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aus Heft 49/2017 Reise

Das Kaufhaus der vergessenen Gepäckstücke

Von Susanne Schneider  Fotos: imago/ZUMA Press

Ein riesiges Geschäft in Alabama verkauft herrenlose Koffer - und deren Inhalt. Die Kunden kommen wegen der Hemden, Brillen, Schmuckstücke. Aber noch mehr wegen der Geschichten.

Am Drehständer Schirme und klappbare Kinderwagen. Und irgendein Kind vermisst jetzt seinen Plüschhammerhai.
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Jeden Nachmittag der große Moment, den Hunderte Besucher herbeisehnen, der aufgerissene Augen und langgezogene Aaahs provoziert und doch belangloser kaum klingen kann: Um halb drei werden Koffer geöffnet.

Wären versunkene Schätze von der Titanic darunter, man verstünde die Besucher sofort, aber vor ihnen liegen ausnahmslos herrenlose Gepäckstücke, gefunden irgendwo auf der Welt. Und in fast allen befindet sich, was man halt für eine Reise packt: Wäsche, Bücher, Seminarunterlagen, Badelatschen, Sonnenhut. Manchmal aber, und deswegen sind alle hier, verstaut einer obendrein seinen Laptop, seine Pelzjacke, Teile seiner Golfausrüstung oder einen Vibrator im Koffer. Dann wird das Versprechen wahr, mit dem das Kaufhaus der verlorenen Koffer, das Unacclaimed Baggage Center in Alabama, wirbt: »Du weißt nie, was du finden wirst«.

Das gilt auch für die Angestellten, die ihren Job üblicherweise im nicht zugänglichen Teil des riesigen Kaufhauses verrichten, nur um halb drei machen sie ihre Arbeit unter den Augen der Besucher, ziehen Gummihandschuhe über und teilen den Inhalt von ein paar zufällig gewählten Gepäckstücken unter vier Behältern auf: »Reinigen«, »Wegwerfen«, »Spenden« und »Testen« steht darauf. Sonnenbrillen, T-Shirts, Jeans, Jacken, deren Zustand ansehnlich ist, werden gereinigt und später ins Sortiment genommen, geschliffene Brillen oder Krücken gespendet, angebrochene Medikamente und Zahnpastatuben weggeworfen. Die Laptops, Tablets, Handys, die irgendwer in die Koffer gestopft hat, werden getestet und, wenn sie funktionieren, sämtliche persönlichen Daten darauf gelöscht. Dann werden die Geräte verkauft. Wie die vielen jetzt leeren und gereinigten Koffer auch. So geht es zu im Städtchen Scottsboro in der größten Touristenattraktion des US-Staates Alabama.

Natürlich haben viele der jährlich eine Million Besucher viele Fragen an die Angestellten, die diese freundlich beantworten, auch wenn sich jeder vorher auf der Webseite hätte informieren können: Ja, in diesem Kaufhaus wird ausschließlich der Inhalt aus jenen Koffern verkauft, die die amerikanischen Flug-, Bahn- und Busgesellschaften auch nach dreimonatiger Suche keinem Besitzer zuordnen konnten. Obwohl das nur einen winzigen Bruchteil aller Gepäckstücke ausmacht, gelangen täglich 7000 neue Einzelteile in den Verkauf, sagt Brenda Cantrell, Sprecherin und eine Art Markenbotschafterin des Kaufhauses. Und nein, ganz stimmt das nicht, denn seit einigen Jahren erwirbt das Kaufhaus auch Ladungen aus Schiffscontainern, die in den Weiten der Weltmeere ihren Besitzer verloren haben, deshalb gibt es einige neue Sachen im Angebot, Haushaltsgeräte zum Beispiel. Ja, fast alle Waren sind gereinigt. Nein, die Fluggesellschaften verdienen nicht mit, obwohl jene dreimonatige Besitzersuche aufwendig und teuer ist. Ja, es gibt auch Kaffee hier, »Starbucks« ist da vorn. Wie wir die Preise festlegen? Alles, was man hier kriegt, ist teurer als auf dem Flohmarkt, aber billiger als in einem regulären Geschäft. Und nein, nicht alles, was sich zu Geld machen ließe, wird verkauft, fast die Hälfte der Teile wird an soziale Einrichtungen gespendet. Anders hätte es der Gründer nicht gewollt.
Manche der ehemaligen Reise-Utensilien könnten in der nächsten Sicherheitskontrolle zum Gesprächsgegenstand werden.
Eine sehr amerikanische Geschichte: 1970 lieh sich Doyle Owens, ein frommer Familienvater, damals 39, in Alabama geboren, 300 Dollar und einen kleinen Lastwagen, fuhr nach Washington, kaufte die erste Ladung von Gepäckstücken, deren Besitzer nicht zu finden waren, und breitete sie in einer alten Lagerhalle auf einem Tapeziertisch aus. Owen schloss Verträge mit Fluggesellschaften, zahlte für jeden Koffer eine kleine Entschädigung und gründete schließlich in Alabama das erste und bis heute einzige Kaufhaus seiner Art, angewachsen auf fast 4000 Quadratmeter, Maße wie ein Straßenblock, zu dem die inzwischen größte Reinigung des Staates Alabama gehört, weil sie täglich bis zu 20 000 Einzelteile säubert.

Alles, was Flohmärkte und Secondhand-Läden bieten, gibt es im Unacclaimed Baggage Center auch. Aber eben noch viel mehr: ein Geheimnis, das jedes T-Shirt, jeden Fotoapparat umweht, eine Geschichte, die verrucht, spannend oder unaussprechlich sein kann. Warum packt einer seinen Ehering in den Koffer? Traf sich da ein Mann mit seiner Geliebten? Störte der Ring nur beim Tauchen? Sind die Finger in der Hitze Bangkoks oder Sri Lankas geschwollen? Welche Geschichte steckt hinter der afrikanischen Maske? Den Hochzeitskleidern? Der Ziehharmonika, den Gitarren, den mit Brillanten verzierten Schmuckstücken, dem Pferdesattel? Dem vakuumierten Frosch, der, unverkäuflich, nun im hauseigenen Museum zu sehen ist?

In Deutschland gibt es kein Kaufhaus dieser Art, und es müssten viele Verträge geändert werden, damit es so weit käme, obwohl natürlich auch hier Koffer übrig bleiben. Am Ende der dreimonatigen Suche nach dem Besitzer – die Frist ist in Deutschland genauso lang wie in den USA – werden die Koffer hierzulande nicht verkauft, sondern versteigert.

In Alabama werden allerdings auch die hübscheren Geschichten erzählt: vom Versace-Kleid, das einmal auf dem Laufsteg getragen, dann in einen Koffer gepackt wurde, in diesem Kaufhaus auftauchte und ganz schnell eine Käuferin fand. Vielleicht wäre es der Klapperschlange auch so ergangen. Da sie aber lebte, als der Koffer geöffnet wurde, gelangte sie nicht in die Verkaufsräume, sondern in den Zoo.
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Susanne Schneider

Susanne Schneider hat nur ein einziges Mal etwas in einem Secondhand-Laden gekauft: eine Lampe aus den Dreißigerjahren. Als unsere Autorin sie aufgehängt und das Licht angemacht hatte, platzte sie so laut, dass es sich wie ein Schuss anhörte. Zu Schneiders Verwunderung rief niemand die Polizei.

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