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Vorgeknöpft: die Modekolumne 17. Januar 2018

Zurück zu den Wurzeln

Von Maria Hunstig  Fotos: b.b home passion

Barbara Becker hat ihre DNA analysiert und ihre aktuelle Home-Kollektion darauf abgestimmt. Das Ergebnis sind ziemlich platte Länder-Klischees – die viel über die Modewelt verraten.

Wer bin ich und wenn ja wie viele? Barbara Becker präsentiert die Wohnwelten »Heimat«, »Highlands« und »African Soul«.
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In den letzten Tagen hat Barbara Becker ihre neue Heimkollektion vorgestellt – persönlich auf der Heimtextil in Frankfurt und anschließend auf der Domotex in Hannover. Das ist soweit nichts Neues, unter ihrem Label »b.b home passion« entwirft Becker schon seit Jahren eigene Gardinen, Teppiche und Tapeten. Doch diese Saison wurde es bei Becker ganz persönlich, sie hat sich zur Designinspiration auf die Suche nach ihren Wurzeln begeben. Wie Becker selbst erklärte, fielen nach einer Untersuchung ihrer DNA »drei Länder [...] besonders prägnant auf, in denen sich meine nächsten Ahnen lange Zeit aufgehalten haben: Deutschland, Schottland und Afrika.«

Um dieses »Dreiländereck« in Inneneinrichtung zu übersetzen, hat Becker drei sogenannte Wohnwelten kreiert und sich selbst vor den Produkten in Szene gesetzt. Auf dem Werbefoto für die Wohnwelt »Heimat«, für die Designerin ein Sinnbild für Süddeutschland, sitzt Becker im Dirndl, im »Highlands«-Setting trägt sie – natürlich – Schottenrock und Karoschal und für das Thema »African Soul« hat sie sich in ein buntes Mustertuch gehüllt und trägt schweren Halsschmuck. Man könnte auch sagen, sie hat die Altkleiderkiste mit den Klischees durchwühlt.

Nun wird, wenn es in der Mode darum geht, Design- und Stilrichtungen zu kategorisieren, oft und gerne pauschalisiert. »Skandinavisch« ist alles reduzierte, minimalistische, kühle; unter »Asiatisches« fällt alles mit Seide, Kimonos und Blumenmustern; und unter »afrikanisch« firmieren alle farbenfrohen, grafischen All-Over-Prints. Hat die Mode ein Ethnozentrismus-Problem, also einen voreingenommenen, von der westlichen Warte aus geprägten Blick auf die Welt? Natürlich ist es für Designer legitim, sich von traditioneller Kleidung inspirieren zu lassen. Aber ab wann wird aus Assoziation ein Klischee? Und aus einem Klischee eine Beleidigung?

Vielleicht wäre Differenzierung ein erster Schritt. Afrika zum Beispiel, bei dem es sich entgegen  Beckers Presse-Text nicht um ein Land, sondern um 55 handelt, wartet mit einem ganzen Reichtum an Kleidungsstilen auf, und diese sehen in Tunesien ganz anders aus als in Zimbabwe oder Ghana. Es gibt Fashion Weeks in Dakar, Kapstadt und Lagos, und was dort gezeigt wird, hat wenig mit der folkloristischen Vorstellung »afrikanischer Kleidung« zu tun.

Das Tragische ist: Bei den neuen Produkten von b.b home passion handelt es sich bei genauerer Betrachtung um relativ akzeptable Einrichtungsprodukte – abgesteppte Wollteppiche in Naturtönen, Läufer mit Edelweiß-Print, runde Juteteppiche mit bunten Akzenten. Es hätte den klischeebeladenen biografischen Überbau gar nicht gebraucht. Schönen Gruß an die Marketing-Abteilung.

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Wird eingerichtet mit:
Til Schweigers Barefoot Living, der Kollektion von Eva Padberg für Home 24 und Tapeten von Dieter Bohlen
Findet man in Wohnzimmer von:
Eingefleischten Barbara-Becker-Fans
Typischer Instagram-Kommentar: Noah ist style-mäßig aber weiter vorne, oder?
Maria Hunstig

ist Redakteurin beim Modefachmagazin Sportswear International. Sie hat schon Leute in Würde eine Warnweste tragen sehen und ist deshalb überzeugt, dass Stil vor allem eine Frage der Haltung und des Kontexts ist. Diesem geht sie regelmäßig in dieser Kolumne auf den Grund.

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