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Abschiedskolumne 31. Dezember 2017

Was ist lustig und liegt im Sarg? Der Witz

Von Marius Buhl  Foto: dpa

Ein langes Silvesterdinner mit Freunden wäre ein guter Moment für einen lustigen Witz. Aber heute lachen wir lieber über Youtube-Filme oder Memes. Warum ist der Witz eine aussterbende Kunstform? 

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Neulich wollte ich eine Gurke schälen und schnitt mir in den Finger. Fragen Sie nicht, dumm gelaufen. Das Blut schoss, ich musste in die Notaufnahme und als ich da saß, auf meinen Finger starrend, sagte die Bekannte, die mich begleitete: »Hey, was will ‘ne dicke Frau beim Bäcker?” Keine Ahnung, sagte ich. »Rumkugeln!«, sagte sie. Da musste ich lachen.
  
Ein paar Tage später – das mit dem Finger war halb so wild – dachte ich daran zurück. Ich versuchte mich zu erinnern, wann mir zuletzt jemand einen Witz erzählt hatte. Einen richtigen Witz. Mir fiel nichts ein. Natürlich, da war der lustige Onkel aus Hamburg, der uns besuchte, als ich ein Kind war. »Kennt ihr den schon?«, fragte er und dann lauschten wir Kinder und am Ende prusteten wir. Der Onkel konnte auch zaubern. Wenn er ging, war ich traurig.
  
Zur Kommunion bekam ich ein Witzebuch geschenkt. Blondinenwitze, Ostfriesenwitze, Fritzlewitze. Ich las es unter der Bettdecke. Ich hatte auch einen Lehrer, der Witze erzählte. Sein liebster ging so: »Aus Spaß wurde Ernst. Ernst ist heute vier Jahre alt.« Einmal sah ich, wie er hinter der Turnhalle an einem Flachmann nippte.
 
Als ich ein Teenager war, kamen Flachwitze auf. Wir erzählten sie lässig auf dem Pausenhof. »Was ist weiß und stört beim Essen? Lawine! Was ist orange und wandert durch die Alpen? Wandarine!«
  
Aber dann, zwischen Führerschein und Audimax, verliert sich die Erinnerung. Von zehn Bekannten, die ich in den letzten Wochen fragte, kannten gerade mal drei auf Anhieb einen Witz. Die anderen erinnerten sich nicht oder erst nach einer Weile, meist an einen aus Kindheitstagen. In welchen Situationen sie Witze erzählen würden?, fragte ich. Sie schüttelten den Kopf. Nie.
  
Wenn wir uns vornehmlich an Witze aus Kindheitstagen erinnern – ist der Witz dann vielleicht generisch kindisch? Kinder erzählen sich Witze, Erwachsene nicht? Nein, sagt Sigmund Freud.
 
In seinem Standardwerk »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten« schrieb der Wiener Psychoanalytiker, der Witz diene dem Lustgewinn. Das beginne im Kindesalter mit dem freien Spiel ohne Hintergedanken. Werden wir älter, verbiete uns die Gesellschaft das Ausleben dieser Lust am Unsinnigen und wir verzichten darauf. Im Witz fänden wir eine Art Ersatzhandlung.
 
Wer »Kennst du den?« sagt, hat einen gesellschaftlichen Freifahrtschein, Quatsch zu reden. Warum erzählen meine Freunde dann keine Witze mehr?
 
»Weil Witze ein Relikt aus einer Männerwelt sind, die untergegangen ist«, sagt mein Freund Max. Männer – wie mein Lehrer damals – hätten Witze erzählt, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sich als Alpha-Männchen zu inszenieren. 
 
Der klassische Witz, so könnte man aus Max’ These folgern, ist symbolisches auf die Brust trommeln. Der Witzeerzähler klettert auf wackligen Beinen auf eine imaginäre Bühne, wartet, bis das Publikum schaut – und beginnt mit dem Imponiergehabe. »Kennste, kennste, kennste?«, fragt Mario Barth und lacht, bevor er zu erzählen beginnt. 
 
