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Wortewandel: Sprachkolumne 21. Oktober 2017

Nein, nein und nochmals nein

Von CUS  Foto: Dirk Hinz/photocase.de

Nein heißt Nein. Aber was bedeuten »weit gefehlt« oder »nichtsdestotrotz« noch mal genau? Anlässlich einer schwer verständlichen Facebook-Werbung geht unser Kolumnist dem Wesen der Verneinungen auf den Grund.

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»Alle Bilder, die du auf Facebook postest, gehören nicht uns.« Mit dieser Headline wirbt Facebook derzeit in Deutschland. Kann es sein, dass der Slogan komplett in die Hose gegangen ist? Was Facebook uns wohl sagen wollte: »Kein Bild, das du auf Facebook postest, gehört uns.« Stattdessen lese ich die Headline sinngemäß so: »Nicht alle Bilder, die du bei uns hochlädst, gehören uns – aber einige halt doch.« Verneinungen sind eben nicht so einfach, die kann man auch als Weltkonzern mit einer Armada von Werbetextern verkorksen.

Selbst einfache Verneinungen sind oft schwer zu verstehen. Ich muss jedenfalls immer dreimal überlegen, wenn ich Ausdrücke höre wie weit gefehlt, geschweige denn, nichtsdestotrotz. Das schöne unbeschadet kommt gleich mit zwei Bedeutungen daher: einmal »ohne Schaden für« und einmal im Sinne von »trotz«. Manchmal verneint eine Verneinung auch nichts: Kosten und Unkosten sind etwa das Gleiche oder nerven und entnerven. Da wir schon bei derlei Begriffen sind – selbst manche Ausdrücke ganz ohne Verneinung verstehe ich kaum: wie und ob, von wegen, Gott behüte oder zuzüglich.

Einige Ausdrücke verwenden wir nur in Verbindung mit nicht oder kein: Deut, sich entblöden, geheuer, Sterbensseele, umhinkönnen, Zuckerlecken. Ein Sonderfall ist warnen: Wir warnen jemanden, etwas zu tun. Engländer aber verneinen das: I warn you, not to do something. Was wäre logischer? Verständlicher ist jedenfalls die deutsche Version.

Ziehen wir die Daumenschrauben an: Doppelte Verneinungen. Schon das Wörtchen nichts ist ursprünglich eine doppelte Verneinung, denn es kommt von nichtes nicht und mutierte schließlich zu nichts.

Viele Wörter enthalten eine doppelte Verneinung: Aus verständlich wird missverständlich und doppelt verneint unmissverständlich. Ebenso unwiderstehlich, unwiderruflich, unentschieden, unentdeckt.
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Gibt es noch mehr als doppelte Verneinungen? Na klar, ganze Kaskaden an Verneinungen stehen im Bürgerlichen Gesetzbuch BGB. Viel Vergnügen bei der Lektüre. In § 164 heißt es über die Stellvertretung: »Tritt der Wille, in fremdem Namen zu handeln, nicht erkennbar hervor, so kommt der Mangel des Willens, im eigenen Namen zu handeln, nicht in Betracht.« Stark, was? Kürzer, präziser und schwerer verständlich kann man es nicht sagen, nicht von ungefähr ein Juwel der Formulierungskunst. Die kleine Feinheit ist dabei der Mangel als die Abwesenheit von etwas, also eine versteckte Verneinung.

Nichts für ungut, aber es geht wirklich besser. Bleiben wir im BGB und schlagen § 118 auf. Dort erfahren wir über Willenserklärungen: »Eine nicht ernstlich gemeinte Willenserklärung, die in der Erwartung abgegeben wird, der Mangel der Ernstlichkeit werde nicht verkannt werden, ist nichtig.« Genial – drei direkte Verneinungen (nicht, nicht, nichtig) und zwei versteckte Verneinungen (Mangel und verkannt). Der eine Satz reicht locker als Gutenacht-Lektüre, brennt dabei ein paar neue Windungen in Ihr Gehirn ein.

Teufel auch, die Juristen! Sind wie Werbetexter. Beide Spezies bringen nur vor, was zugunsten ihrer Schützlinge spricht. Und was dagegen spricht, das lassen sie tunlichst weg. Drum ist die zitierte Headline möglicherweise gar nicht verkorkst, am Ende steht die mit Absicht so verquer da?

Schön sehen wir das im weiteren Text der Facebook-Anzeige. Der Vertrag, den jeder Nutzer mit Facebook geschlossen hat, »besagt, dass wir kein Einziges deiner Fotos verkaufen dürfen.« Das mag für 13-jährige Netzjunkies wie eine wasserdichte Garantie klingen. Für Klardenkende heißt es soviel wie: »Na schön, verkaufen werden wir deine Bilder zwar nicht, aber ... verwenden, benutzen, anderen zur Verfügung stellen? Nicht ausgeschlossen.« Wie anders sollte man die Werbung des Weltkonzerns verstehen, die gewiss drei Dutzend gestrenge Advokaten geprüft haben.

Das alte Dilemma: Für unbescholtene Leser ist wichtig, was dasteht (»nicht verkaufen«). Juristen sind dressiert, ganz anders zu lesen. Denn mindestens so wichtig wie das, was dasteht, ist das, was nicht dasteht. So kann man Laien, hum, irreführen sollten wir doch nicht sagen. Sagen wir es netter: So kann man Laien prima auf die gewünschte Fährte locken. Denn die finden immer nur wichtig, was dasteht! Selten so gelacht.

Zum Schluss eine Wette. Sie kennen die üblichen Verneinungssilben wie un-, ent- oder miss-. Aber kennen Sie auch die seltenste Verneinungssilbe im Deutschen? Wette dagegen. Diese Silbe verneint nur ein einziges saftiges Wort unserer Sprache. Vielleicht kommen Sie nicht mal auf das Wort, wenn ich Ihnen diese Vorsilbe nenne: Schla heißt sie. Diese Silbe sagt Ihnen rein gar nichts? Massel gehabt, Wette gewonnen.
CUS

In seiner Online-Kolumne »Wortewandel« untersucht er nun sprachliche Kuriositäten und ungewöhnliche Redewendungen, die uns im Alltag vielleicht gar nicht so schnell auffallen. Mehr von CUS gibt es auf seiner Webseite cus-raetsel.de.