Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

Mode 20. Oktober 2017

Wie ich versuchte, meinem Sohn den heißen Scheiß zu besorgen

Von Nataly Bleuel  Foto: palaceskateboards.com

Bei Drops, so nennt man zeitbegrenzte Internetverkäufe, wird hässliche, aber teure Sportswear verscherbelt. Weil es aber immer nur wenige Stücke gibt, spielen Teenager verrückt – und ihre Mütter erst recht.

Was an dieser Jacke ist schwerer verdaulich: die grellbunten Farben oder der Produktname »WARPER REVERSIBLE FLEECE NAVY, NAN'S USED TO SAY COZY NOW RAPPERS DO«?
Anzeige
Ab und zu will ich eine verständnisvolle Mutter sein, eine, die den heißen Scheiß mitmacht und dafür von ihren Söhnen angehimmelt wird. Nicht andauernd, aber alle paar Monate mal, ich dosiere das bewusst.

Daher kam es, dass ich am Donnerstag, beim Arbeiten, ab circa 11 Uhr 50 recht nervös wurde. Mein Großer, fast 15 ist er, hatte mir, bevor er zur Schule ging, auf meinem Smartphone einen Wecker gestellt. Damit du »den Drop« auf keinen Fall verpasst, hatte er gesagt. Und mich instruiert: Du gehst ein paar Sekunden vor 12 Uhr auf den Link, den ich dir geschickt habe. Dann musst du die Seite ein paar Mal reloaden, vergiss das nicht, damit du ab Punkt 12 echt drin bist; ich kann da nicht, ich hab da Physik. Dann soll die Checker-Mama das WARPER REVERSIBLE FLEECE NAVY, NAN'S USED TO SAY COZY NOW RAPPERS DO auswählen. Das ist eine Jacke mit einem grellbunten Futter, das mich so schlimm an die Achtziger erinnert, dass ich sehr viele Karmapunkte bekäme, wenn ich sie in unser Haus ließe. Wenn die schon weg ist, hat mein Sohn gesagt, klickst du auf das LINE STRIPE LONGSLEEVE NAVY, DAS HEAT IS ON oder auf den DOUBLE RIPE HOOD NAVY, DID YOU SEE WHAT I DUN CAME IN A WHITE TEE LEFT IN A GRUBBY ONE.

Okay. Mach' ich. Habe ich gesagt. Und geschluckt.

Aber nicht ohne eine Diskussion anzuzetteln, zwecks kritischer Bewusstseinsbildung. Dass das arschteure Klamotten sind; dass nur eine okay ist und dass er die selber zahlen muss; dass das eine einmalige Wahnsinns-Aktion bleiben muss, sich eine Jacke aus New York zu bestellen! Für 123 Dollar! Und so weit schicken zu lassen! Nur weil irgendwelche Gangsta- bzw. Wohlstands-Rapper die Ware derart perfide exklusiv verknappen, dass dem armen Menschenkind auf dem anderen Kontinent die Psyche getriggert wird wie einem Pawlowschen Hündchen auf Drogenentzug. Hast du diesen Verkaufstrick durchschaut?, habe ich meinen Sohn gefragt während er über die Seiten von Palace, Supreme und Stüssy scrollte.

Ja klar, hat er beteuert. Dass er halt auf Instagram Hypebeast gucke, so ’ne Seite mit dem heißem Scheiß; dass er, typisch Millenial, etwas haben wolle, was nicht alle tragen; und dass dafür zum Beispiel dieser Supreme-Laden aus New York immer donnerstags um 12 einen Drop veranstalte. Bei einem solchen Drop wisse man vorher nur als exklusiv Eingeweihter, was sie diese Woche »launchen« und dann müsse man ganz schnell reinkommen und auswählen und meistens sei die Ware innerhalb von Sekunden weg. Wir würden das bestimmt wieder nicht schaffen, also solle ich mir keine Sorgen machen: klappt eh nicht und wenn doch, er habe gespart. Nur einmal, Mama! Bitte! Außerdem brauche ich echt eine Winterjacke!

Wie gesagt, ab und zu braucht die Mama diesen überglücklichen Kinderblick. Und ich weiß, dass solche Momente in die Geschichte meiner Söhne eingehen werden. Ich werde auch nie vergessen, wie mir meine Mutter mit 14 ein total überteuertes T-Shirt schenkte, es war extrem groß, lilablassblau, hatte ein Bananen-Motiv und man knotete es an der Seite. Auch wenn wir es einfach nur Banana-Shirt nannten und nicht YOU BETTA GUESS MOMS GONNA GIVE YA DA HOT SHIT.