Der amerikanische Humorforscher und Theologe John Morreall sieht das ähnlich wie Max. Der New York Times sagte er mal: »Männer benutzen klassische Witze, um miteinander zu kommunizieren - ohne etwas über sich preis zu geben.« Seine These für den Niedergang des Witzes: Die Welt werde weiblicher und mit ihr der Humor. Er schreibt: »Häufig sagen Leute, Frauen könnten keine Witze erzählen. Ich glaube, dass Frauen sich an Witze nicht erinnern können. Weil es ihnen egal ist. Ihr Humor ist beobachtender: Sie lachen über die Leute in ihrer Umgebung.«
    
Vielleicht, sagt mein Freund Max, der auch gut darin ist, schlaue Gedanken wieder zu verwerfen, liege es gar nicht an den Frauen – sondern an der Zeit, in der wir leben. Besonders wir Millennials seien harmoniesüchtig wie keine Generation vor uns. Unser Hauptanliegen sei: kein Streit. 
   
Er erzählt von seinem Mitbewohner, der Kritik an seinen Putz-Qualitäten nur über WhatsApp äußere, nie im direkten Gespräch. Er sinniert über eine neue Political Correctness, gegen die die Trump- und Brexit-Menschen ja rebelliert hätten. 
Nochmal zu Freud: Der unterscheidet, grob gesagt, zwei Formen des Witzes. Den, der Lustgewinn aus dem bloßen Spiel mit der Sprache zieht. Und den, der Lustgewinn aus dem Äußern eines Gedanken zieht, der gesellschaftlich inakzeptabel ist. Ein solcher Witz ermögliche es dem Erzähler, Aggression oder erotisches Verlangen auszuleben - ohne von der Gesellschaft dafür sanktioniert zu werden. Wer sich derart exponiert, läuft heute aber Gefahr, mit Tomaten beworfen zu werden.
   
Ich rief einen Humorforscher an, Uwe Wirth. Er hat gerade das Buch »Komik – ein interdisziplinäres Handbuch« herausgegeben, das erste dieser Art in deutscher Sprache. »Müsste es nicht umgekehrt sein«, fragt Wirth, »dass schmutzige Witze wieder interessant werden, weil die Political Correctness neue Hemmungsaufwände beim Vermeiden bestimmter Redeweisen einfordert?«
  
Der Witz, sagt Wirth, könne sich auch verkleidet haben – und heute anderswo zu finden sein. »Wir leben in einer Copy&Paste-Kultur. Wir bekommen den Witz heute aufs Handy gesendet und leiten ihn kommentarlos weiter. Merken müssen wir ihn uns nicht mehr.« 
  
Ich denke an die WhatsApp-Gruppen auf meinem Handy. In einer sind nur Jungs, alle aus meinem Heimatdorf. Sie trinken gerne Bier und schicken sich den ganzen Tag Memes und Videoschnipsel zu, Screenshots aus Chats, GIFS, Bilder von lustigen Momenten. Einige sind politisch inkorrekt, viele sexuell, wenige harmlos. In einer anderen WhatsApp-Gruppe schreiben die Studienkollegen. Auch hier: Memes, Videos, Screenshots. Nur sind diese seltener politisch inkorrekt, seltener sexuell.
  
»Für Millenials sind Memes die Kulisse des Lebens«, schreibt Elizabeth Bruening in der Washington Post. Hat das Meme den Witz verdrängt?
 
Eines der erfolgreichsten ist das »Success Kid«. Es zeigt das Bild eines Babys, das triumphierend die Faust ballt. Meine Freunde schicken es, wenn sie kleine Alltagserfolge feiern. Bildunterschriften lauten: 
 
- Gedacht, dass ich nur noch ein Bier habe. Hatte zwei.
- Am Freitag krank sein. 3 Tage Wochenende.
- Zu spät zur Arbeit. Boss kam noch später.
- Vergessen, Essen zu kaufen. Zum Essen eingeladen worden.
 
»Memes«, sagt Wirth, »schaffen es durch ihre Zweidimensionalität aus Bild und Text besser als der klassische Witz, die zunehmende Komplexität unserer Welt in den Humor zu übertragen.«
 
Ich bin schon einverstanden, da treffe ich auf einer WG-Party zwei Brüder, die in der Küche Witze erzählen. Es geht um Juristen, VWLer, Ballonfahrer, die Witze dauern ewig, die zwei erzählen so versiert, fallen sich im richtigen Moment ins Wort. Immer mehr Leute versammeln sich um sie, es ist eine Show. Am Ende kann ich mir keinen der Witze merken, aber habe zwei Stunden lang gelacht.
 
Wäre doch schön, denke ich, wenn es dem Witz ginge wie der Schallplatte. Die Masse ist weiter gezogen. Der Witz ist jetzt Gourmetware.
  
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