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Nackte Zahlen: Sexkolumne 29. Januar 2018

Porno für die Stunde Null

Von Alena Schröder  Illustration: Eugenia Loli

Eine Sex-Webseite hat Nutzungsdaten aus Hawaii veröffentlicht – jenen Samstagmorgen betreffend, als dort ein atomarer Fehlalarm ausgelöst wurde. Für die Zukunft der Menschheit verheißt diese Statistik nichts Gutes.

Was macht man, wenn die Apokalypse droht? Sich verliebt in die Augen schauen? Oder etwas ganz anderes?
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Eine neue Statistik der Pornografieplattform Pornhub liefert ein weiteres Indiz dafür, dass die Menschheit dem Untergang geweiht ist. Und zwar nicht nur durch die Bedrohung durch leicht erregbare Staatenlenker mit großen Knöpfen und noch größeren Atomwaffenarsenalen, sondern durch unser aller Unvermögen, uns angesichts existentieller Bedrohungen mal mit etwas anderem zu beschäftigen als mit uns selbst.

Am 13. Januar wurden die Bewohner Hawaiis um kurz nach acht Uhr morgens von einer per SMS versandten Textnachricht überrascht, die vor einem unmittelbar bevorstehenden Raketenangriff warnte und dazu aufrief, sofort den nächstgelegenen Schutzraum aufzusuchen. Von dieser Minute an verzeichnete Pornhub auf Hawaii einen massiven Rückgang von Klicks und Zugriffszahlen auf seiner Website. Eine Viertelstunde nach dem Versenden der Warnmeldung lagen die Zugriffszahlen 77 Prozent unter dem für diese Tageszeit üblichen Durchschnitt. Aus dieser Zahl lassen sich gleich zwei erschreckende Schlussfolgerungen ziehen: Erstens, dass es Menschen gibt, die an einem Samstagmorgen um acht Uhr überhaupt Internetpornografie konsumieren. Und, dass sich von diesen Menschen immerhin 23 Prozent auch vom direkt bevorstehenden Weltuntergang nicht davon abhalten ließen, ganz entspannt weiter zu masturbieren.

Nun muss man sich in all die Menschen hineinversetzen, die eine gute halbe Stunde lang davon ausgehen mussten, von einer nordkoreanischen Atomrakete pulverisiert zu werden. Was denkt man in diesen bangen Minuten? Was empfindet man? Was nimmt man sich vor, für den Fall, dass das alles nur ein schlechter Scherz war und man am Ende doch unbeschadet aus der Sache wieder rauskommt? Jemandem seine Liebe gestehen? Den Job kündigen und endlich seiner wahren Bestimmung folgen? Einen Baum pflanzen? Die Welt zu einem besseren Ort machen? Nie wieder Anrufe der eigenen Mutter ignorieren?
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Um 8.45 Uhr, kam schließlich die Entwarnung: Keine Atomrakete war im Anflug auf Hawaii, es hatte nur ein besonders dussliger Mitarbeiter der Katastrophenschutzbehörde den falschen Knopf gedrückt. Die Menschen strömten aus den Bunkern und Schutzräumen, erleichtert, noch einmal mit dem Leben davon gekommen zu sein. Und was taten sie? Auf der Straße tanzen? Eine spontane Demo für Abrüstung und Weltfrieden organisieren? Mama anrufen?

Ganz offenbar hatten überdurchschnittlich viele vor allem eins im Sinn: sofortige Entspannungsmaßnahmen einzuleiten - und zwar nicht auf internationaler Ebene. Eine Viertelstunde nach der Entwarnung verzeichnete Pornhub auf Hawaii einen Anstieg der Seitenzugriffe um 48 Prozent über dem sonst üblichen Durchschnittswert.

Die Pornoindustrie wird daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen und in Zukunft erotisches Doomsday-Material als eigenes Subgenre etablieren (falls es das nicht schon gibt, so genau kennen selbst wir vom Nackte-Zahlen-Institut uns da nicht aus). Wenn die Welt schon zugrunde geht, dann will man seine Kunden mit Filmen wie BDSM-Apokalypse, Heiße MILF besorgt es Ersthelfern in Schutzanzügen oder Tabuloser Outdoorsex in atomar verseuchtem Ödland stimmungsmäßig wenigstens da abholen, wo sie ohnehin gerade stehen.


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