohlselektierten Standardoutfit gehören, sondern auch einen Großteil seiner Liedtexte bestimmen, kommentierte unter einen entsprechenden Facebook-Post des Hip-Hop-Magazins Juice, er fände es »traurig, dass sowas zustande kommt«, halte Pflaume für einen »privilegierten Typ, der das gesamte Ding nur durch seinen Sohn kennt« und die Kunst Rubchinskiys nicht richtig wertschätzen könne.

Letzten Endes sind die kleinen, exklusiven Dinge im Leben doch oft von begrenzter Dauer: die Band, die auf ihrer ersten, weithin unbekannten Platte »noch viiiel besser« war; der Stadtteil-Italiener, zu dem man schon hingegangen ist, als er noch nicht auf irgendeinem angesagten Food Blog erschien. Es gibt Sachen, von denen man hofft, dass sie nie von anderen entdeckt werden. Werden sie aber.

Supreme-Gründer James Jebbia hat kürzlich einen Teil seines Unternehmens an Investoren verkauft und auch Rubchinskiys Label wird seit Jahren vom finanzstarken Comme des Garçons-Konzern betrieben. Die gute Nachricht ist: Es wird immer etwas Neues, noch Unentdecktes geben. Kreativität gibt es da draußen ja zum Glück genug.

Am Ende sah übrigens RIN mit seinem Genöhle nicht gut aus. Nach einer durchaus humorvollen Facebook-Antwort Kai Pflaumes entschuldigte sich RIN bei dem Moderator und lud ihn und seine Söhne ein, backstage bei seinem nächsten Konzert vorbeizukommen. Schluss mit dem Anpflaumen, nur die Liebe zählt, das hat der liebe Kai doch schon immer gewusst.

Trugen einst:
Szenige Skate-Kids 
Trugen dann:
Labelfixierte junge Rapper
Tragen heute:
Superreiche, Fußballer, russische Pop-Sternchen, Modevolk

Anzeige
Maria Hunstig

ist Redakteurin beim Modefachmagazin Sportswear International. Sie hat schon Leute in Würde eine Warnweste tragen sehen und ist deshalb überzeugt, dass Stil vor allem eine Frage der Haltung und des Kontexts ist. Diesem geht sie regelmäßig in dieser Kolumne auf den Grund.

  • Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Mann trägt wieder rosa

    Jared Leto hat schon so ziemlich alles angezogen, was je als Kleidungsstück vermarktet wurde. Dass er jetzt als Märchenonkel mit Bastelblume auftritt, ist auch auf gesellschaftlicher Ebene progressiv. 

    Von Maria Hunstig
  • Anzeige
    Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Knotenfrau

    Jennifer Lawrence knotet ihre Micro-Bluse nicht über dem Bauchnabel, sondern an den Schlüsselbeinen – wo soll das nur hinführen?

    Von Silke Wichert
  • Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Eine gute Lüftung ist alles

    Sie fragen sich in Läden auch immer, wer diese Jeans mit riesigen Löchern und Schlitzen kauft? Nun, Lewis Hamilton. Überhaupt ist der Formel-1-Weltmeister modisch gesehen ein bunter Hund, auch wenn man es nicht auf den ersten Blick vermutet.

    Von Maria Hunstig