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aus Heft 05/2018 Die Gewissensfrage

Über den Umgang mit Lästermäulern

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Sollte man einem Kollegen sagen, wenn andere im Büro ihn unerträglich finden? Für unseren Moralkolumnisten ist das vor allem eine Frage des Motivs.

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»Ein Kollege von mir lästert über einen anderen Kollegen. Es geht dabei um Selbstverliebtheit, aggressive Dominanz, Wortwahl, soziale Inkompetenz. Jedoch empfinden viele meiner Kollegen den Lästerer als ähnlich negativ – auch ich manchmal. Sage ich dem Kollegen, dass er teilweise von anderen so empfunden wird, wie er es selbst offenbar für unerträglich hält?« Ursula L., Frankfurt

  
Vom römischen Theaterdichter Publilius Syrus aus dem ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ist leider keines seiner Stücke überliefert, wohl aber eine Sammlung von Sprüchen, die durch ihre sprachliche Qualität und Scharfsinnigkeit beeindrucken. Manche sind Alltagsweisheiten bis hin zur Banalität, andere haben mehr Tiefgang. Zu letzteren gehört: »Suadere primum, dein corrigere benevoli est.«

Dieser Spruch lässt sich übersetzen mit: »Wer gut will, rät zunächst, erst dann weist er zurecht.« Oder, literarischer übertragen wie in der von Hermann Beckby herausgegebenen zweisprachigen Ausgabe: »Wohlwollen zeigt den Weg, bevor es tadelt.«

Diesen Spruch kann man in zwei Richtungen lesen, und das ermöglicht hier eine differenzierte Lösung. Sie fragen, ob Sie den Lästerer auf sein negatives Verhalten hinweisen sollen. Publilius Syrus legt dar, dass dies aus unterschiedlichem Grund geschehen kann: um den richtigen Weg zu zeigen, zu raten; oder um zu tadeln, zurechtzuweisen. Und nur dann, wenn das Weisen des richtigen Weges im Vordergrund steht, ist es von gutem Willen, von Wohlwollen getragen.

Daraus ergeben sich für Sie zwei Antworten. Zum einen, dass Sie Ihre Motive erforschen sollten. Geht es Ihnen in erster Linie darum, den Lästerer zurechtzuweisen, oder darum, ihm zu helfen, sein Verhalten zu verbessern? Nur Letzteres ist aus moralischer Sicht gerechtfertigt. Allerdings enthält der Spruch von Publilius Syrus in die andere Richtung gelesen auch eine Aufforderung: dass nämlich Wohlwollen den Weg zeigt, rät, im Sinne eines Sollens. Und das bedeutet, dass es gut und somit geboten sein kann, jemanden auf falsches Verhalten hinzuweisen. Nicht um ihn zu tadeln oder gar zu kränken, sondern um ihm zu helfen.

Literatur: 

Hermann Beckby (Hrsg.), Die Sprüche des Publilius Syrus, Lateinisch – Deutsch, Ernst Heimeran Verlag, München 1969; unveränderter Nachdruck in der Sammlung Tusculum, De Gruyter Verlag, Berlin 2014


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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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