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Abschiedskolumne 09. November 2017

Lang-Nachrichtendienst

Von Dirk von Gehlen 

Weil jetzt 280 statt 140 Zeichen erlaubt werden, sind Twitter-Stars wie Stephen King und J.K. Rowling sauer. Unser Autor, der schon 25.000 Tweets verschickt hat, aber nicht – und die Münchner Polizei erst recht nicht.

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Abschied ist immer eine Frage der Perspektive. Selten ist diese Erkenntnis schöner sichtbar gemacht worden als diese Woche auf Twitter. Das weniger netzaffinen Menschen als »Kurznachrichtendienst« vorzustellende Angebot hat am Mittwoch seine strikte Zeichenbegrenzung aufgegeben – und damit den Begriff »Kurznachrichtendienst« eigentlich verabschiedet. Statt 140 können Nutzer künftig 280 Zeichen twittern – außer in China, Korea und Japan, wo aufgrund eines anderen Zeichensystems weiterhin 140 Zeichen gelten, die innerhalb von Minuten in den Adelsstand der »guten alten« erhoben wurden.

Schon als Twitter Ende September testweise und nur für wenige Nutzer den Abschied von der strikten Zeichenbegrenzung ausprobierte, regte sich eine Form des Widerstands, die man nur mit der angesprochenen perspektivischen Verzerrung erklären kann. 280 Zeichen wirken aus dem Blickwinkel der Kritiker plötzlich wie ein Mitteilungs-Marathon. Der Chefredakteur der Tageszeitung Die Welt leitete seine Kritik damals in einem Radiointerview in 114 ewig langen Zeichen so ein: »Ich bin ja sonst immer für alles Neue zu haben und finde, die Zukunft ist immer besser als die Vergangenheit. Aber...« Was folgte, lässt sich so auf den Punkt bringen: 280 Zeichen sind viel zu lang und verleiten zum »Herumlabern«.

Wäre man nur früher auf diese Erkenntnis gekommen. Man hätte in den Jahren 2009 und 2010 ganz viele Meinungen über Twitter gar nicht erst äußern müssen: Damals betrachtete der Zeitgeist die Zeichenbegrenzung nämlich aus der genau gegenteiligen Perspektive. Ein Kollege der Wochenzeitung Die Zeit war zum Beispiel der Meinung, Twitter versammle – »allein schon aus Platzgründen« – einzig Belanglosigkeiten. Er wählte mit dem Begriff »Unterschichtenfernsehen« einen nicht schmeichelhaft gemeinten Vergleich und kam zu dem Schluss (er brauchte dafür 113 Zeichen): »An der konzertierten Banalität erkennt man schnell, dass einen gewaltigen Vogel haben muss, wer da noch mitsingt.«

Eine ähnliche Melodie brachte der TV-Moderator Johannes B. Kerner im gleichen Jahr zum Klingen, als er vor laufender Kamera des ZDF einen (übrigens sehr kurzen) Selbstversuch auf Twitter zu der Erkenntnis führte: »Ich selbst habe mich damit heute erstmals beschäftigt und ich habe auch nicht vor, das anzufangen, weil ich es für die Pest halte.« Damit war Kerner damals nicht alleine – man drückte es gemeinhin nur etwas schöner und wortreicher aus, dass die 140 Zeichen ja niemals zu Belang führen können. Weil: viel zu kurz!

Das hat sich offenbar geändert. Anders ist kaum zu erklären, dass die 140 Zeichen aus Perspektive gegenwärtiger Twitter-Nutzer plötzlich schützenswert und besonders wirken. Vielleicht geht es dabei aber auch gar nicht um die genaue Zeichenzahl, sondern einzig darum, dass eine Veränderung immer anstrengend ist. Auf diese Anstrengung reagieren manche Menschen mit einem Reflex, der im Abschied vor allem eine Bedrohung für eigene Gewohnheiten erkennt – sogar dann, wenn genau diese Gewohnheit noch vor wenigen Jahren selber als Bedrohung wahrgenommen wurde.

Dirk von Gehlen hat als @dvg seit März 2007 über 25.000 Tweets geschrieben – und ist dabei nicht selten unzufrieden an die 140-Zeichen-Grenze gestossen. Er freut sich jetzt darauf, dass er künftig ein wenig mehr Platz hat - um sich kurz zufassen.

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