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Wild Wild West: Amerikakolumne 20. Oktober 2017

Schmutz dringend gesucht

Von Michaela Haas  Foto: AFP

10 Millionen US-Dollar bietet Erotik-Mogul Larry Flynt für Beweise, die zur Amtsenthebung von Donald Trump führen könnten. Unser Autorin macht sich große Hoffnungen auf das Geld.

Würden Sie von diesem Mann Geld annehmen? Zehn Millionen Dollar bietet der Porno-Verleger Larry Flynt für Hinweise, die zur Amtsenthebung von Donald Trump führen.
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Dies hier wird meine bestbezahlte Kolumne aller Zeiten. Ja, wirklich. Mit diesen Zeilen werde ich zehn Millionen Dollar verdienen. Larry Flynt, der Gründer des einschlägigen Gynäkologen-Fachblatts Hustler, bietet diese Summe für »Schmutz, der zur Amtsenthebung von Donald Trump führt«. Also, mit Schmutz kann ich dienen, kein Problem. Schubkarrenweise!

Das meine ich wörtlich: allein der Dreck, den die Kohle- und Minenwerke dank Trumps Anordnungen nun wieder ungerührt in Flüsse und in die Luft pusten dürfen, sollte reichen, um den Mann in Schande untergehen zu lassen.

Flynt hat vor ein paar Tagen eine ganzseitige Anzeige in der Washington Post geschaltet und versichert, das Angebot sei ernst gemeint: »Ich werde die ganze Summe bezahlen. Klar, ich könnte mir von den zehn Millionen einigen Luxus leisten, aber was habe ich davon, wenn die Welt vom mächtigsten Schwachkopf der Geschichte verwüstet wird? Es ist meine patriotische Pflicht und die Pflicht aller Amerikaner, Trump loszuwerden, bevor es zu spät ist.«

Flynt selbst ist vielleicht nicht der seriöseste Geschäftsmann, weiß aber aus eigener Erfahrung, dass sich manche Probleme eben doch mit Geld lösen lassen: »Seine Milliardärs-Kumpel werden ihn wohl nicht verpfeifen, aber ich bin mir sicher, dass es viele Leute gibt, für die zehn Millionen Dollar viel Geld sind.«

Flynt legt dabei schon eine ganze Palette guter Argumente vor. In seiner Anzeige zählt er die möglichen Gründe auf, die für eine Amtsenthebung reichen könnten:
1. Verschwörung mit einer feindlichen fremden Macht zur Manipulation der Wahl sowie Justizbehinderung durch das Feuern von FBI-Direktor Comey;
2. Anstacheln von Unruhen durch Verteidigung des Ku Klux Klans und der Neonazis nach den Ausschreitungen von Charlottesville;
3. Massive Interessenskonflikte bezüglich seines weltweiten Business-Imperiums;
4. Hunderte von glatten Lügen:
5. Nepotismus und Beschäftigung völlig unqualifizierter Mitarbeiter;
6. Sabotage des Pariser Klima-Abkommens.

»Wenn das nicht mindestens ein Amtsvergehen ist, dann ist der Begriff bedeutungslos.« Aber am meisten sorgt sich Flynt um Trumps Faszination mit Nuklearwaffen und die reale Gefahr, der Präsident könne eine Apokalypse auslösen.

Die Verfassung verlangt für eine Amtsenthebung stichhaltige Beweise. Flynt sucht also nach der »smoking gun«, der noch rauchenden Tatwaffe, etwa den Steuererklärungen, die Trump so beharrlich verheimlicht, oder einem verärgerten russischen Spion mit einer verhängnisvollen Tonbandaufnahme. »Der Mann treibt seit 30 Jahren sein Unwesen«, meint Flynt, »da muss es garantiert etwas geben, was ihm zum Verhängnis wird.«

Weil ich in der Schule nur ein Jahr Russisch hatte, überlasse ich Ex-FBI-Chef und Sonderermittler Robert Mueller die Ermittlungen zu den russischen Verstrickungen der Trump-Gang. Der schnellste Weg, Trump loszuwerden scheint der 25. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung, der eine Amtsenthebung erlaubt, wenn der Präsident mental nicht in der Lage ist, sein Amt auszuüben.

