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Vorgeknöpft: die Modekolumne 26. Oktober 2017

Politik nach Gutsherrinnenart

Von Silke Wichert  Fotos: AFP, Getty

Im neuen Bundestag sucht die AfD den großen Auftritt – auch modisch. Wie halten die anderen Parteien dagegen?

Bei der ersten Sitzung des neuen Bundestags präsentierte sich Frauke Petry (links) im hellblauen Spitzenkleid, Alice Weidel (rechts) im Preppy-Look. Ob Angela Merkel mit ihrem betongrauen Blazer zum Ausdruck bringen wollte, dass sie sich von den Parlamentsneulingen nicht aus der Ruhe bringen lassen wird?
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»Back to School!« ist eine große Sache in der Mode. Jeden Herbst sieht man Werbekampagnen mit Kindern und Jugendlichen, die sich topaktuell gekleidet und deshalb freudestrahlend ins neue Schuljahr aufmachen. Das ist natürlich ganz simpler Konsumdruck, der hier von der Industrie aufgebaut wird. Leicht zu durchschauen, trotzdem schaut jeder auf den Anderen. Wenn es wieder losgeht, muss der Look einfach sitzen.

So gesehen war auch die konstituierende Sitzung des neuen Bundestags am Dienstag modisch gesehen etwas interessanter als sonst. Back to Bundestag – was zieht man da an? Schließlich wird von dieser Sitzung besonders viel berichtet, erst recht diesmal, wenn zum ersten Mal AfD-Abgeordnete im Parlament sitzen.

Deren Parteifarbe Blau kam für die Kanzlerin folglich nicht in Frage. Trägt sie ohnehin eher auf Auslandsreisen. Sie wählte für die erste Sitzung stattdessen einen grauen Blazer, neutral, granithart, betont »business as usual«. Interessanter ist dagegen das Grau von Andrea Nahles, von der die meisten, so frisch in der Opposition, wahrscheinlich ein kämpferisches SPD-Rot erwartet hätten. Denkste. Subtext: »Ich bin halt unberechenbar!« Allerdings fällt sie mit ihrem lockeren Shirt an diesem Tag weniger auf als Sahra Wagenknecht, die in einem knallroten Kostüm erscheint – in genau demselben, das sie im September bei der letzten Bundestagssitzung vor den Wahlen getragen hatte. Ist ja irgendwie auch logisch und konsequent, dass sich die Linke nicht von Konsumterror beeindrucken lässt.

Der Vollständigkeit halber sollte man noch erwähnen, dass Claudia Roth sich auch für Rot entschied, aber eine sehr bunte Jacke drüberzog, was diesmal keineswegs zu schrill, sondern geradezu rührend anzusehen war. Wenigstens manches bleibt beim Alten, wo sich doch dieses Jahr eh schon so viel ändert.
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Wie also verhält sich die AfD, die zum ersten Mal dabei ist, Einschulung gewissermaßen. Einen guten Eindruck zu hinterlassen, gehört hier allerdings generell nicht zum Parteiprogramm. Alexander Gauland trägt also wie immer Tweedjackett und Jagdhundkrawatte, was Liebhaber dieser Rasse jedes Mal bis ins Mark erschüttert. Seine Kollegin Alice Weidel erscheint im  Landhaus-Preppy-Look, beigefarbene Hose, weiße Bluse, Perlenkette, blaues Jackett, Einstecktuch, Loafer – als wollte sie gleich ihre Güter abschreiten. Vielleicht soll das zur Äußerung des als Bundestagsvize durchgefallenen AfD-Parlamentariers Albrecht Glaser passen, der sagte, die AfD-Fraktion werde »schnell integrierter Bestandteil des Parlaments sein«. Zweifel an dieser Aussage sind angebracht.

Ein bisschen aufregend wird es bei der Ex-AfD-Chefin Frauke Petry: hellblaues Spitzenkleid mit tiefem Ausschnitt, schwarze Jacke, flache schwarze Schuhe. Man tut halt was man kann, um als fraktionslose Abgeordnete nicht übersehen zu werden. Zumindest in dieser Hinsicht ist von ihr wahrscheinlich noch viel zu erwarten.

Eine hat sie am Ende trotzdem alle überflügelt: Inge Deutschkron, 95, Journalistin, Schriftstellerin, Sozialdemokratin, Holocaust-Überlebende. Sie trägt ein durchgeknöpftes, pink-türkis-lilafarbenes Blümchenkleid. Der Print ist mindestens so stark wie die aus den letzten Balenciaga-Kollektionen. Sind es Stiefmütterchen? Oder doch eher revolutionäre Nelken? Egal, jedenfalls thront sie damit unbeirrt lässig auf der Publikumstribüne – und zwar genau über den neuen Rechten. Flower Power sticht Autoritarismus. Vielleicht doch kein so schlechter erster Tag, back im deutschen Bundestag.

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Silke Wichert

hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.

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