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Nackte Zahlen: Sexkolumne 15. November 2017

Wie Männer zu Vegetariern werden

Von Till Raether  Illustration: Eugenia Loli

Frauen finden Männer attraktiv, die gerne Steak essen, zeigen Studien. Weil zu viel Rindfleisch aber schlecht fürs Klima ist, brauchen vegetarische Gerichte dringend coolere Namen. Hier 17 Vorschläge: von »Reis-Bucket-Challenge« bis »Desert Storm«.

Wenn man insbesondere Männer dazu bringen könnte, öfter mal Gemüse statt Fleisch zu essen, wäre das gut für unseren Planeten – und schlecht für nervige Rollenklischees.
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»Fleisch essen macht Männer sexy« – das berichtet die Zeitschrift Psychologie Heute in ihrer aktuellen Ausgabe. Demnach haben die Psychologinnen Susanna Timeo und Caterina Suitner drei italienische Studien über den »Einfluss von Geschlechterstereotypen auf das Essverhalten« mit dem Ergebnis ausgewertet, dass die Studienteilnehmerinnen Männer, die gern Steak aßen, attraktiver fanden als Vegetarier. Die Männer hingegen »bewerteten vegetarisches Essen als weiblich«, bestellten deshalb selbst lieber Steak, bevorzugten aber, wenn die Frau vegetarisch aß.

Zwar ist dies eine von diesen Studien, die bestätigen, was man immer schon geahnt hat. Denn tatsächlich wird das Klischee vom Fleisch als Männer-Accessoire seit ewigen Zeiten aufgewärmt beim Sonntagsbraten (das größte Stück für Vati), in Männermagazinen für Fleischfans (Beef!, FH - Fleischer Handwerk), in der Werbung und auf Speisekarten: Es gibt kein »Holzfällerinsteak«, es gibt kein »Jägerinschnitzel«.

Die Sachlage war also bekannt, aber das macht den wissenschaftlichen Nachweis nicht weniger verstörend: Geschlechterstereotypen sind nicht nur die Hölle, sie verursachen sie auch, buchstäblich. Wenn die Welt eines Tages unbewohnbar wird, dann wegen des Klimawandels, verursacht durch Treibhausgase, von denen ein großer Teil bei der Massentierhaltung entsteht, weil: Vati will Fleisch. Vati fühlt sich sonst weiblich. Vati will sich aber nicht weiblich fühlen. Vati ist nicht Mutti. Also Fleisch. Mehr Fleisch. Könnte es wirklich sein, dass ein Großteil der Menschheit allein deshalb nicht aufhören kann, Fleisch zu essen, weil Gemüseverzehr irgendwie »weiblich« ist? Verlieren wir Millionen von Hektar Land an Futtermais und verseuchen unser Wasser mit Antibiotika und die Atmosphäre mit Methan, weil zu viele Männer Angst haben, überbackenen Brokkoli zu bestellen?

Insgesamt wäre es wünschenswert, dass noch einige Generationen auf diesem Planeten leben können, statt ihn sich von Rindern kaputtfurzen zu lassen. Daher müsste es ein Umdenken geben, so in die Richtung: Weniger Fleisch essen ist nicht »weiblich«, sondern vernünftig, und »weiblich« ist sowieso nur ein Haufen sozialer und historischer Klischees, die man durch eigenes Handeln jederzeit in Frage stellen kann. Aber was, wenn diese Gedanken zu komplex sind, um sich rechtzeitig durchzusetzen? Brauchen Männer wirklich eine Art Notfallprogramm, um keine Angst mehr vor Gemüsegerichten haben zu müssen? Vielleicht wäre es die Lösung, wenn, analog zum »Holzfällersteak«, gängige vegetarische Gerichte künftig folgende Bezeichnungen bekommen:
   
Reis-Bucket-Challenge (Gemüse-Risotto)
Reis-Bucket-Challenge: Jetzt erst recht! (Kürbis-Risotto)
Bonsai Cheese-Melt »Chuck Norris«
(Brokkoli mit Käse überbacken)
Eier-Zerstörer (Frittata)
Erdapfel-Sarg »Kernschmelze« (Kartoffel-Gratin)
Pump-Gun-Schuss-in-den-Ofen (Gemüseauflauf)
Mars-Mission »Elon Musk« (Tomatentarte)
Desert Storm (Falafel mit Gemüsedip)
Blutige Faust (Gefüllte Fleischtomate mit Buchweizen)
Blutige Kreissäge (Pizza Margarita)
Eier-Zerstörer 2: Das Ding aus dem Wald (Kräuteromelett)
Trittschalldämmung »Baumarkt Gang 7« (Nudeln mit Pesto)
Bonsai-Inferno (Brokkolicreme-Suppe)
Mörtelbatzen im Dickbettverfahren (Kichererbsen-Kokos-Curry)
Alien vs. Predator (Seitan-Gulasch)
Flat Earth (Pesto-Ricotta-Pizza)
Schicht im Schacht (Mangold-Spinat-Ricotta-Lasagne)

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Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.