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Neue Fotografie 06. Dezember 2017

»Keine der beiden Seiten versucht eine Brücke zu schlagen«

Interview: Sarah Thiele  Fotos: Piotr Pietrus

Der Bialowieza-Wald in Polen gilt als letzter europäischer Tiefland-Urwald. Trotz des Abholzungsverbotes der EU, weigert sich die polnische Regierung die massiven Rodungen einzustellen. Den Kampf um die Unesco-Weltnaturerbstätte hat der Fotograf Piotr Pietrus dokumentiert.



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Name
Piotr Petrius
Geboren 21. Juli 1980
Wohnort Berlin
Ausbildung Diplom an der Akademie der Bildenden Künste in München in Malerei und Grafik, danach Meisterschüler der Ostkreuzschule in Berlin
Webseite: piotrpietrus.com

SZ-Magazin: Wie sind Sie zu dem Projekt gekommen?
Piotr Pietrus: Ich komme selber aus Polen und verfolge daher sehr genau die politische Situation, in welche Richtung sich alles verschiebt. Darüber hinaus bin ich ein sehr naturverbundener Mensch. Als ich von den Rodungen hörte, war ich schockiert. Was im Bialowieza-Wald ablief, war offensichtlich illegal. Das wollte ich mir vor Ort anschauen.

Der Bialowieza-Wald ist eine Unesco-Weltnaturerbstätte. Was macht ihn so einzigartig?

Teile des Waldes werden als Urwald eingestuft. Das bedeutet, dass der Mensch in diesen Regionen noch keinen Einfluss genommen hat. Es handelt sich um komplett unberührte Flecken Erde. In diesem Wald gibt es Ökosysteme, die sich nur entwickeln, wenn der Mensch nicht auf sie einwirkt.

Trotz des Abholzungsverbots nimmt die polnische Regierung dort in großem Stil Rodungen vor. Bis 2023 sollen 188 000 Kubikmeter Holz geschlagen werden, die in den Holzhandel übergehen. Der offizielle Grund für das Vorgehen, ist ein Borkenkäferbefall. Glauben Sie das?
Das war das Argument, mit dem die Regierung zunächst gefahren ist. Mit dem steigenden Druck der EU und der Öffentlichkeit, sind sie einen Schritt weiter gegangen. Jetzt begründet die Regierung die Vorgehensweise im Bialowieza-Wald mit der Sicherheit des Waldes. Es geht also nicht mehr um den Käfer, sondern um die rückwirkende Gefahr umstürzender Bäume, die einst vom Borkenkäfer befallen waren und Besucher gefährden könnten. Sicherheit ist ein Totschlagargument, mit dem man sicher alles begründen kann, wenn man will.

Was hat sich mit der großen medialen Aufmerksamkeit, insbesondere vor dem Hintergrund der Weltklimakonferenz, verändert? Wie ist die Stimmung?
Als ich dort ankam, bin ich schon auf ein relativ etabliertes Schlachtfeld getreten. Aus dieser Position heraus habe ich die Fronten als ziemlich verhärtet wahrgenommen. Die Anspannung wächst definitiv auf beiden Seiten. Gleichzeitig herrscht eine allmählich einsetzende Müdigkeit. Nichtsdestotrotz steigt die Polizeipräsenz und Blockadeaktionen werden mit jedem Mal ein Stück aggressiver aufgelöst. Keine der beiden Seiten versucht eine Brücke zu schlagen. Aber auch unter der Bevölkerung sind die Lager gespalten. Einige sind der Meinung, dass die Aktivisten eine wichtige Rolle erfüllen. Andere wiederum sind der Auffassung, dass die Aktivisten von z.B. der EU dafür bezahlt werden, dass sie sich an einen Bagger ketten. Es werden viele Falschinformationen gestreut. Da hört man die mitunter absurdesten Geschichten, die sich leicht widerlegen ließen, würde man ein wenig recherchieren.

Schätzungen zufolge wurden alleine im Sommer dieses Jahres täglich bis zu 300 Bäume gefällt. Welche Folgen hatte das Waldroden bisher und mit welchen Konsequenzen muss gerechnet werden, wenn es nicht eingestellt wird?

An den Stellen, an denen die Harvester eingesetzt werden, das sind sehr aggressive Maschinen, werden die Böden zerstört. Er verdichtet sich und sackt bis zu zwei Meter tief ein. Damit ist Leben über- und unterirdisch kaum möglich. Auch Wasser kann auf diesen Flächen nicht mehr vom Boden gespeichert werden. So gibt es keinen natürlichen Genesungszustand des Waldes mehr. Zudem leidet der Tourismus extrem. Die Gegend möchte sich eigentlich als ein touristisches Zentrum etablieren. In diesem Jahr sind die Einnahmen aber deutlich zurückgegangen. Umweltaktivisten sehen als einen Lösungsweg, dass der Wald zu einem Nationalpark ernannt wird, sich zukünftige Einkunftsquellen also nicht mehr aus dem Holzhandel speisen, sondern aus dem Tourismus – das wäre die ideale Lösung. 

Die Aktivisten müssen Bußgelder und gewaltsame Räumungen über sich ergehen lassen. Hat man Sie geduldet?
Ich habe einen starken Druck bemerkt und auch, dass ich unwillkommen auf Seiten der Polizei war. Die Aktivisten hingegen haben meine Arbeit unterstützt, da sie sich durch Medienpräsenz sicherer fühlten. Oft wurde auch ein Band gespannt, das ich nicht passieren durfte. Nur von dort aus war es mir vielerorts gestattet Fotos zu machen - dort wo ich nichts sehen konnte.

Mittlerweile hat sich der Europäische Gerichtshof eingeschaltet. Er droht Polen mit einer Geldstrafe von 100 000 Euro pro Tag, sollte das Roden nicht unverzüglich eingestellt werden. Es könnte sogar im Extremfall zu einem Entzug des polnischen Stimmrechts kommen. 
An dem Tag, an dem das Urteil gesprochen wurde, erklärte der Dirktor des Staatsforstbetriebs bei einer Pressekonferenz, dass die Harvester an diesem Tag nicht ausscheren würden. Ich weiß allerdings von Aktivisten, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Eine Gruppe filmte das Roden und reichte die Informationen weiter. Ich kann nicht in die Zukunft sehen, was ich mir aber vorstellen kann, ist, dass es weitere Versuche geben wird Bäume zu schlagen, auch wenn das Ganze abflachen sollte.

Sind Sie Aktivist in dieser Sache?
Ich habe während meiner Arbeit versucht neutral zu sein, um beide Seiten betrachten zu können. Mittlerweile stehe ich mit dem Herzen zu den Aktivisten und dem Schutz des Waldes. Dennoch halte ich mich vor Ort aus Disputen bewusst raus. Wenn ich mich einmische, dann als eine dritte Partei, die den Dialog sucht und vermittelt.

Werden Sie bis zum Ende mit dabei sein?

Auf jeden Fall.

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