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Vorgeknöpft: die Modekolumne 24. Januar 2018

Seltsame Sachen

Von Silke Wichert  Fotos: Getty Images / John Shearer

»Stranger Things«-Star Millie Bobby Brown geht in Chucks auf den roten Teppich. Ist das einfach nur total bequem oder auch total feministisch?

Millie Bobby Brown bei den diesjährigen SAGs


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Angenommen, vor drei Wochen wäre eine 13-jährige Schauspielerin in Turnschuhen bei einer Hollywood-Gala aufgekreuzt. »Hach, jugendliche Leichtfüßigkeit!«, hätten neoliberale Teppichläufer wahrscheinlich kurz geseufzt, um dann wieder wie gewohnt das Aussehen der Erwachsenen zu zerpflücken. Da gab es nämlich noch viel seltsamere Sachen zu sehen, etwa den neuen Haarschnitt von Kate Hudson, mit dem sie jetzt nicht mehr wie die Tochter von Goldie Hawn, sondern wie jene von Ellen DeGeneres aussieht.

Jetzt nehmen wir an, nicht irgendeine 13-jährige Schauspielerin, sondern Millie Bobby Brown aus der Netflix-Serie »Stranger Things« wäre vor drei Wochen auf dieser Gala namens SAG-Awards aufgekreuzt. Da hätte die Sache natürlich schon anders ausgesehen. Millie! Bobby! Brown! Teen-Vogue-Liebling, Raf-Simons-Muse, nominiert als beste Seriendarstellerin. Das ist dann natürlich schon ein Fashion-Statement. Schließlich trug sie ein rosa Paillettenkleid von »Calvin Klein 205W39NYC« mit Vokuhila-Saum (vorne kurz, hinten lang, wir erinnern uns) und dazu nicht irgendwelche Turnschuhe, sondern weiße Low Top Converse Chucks, den Ur-Sneaker also.

Die »Bunte« hätte kurz gefragt: »Darf sie DAS?«, woraufhin engagierte Blogs sofort ein paar Fotos von Kristen Stewart um 2012 in Sneakern bei irgendwelchen Filmpremieren gepostet hätten. Also ja, sie darf. Obwohl natürlich nicht jeder Teppich der Fallhöhe eines »Screen-Actors-Guild-Awards« entspricht, die im Fernsehen übertragen werden. Dafür braucht es schon mehr jugendlichen Leichtsinn und Chuzpe, das geht eher in Richtung historischer Joschka-Fischer-Moment. Mann, Millie! Die 65-Euro-Dinger kannst du in zehn Jahren auf Ebay für das zwanzigfache versteigern. Bravo.

Aber: Das Ganze hat eben nicht vor drei Wochen, sondern in der Nacht zum Montag stattgefunden – zwei Wochen nach den »Black Globes«, als Hollywood geschlossen in Schwarz erschien, um die »Time's Up«-Bewegung zu unterstützen. Jetzt wird jeder Pin, jede widerspenstige Haarsträhne in den sozialen Netzwerken auf Protest hin untersucht. Ein paar bequeme flache Schuhe statt (unter-)drückender High Heels, und das auf einer wichtigen Hollywood-Gala – ganz klar ein feministisches Statement. Frauen dürfen endgültig tun und lassen, was sie wollen. Süßes Babyrosa tragen, aber den roten Teppich mit emanzipierten, glücklichen Füßen treten! Time's up, die Zeit des Leidens ist um!

Dummerweise werden jetzt irgendwelche Über-13-Jährigen dieses Foto von Cybill Shepherd von den Emmy Awards 1985 rauskramen, auch nicht gerade Kreisklasse im Teppichgeschäft.

Cybill Shepherd bei den Emmys 1983


Shepherd, nicht als große Feministin, sondern vor allem aus »Taxi Driver« und »das Model und der Schnüffler« bekannt, erschien nämlich bereits vor gut 32 Jahren mit orangefarbenen Reebok-Hightops zum langen schwarzen Corsagen-Kleid und erklärte später in einem Interview, High Heels seien eine Form der Sklaverei, »ich ruiniere mir nicht die Füße.« Brown dagegen sagte bei ihrem Live-Interview bei den SAGs auf ihre Schuhe angesprochen lediglich: »You know you gotta keep it stylish.« Was man mit 13 vor ein paar Millionen Zuschauern halt so raushaut.

Sie hätte auch fragen können: »Schon mal meine Serie geschaut?« Ihre Figur »Eleven«, das Mädchen mit dem kahlgeschorenen Kopf, zieht in einer der Szenen der ersten Staffel von »Stranger Things« ein rosa Kleid und eine blonde Perücke an – und trägt dazu: weiße Chucks. 

So oder so kann sie die Sneaker jetzt wahrscheinlich gleich für das hundertfache versteigern. Auch in der Mode gilt, gar nicht seltsam: Timing ist alles.

Wird auch getragen von: Kristen Stewart, Hailee Steinfeld, Justin Bieber

Typischer Instagram Kommentar: Stranger Look!

Typischer weiterer Instagram-Kommentar: Immer schön auf dem Teppich bleiben

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Silke Wichert

hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.

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