Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

Vorgeknöpft: die Modekolumne 16. November 2017

Mann trägt wieder rosa

Von Maria Hunstig  Foto: Gettyimages/Rune Hellestad - Corbis

Jared Leto hat schon so ziemlich alles angezogen, was je als Kleidungsstück vermarktet wurde. Dass er jetzt als Märchenonkel mit Bastelblume auftritt, ist auch auf gesellschaftlicher Ebene progressiv. 


Anzeige
Er wirkt wie eine aufgeschreckte Mischung aus Elijah Wood mit angeklebtem Rauschebart (Kopf), Wolfgang Joop (irres Lächeln, fliederfarbener Blazer), frühlingshafter Bastelstunde (Ansteckblume aus Krepppapier) und einem Rich Kid auf dem Crosstrainer (untere Körperhälfte): Jared Leto lieferte sich bei den MTV European Music Awards (EMA) am Wochenende einen wahrlich schillernden Auftritt.

Leto ist für seine modische Umtriebigkeit bekannt. Über die Jahre hat der amerikanische Schauspieler und Sänger so ungefähr jeden Stil mal mitgemacht: von Grunge (als Flanellhemd-tragender High-School-Schönling Mitte der Neunzigerjahre in »Willkommen im Leben«) über Goth-Punk (mit viel Eyeliner und schwarzem Leder in den Anfangsjahren seiner Band 30 Seconds to Mars) bis Boho-Chic (Leto hat sich immer wieder als ausgesprochener Poncho-Fan erwiesen). Von durchsichtigen Netz-Tanktops bis zu plüschigen Tiermützen hat Leto so ziemlich alles getragen, was jemals als Kleidungsstück vermarktet wurde und zeigte sich daneben auch mit seiner Haarpracht als überdurchschnittlich experimentierfreudig.

Jetzt hat Leto seinen Stil gefunden – dank seines Freundes, des Gucci-Designers Alessandro Michele. Es begann irgendwann im Jahr 2016, dass Leto sich bei öffentlichen und privaten Auftritten von Kopf bis Fuß in die eklektischen Kreationen des »neuen« Guccis hüllte, das unter der Kreativleitung von Michele zu einer gehypten Sinnesüberladung aus nerdigen Schluppenblusen, leuchtenden Farben und Stoffen, Retro-Logos und glitzernden Tierköpfen mutiert ist. Leto ist dabei kein Design zu wild. Hellblauer Samtmantel mit Donald-Duck-Stickerei, ein leuchtend grüner Gehrock mit rosafarbener Bundfaltenhose oder ein paillettenbesetztes Regencape über rüschiger Blümchenbluse? Alles an ihm gesehen.

Der »Ich habe einfach keine Zeit/Entscheidungskapazitäten übrig, um mir Gedanken über meine Kleidung zu machen«-Ansatz, der bei Mark Zuckerberg zu einer eintönigen Garderobe aus grauen T-Shirts und bei Barack Obama lange Zeit zu dunklen Anzügen führt(e), führt bei Leto offenbar zum blinden Griff in die jeweils aktuelle Gucci-Kollektion. Das mag zwar ebenfalls etwas einfallslos sein (und natürlich bewahrt einen das ausschließliche Tragen von Designerkleidung noch lange nicht vor fragwürdigen Outfits), es macht aber wesentlich mehr Spaß, dabei zuzuschauen.

Letos »Verkleidung« ist als Gesamtkunstwerk zu verstehen. Und wenn man sich die sonstigen Outfits des EMA-Abends mal ansieht, etwa Rita Ora im Bademantel oder die deutsche Influencerin Stefanie Giesinger in einem rätselhaften Wäschelook, dann wirken diese nicht weniger verkleidet, dafür aber sehr viel weniger kunstvoll und erfrischend.

Während Giesinger in ihrem Spitzen-Bodysuit und transparentem Negligé ein eher wenig modernes Frauenbild propagiert, zeigt sich Jared Leto mit pinker Rüschenbluse und all seinen sonstigen Kleidungsvorlieben auch auf gesellschaftlicher Ebene fortschrittlich. Die Auflösung von Gender-Grenzen? Leto ist deren modische Inkarnation.

Wird getragen von: gutgelaunten Elfen, Allessandro Michele und all seinen Jüngern
Wird getragen mit: Gucci und allem, was der Kostümschrank so hergibt
Nicht verwechseln mit: Athleisure

Anzeige

Maria Hunstig

ist Redakteurin beim Modefachmagazin Sportswear International. Sie hat schon Leute in Würde eine Warnweste tragen sehen und ist deshalb überzeugt, dass Stil vor allem eine Frage der Haltung und des Kontexts ist. Diesem geht sie regelmäßig in dieser Kolumne auf den Grund.

  • Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Eigensinnige Stilikone

    Whoopi Goldberg wirkt inmitten des durchgestylten Modevolks wie ein Sonderling, trotzdem war sie gerade Stammgast in den ersten Reihen der New York Fashion Week. Und das ist gut so!

    Von Maria Hunstig
  • Anzeige
    Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Olympioniken wie du und ich

    Die auffällige Olympia-Teamkleidung von Willy Bogner hat oft für Spott gesorgt. Bei der Eröffnungfeier am Freitag tragen die Deutschen bei Winterspielen nun erstmals Adidas. Dafür gibt es Applaus aus dem Ausland – aber unsere Modekolumnistin wird wehmütig.

    Von Silke Wichert
  • Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Der »Dad Style« im Realitätscheck

    Der unmodische Normalo-Look, genannt »Dad Style«, ist gerade ein angesagter Modetrend. Aber sieht man sich etwa den Schauspieler Ben Affleck an, ist das eher verwunderlich.

    Von Maria Hunstig