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aus Heft 03/2018 Design & Wohnen

Das wundersame Comeback der Industrielampe

Von Camilla Lindner  Foto: Photocase.de / Nuchylee

Zur Grundausstattung von Szenelokalen gehören inzwischen alte, verbeulte Leuchten, wie sie einst in Fabriken hingen. Was hat das zu bedeuten?

Je oller, desto hipper: Über Werkbänken baumelt die Industrielampe kaum noch.
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Herrje, wie bin ich denn jetzt in einer Fabrik gelandet? Falsche Tür? Aber wieso trägt hier niemand Knickerbocker oder wenigstens einen Backenbart? Wer in letzter Zeit ein neues Café oder Restaurant betreten und zuerst auf die Lampen geschaut hat, der hatte oft guten Grund, sich desorientiert zu fühlen: In unzähligen Lokalen hängen inzwischen Leuchten, die aus einer Arbeitsstätte aus den Anfangstagen der industriellen Revolution zu stammen scheinen. Immer aus Metall, schwarz emailliert oder aluminiumfarben, die Schirme kegel- oder halbkugelförmig, mal alt und voller Beulen und Schrammen, mal im nostalgisch-industriellen Stil neu hergestellt, an dicken Kabeln über den Tischen baumelnd und diese in ein warmes Licht tauchend. Jeder Fabrikdirektor der Kaiserzeit hätte seine helle Freude daran gehabt. Und damals wie heute sollen die Lampen beim Geldverdienen helfen.

Einst schufteten Proletarier unter Lampen wie diesen im Akkord, heute hängen sie dort, wo man den Cappuccino mit Mandelmilch aufschäumt und zum Bio-Burger ein Grünkohlsmoothie trinkt – in jenen Trendlokalen, die sich mit Vintagemöbeln als authentisch-individuelle Orte zu inszenieren versuchen und deswegen alle gleich aussehen. Seit einer Weile färbt dieses Design auf die etablierte Gastronomie ab: Selbst bei »Nordsee« und »Mc Donald's« wurden die Industrielampen aufgehängt.

Anfangs freuten sich darüber vor allem Antiquitätenhändler. Viele haben sich in den vergangenen Jahren auf Industriedesign spezialisiert und durchkämmen nun Flohmärkte und abbruchreife Gebäude nach all dem Kram, den jahrzehntelang niemand haben wollte. So wie das 2011 gegründete Möbel- und Lichtunternehmen Ply in Hamburg. »Wir gehörten in Deutschland zu den Ersten, die alte Industrieleuchten aufgearbeitet haben«, sagt der Ply-Gründer David Einsiedler, der sich zwischenzeitlich vom Brimborium um die Lampen fast überrollt fühlte. »Die Geschwindigkeit war uns suspekt.«

Das gestiegene Interesse macht es immer schwieriger, an Originale zu kommen. Bei Ply findet man neben wenigen rostig-ramponierten, echten Secondhand-Leuchten im Preisspektrum von 200 bis knapp tausend Euro auch Neuware im alten Stil. Das breiteste Angebot in diesem Bereich haben die Bolichwerke, 1911 von Eugen Bolich gegründet und bis heute im Familienbesitz. Die Firma hat die altmodischen Lampen nie aus dem Programm genommen und profitiert nun immens von der gestiegenen Nachfrage. Auch junge Designer lassen sich von den Industrieleuchten anregen, so wie Torsten Stephan und Marius Langehanenberg, die unter dem Label »dhochzwei« für den Hersteller Deparso etliche Lampen entworfen haben, die denen aus der Kaiserzeit und Weimarer Republik zum Verwechseln ähnlich sehen. Aber wieso hängen die jetzt reihenweise in der deutschen Gastronomie herum? »Heute ist alles so hektisch«, sagt Torsten Stephan. »An den Lampen klebt noch die Erinnerung an eine ruhige, einfachere Zeit.« Das klingt so romantisch wie schlüssig, aber man darf da mal die Augen zusammenkneifen: Einfacher? Wirklich? Ein Arbeiterleben vor hundert Jahren?

Der Architekt Andrin Schweizer hat sich auf die atmosphärische Einrichtung von Innenräumen spezialisiert und dabei in den vergangenen Jahren oft Industrieleuchten eingesetzt. Sie hängen auch über seinem Arbeitstisch in seinem Zürcher Büro. »Unsere Gesellschaft ist süchtig nach Geschichten und Erlebnissen«, sagt er. »Vor allem kommerzielle Räume werden heute stark inszeniert und folgen einem präzisen Storytelling.« Da Industrieleuchten »sofort starke Gefühle auslösen«, seien sie dafür besonders gut geeignet. Als ausschlaggebend für den Boom sieht er zum einen den Übergang zur Digital- und Dienstleistungsgesellschaft, der den Blick auf das Design der industriellen Epoche verklärt habe. Das Menschsein in jener Zeit stellen sich heute ja auch viele Menschen wesentlich idyllischer vor, als es war.

Zum anderen spricht Andrin Schweizer von der Angst vor einer zunehmend als komplex und bedrohlich empfundenen Gegenwart. »Wir umgeben uns momentan offenbar lieber mit Zitaten, die wir leicht – und sei es ironisch – einordnen können, statt uns mit Neuem und Unvertrautem auseinanderzusetzen.«

So gesehen sind die Industrielampen reine Rücklichter: Sie zeigen vor allem, wie mutlos wir geworden sind, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten.

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Camilla Lindner

hat erst im Zuge der Recherche festgestellt, dass sie im Besitz einer Lampenrarität ist: Die alte Schreibtischleuchte der Marke Kaiser Idell, die sie früher mit einer roten Glühbirne ausstattete, um die Waschküche der Eltern in einen Partykeller zu verwandeln, wird inzwischen für mehrere hundert Euro gehandelt.

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