Man kann, was da social-media-psychologisch mit den Millenials und auch uns »Gen Xers« veranstaltet wird, auch in erwachsenen Marketing-Sprech übersetzen. Der Mensch, das hat der Nobelpreisträger Daniel Kahneman gesagt, leidet quasi unter einer anthropologisch verankerten »Verlustaversion«: Eher versucht er, den Verlust von fünf Euro vermeiden als fünf Euro zu gewinnen. Das kann dazu führen, dass er sich lieber etwas total Überflüssiges im Sonderangebot kauft als gar nichts.
Anzeige

Interessant wird etwas, eine Sache oder auch ein Mensch, wenn sie oder er sich rar macht. Und irgendwie schillert. Besonders junge Menschen glauben ja, sie müssten, zwecks Stärkung des Selbstbewusstseins, zu einer exklusiven Peergroup, einem Club, dazu gehören und sie wollen in der Regel nichts verpassen. Einen Drop zum Beispiel, einen »Flash-Sale« oder einen »Pop-Up-Store«. Auf amerikanisch nennt man die Angst, etwas zu verpassen FOMO: fear of missing out. Das Netz bietet nun die Möglichkeit, eine extrem verknappte, scheinbar hyperexklusive Ware noch mehr zu promoten – indem man dem potentiellen Käufer auch noch vor Augen führt: Guck mal, außer dir schauen sich gerade noch 174 andere das Produkt an – das es aber nur drei Mal gibt und dann niiie wieder! Vermarktungsprofis raten daher zu Flash-Sales, Zeitbegrenzungen mit Countdowns.

Ein Drop, sagte ich zum meinem Sohn und zitierte den Marketing-Professor Adam Alter, macht die Ware rar und diese Verknappung macht sie begehrenswert, weil nicht jeder sie haben kann, sondern nur Leute, die echt Bescheid wissen.

So wie du und ich, sagte er und sah mich mit diesem Hundeblick an.

Es ist nämlich so, dass 67 Prozent der Millenials und 56 Prozent der Generation Xers lieber online shoppen als im Laden; dass Leute wie wir etwa 50 Prozent mehr Zeit beim Online-Shoppen verbringen als Ältere; und dass Eltern generell mehr online shoppen als Erwachsene ohne Kinder.

Und es gibt sogar, sagte mein Sohn bevor er seinen Schulranzen überwarf und mir, thumbs-up, viel Erfolg beim Drop wünschte, eine App, die einem Dropzones anzeigt. Eine Dropzone ist ein realer Ort, zum Beispiel der Fischbrunnen auf dem Marienplatz, an den man zu einem bestimmten Zeitpunkt gehen muss, um nur dort dann um Punkt 12 das hyperangesagte und megaseltene DGSBMS aus dem New Yorker Laden zu ergattern.

Krass, was?, sagte mein Sohn und ich war mir nicht ganz sicher, ob er mit KRASS das gleiche meinte wie ich.

Jedenfalls habe ich es tatsächlich um Punkt 12 in den Drop geschafft und die hässliche Jacke angeklickt. Doch als ich bezahlen wollte, war sie schon weg. Wie schade. Mein Sohn hat danach übrigens nie wieder vom WARPER REVERSIBLE FLEECE NAVY, NAN'S USED TO SAY COZY NOW RAPPERS DO gesprochen. So dringend war es also.
  • Mode

    »Nur Trottel tragen nachts eine Sonnenbrille«

    Was macht guten Stil aus? Die Popsängerin Lorde erzählt im Interview von ihren Vorbildern, dem notwendigen Willen zur Schrägheit und warum eine schlechte Erfahrung ihrem Selbstbewusstsein geholfen hat.

    Interview: Jens-Christian Rabe
  • Anzeige
    Mode

    Der Fremde in mir

    Sich verkleiden, verwandeln, ein anderer werden: Der Schauspieler Peter Simonischek geht ganz darin auf.

    Von Gabriela Herpell
  • Mode

    Eine Landpartie

    Ein großer Garten bei Berlin. Eine Gruppe Schauspieler und Models. Schön gedeckte Tische. Und gutes Essen. Wie könnte man besser auf die aktuellen Kollektionen anstoßen?