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bedeckt München
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aus Heft 51/2017 Die Gewissensfrage

Stau in der Postfiliale

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Ist es in Ordnung, den Briefmarkenautomaten in der Weihnachtszeit mit dem Einwurf von riesigen Mengen Kleingeld zu blockieren?

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»Ich sammle Kleingeld in einer Dose. Wenn sie voll ist, wandle ich die Münzen am Postautomaten in Briefmarken um. Normalerweise kein Problem, aber diesmal, kurz vor Weihnachten, bildete sich nach zwanzig Minuten eine lange Schlange hinter mir. Ich ließ eine Frau vor, den anderen sagte ich, dass es noch mindestens zwanzig Minuten dauere. Wie verhalte ich mich richtig?« Ulrich S., München


Die Antwort auf Ihre Frage ist einfach. Packen Sie Ihre Münzen ein und gehen Sie wieder nach Hause! Noch besser: Überlegen Sie vorher und fangen Sie erst gar nicht damit an.

Begründen kann man das auf zweierlei Weise. Einmal, passend zur Jahreszeit, mit Weihnachten: Trotz aller konsumistischen Auswüchse gehören zu seinem Kern das Miteinander, das Aneinanderdenken, die Gemeinsamkeit und sich Freude zu bereiten. Das versuchen die Wartenden unter anderem dadurch zu erreichen, dass sie Weihnachtspost versenden. Und Weihnachten würde es entsprechen, wenn Sie die Menschen darin unterstützen, statt sie zu behindern. Den Automaten möglichst schnell frei zu machen, könnte man als Weihnachtsgeschenk an die Wartenden ansehen.

Die andere Begründung ist allgemeiner – und leider auch härter. Ich glaube, Ihr Verhalten steht für einige der Hauptursachen zwar nicht für alles Böse auf der Welt, aber doch für viele Probleme unserer Gesellschaft. Ich weiß gar nicht, welche Erklärung dafür schlimmer wäre: So wenig an andere zu denken oder die Überzeugung, dass einem alles zusteht, was man hat oder sich nehmen kann, hier der Platz am Automaten.

Warum? Postfilialen und Kirchen haben etwas gemeinsam: Sie verzeichnen Weihnachten ihren Jahresbesucherrekord. Kirchen meistens nur an einem Tag, die Post eher einen ganzen Monat lang. Mit der Idee, in dieser Zeit dort etwas zu tun, was nicht an diese Zeit gebunden ist, aber viel Zeit beansprucht, könnten Sie sich für die Wahl zum Mitarbeiter des Monats in der Hölle bewerben. Wenn Ihr Vorhaben, was ich hoffe, nicht von Boshaftigkeit getragen war, bleiben fast nur noch Gedankenlosigkeit oder Egoismus. Deshalb mein Weihnachtswunsch an und für alle: Bedenken Sie die Wirkungen Ihres Handelns auf andere. Das ganze Jahr über.

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Dr. Dr. Rainer Erlinger

Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie eine E-Mail an gewissensfrage@sz-magazin.de