Selbst Männer in Trumps eigener Partei scheinen Hinweise in dieser Sache geben zu können, etwa Außenminister Rex Tillerson, der Trump für einen »verdammten Schwachkopf« hält oder Parteifreund Bob Corker, für den das Weisse Haus zu einer »Betreuungseinricihtung für Erwachsene« verkommt. Sogar Trumps Ex-Berater Steve Bannon wird damit zitiert, er halte Artikel 25 für die größte Gefahr für Trumps Präsidentschaft. Normalerweise ziemt es sich für Psychiater nicht, Ferndiagnosen abzugeben, aber der Psychologe John Gartner diagnostizierte bei Trump »bösartigen Narzissmus«, der mit Paranoia, antisozialem Verhalten und Sadismus einhergehe. 27 Psychiater und Psychologen schlossen sich Gartner an und halten die Lage für so dringend, dass sie Artikel 25 geltend machen wollen. Sie veranstalten derzeit Diskussionsrunden in ganz Amerika und verweisen auf ihre »Pflicht zu warnen«.

Aber gerade bei Flynts Rolle als Chef eines Porno-Magazins ist es doch erstaunlich, dass  der aussichtsreichste Vorwurf, um Trump abzusetzen, in der Anzeige fehlt. Und für diesen Hinweis stehen mir dann bitte auch die zehn Millionen Dollar zu: Es gibt doch längst eine ganze Reihe von Straftaten, derer man Trump gar mehr nicht überführen muss, weil er sie schon gestanden hat – nämlich seine sexuellen Übergriffe.
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Die Enthüllungen über Hollywood-Mogul Harvey Weinstein erschienen zeitgleich mit dem einjährigen Veröffentlichungs-»Jubiläum« der »Pussy Tapes«, also der Veröffentlichung von Donald Trumps Prahlereien über seine sexuellen Übergriffe: »Wenn du ein Star bist, lassen sie dich alles machen. Ihnen an die Pussy fassen. Du kannst alles tun.«

Die Aktivistengruppe UltraViolet erinnerte die Nation an Trumps Vergangenheit, indem sie in der National Mall nahe dem Weißen Haus eine große Werbetafel mietete und Trumps Pussy-Tape 24 Stunden lang in Endlosschleife spielte: »Wir wollten das amerikanische Volk daran erinnern, wer Donald Trump ist«, sagte UltraViolet-Direktorin Emma Boorboor, »ein von sich selbst eingenommener, stolzer sexueller Beutejäger.«

Es war freilich nicht nur diese eine Aufzeichnung. Inmitten all der anderen Skandale der Trump-Regierung hat die Öffentlichkeit fast schon wieder vergessen, dass mindestens 15 Frauen Trump öffentlich beschuldigten, sie sexuell belästigt zu haben, unter anderem die Journalistin Natasha Stoyneff. Sechs Zeugen bestätigen ihre Aussage, Trump habe sie gegen eine Wand gepresst, ihr seine Zunge in den Mund geschoben und prophezeit, sie würden eine Affäre haben. Seine Ex-Frau Ivana sagte unter Eid aus, Trump habe sie vergewaltigt. Trump selbst gab damit an, ohne anzuklopfen in die Umkleideräume seiner Models zu stürmen, um sie halbnackt zu überraschen.

Statt der üblichen respektvollen Abkürzung POTUS (President of the United States) nennen ihn Kritikerinnen wie die Bestsellerautorin Rebecca Solnit nur PGOTUS (Pussy Grabber of the United States), Grapscher-in-Chief. Summer Zervos, eine ehemalige Kandidatin in Trumps Fernseh-Show The Apprentice, hat ihn ebenfalls eines sexuellen Übergriffs beschuldigt. Ihre Anwältin Gloria Allred hat Trump gerade eine Verfügung zugestellt, mit der sie alle Unterlagen zu den sexuellen Übergriffen auch der anderen Frauen anfordert. Trump hat bis zum 31. Oktober Zeit, darauf zu antworten.

Es geht allerdings nicht in erster Linie um Sex, es geht um Macht. »Trump und Weinstein sind beide sexuelle Belästiger und Beutejäger«, schreibt der frühere Arbeitsminister Robert Reich diese Woche in Newsweek. Vielleicht genau deshalb sollte man ihnen die Macht entziehen. Wer begrüßt, dass Weinstein wegen der sexuellen Übergriffe gefeuert wurde, sei daran erinnert, dass ein anderer Grapscher zum Präsidenten befördert wurde. Und er sich deswegen auch wieder absetzen lässt.
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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