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Nackte Zahlen: Sexkolumne 06. Februar 2018

Die neue Vaterlandsliebe

Von Till Raether  Foto: Jürgen Fälchle/Fotolia.de

Auf hiesigen Pornoseiten wird am häufigsten die Kategorie »deutsch« angeklickt. Haben die Deutschen also endlich gelernt, sich selbst zu lieben?

Beim Pornogucken bevorzugen die Deutschen Material, das hier im Land produziert wurde – das legen zumindest die kürzlich veröfentlichten Nutzerdaten einer einschlägigen Webseite nahe.
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Pornoseiten beobachten das Verhalten ihrer Nutzer und präsentieren die so erhobenen Daten hin und wieder der Öffentlichkeit. Zum Beispiel xHamster, nach eigenen Angaben in Deutschland mit über 420 Millionen Usern im Jahr nicht gerade eine kleine Seite. Die Betreiber haben gerade erhoben, welche der von ihnen angebotene Porno-Kategorien in Deutschland am häufigsten geklickt werden. Das Ergebnis ist sehr vielfältig, da es sehr viele Kategorien und sehr viele unterschiedliche Vorlieben gibt, aber es gibt einen ganz klaren Favoriten: Wie 2016 war auch 2017 die Kategorie »german« in Deutschland die beliebteste, mit großem Abstand gefolgt von »bdsm« (umgangssprachlich oft als »Sado-Maso« bezeichnet) und »anal«. Zwar reicht ein Anteil von 7,25 Prozent, um die beliebteste Kategorie zu sein - wie relativ hoch diese Zahl ist, zeigt sich aber, wenn man bedenkt dass »bdsm« und »anal« auf den Folgeplätzen nur auf 1,29 bzw. 1,26 Prozent kommen, und alle weiteren Kategorien sich im Bereich von einem halben bis einem Prozent bewegen. So viele Kategorien, das Porno-Menü biegt sich unter ihrer Anzahl.

»Deutsche lieben sich selbst«, lesen wir dazu in der entsprechenden Pressemitteilung. Wirklich? Eine interessante Formulierung und eine ungewöhnliche Ausdeutung des Begriffs Patriotismus. Handelt es sich hier aber tatsächlich um eine Form von nationaler Autoerotik oder um eine besonders handfeste Form von Vaterlandsliebe? Warum ist für den größten isolierbaren Teil der Porno-Kategorien-Wähler wichtig, dass die Filme in Deutschland spielen und aus Deutschland stammen?

Nun ist die Abneigung der Deutschen gegen ausländische Filme in Originalsprache legendär, außer Italien hat kein anderes Land eine derartig ausgeprägte Synchronisationskultur. Diese erstreckt sich jedoch nicht auf den Pornosektor. Möchten also deutsche Nutzer einfach gern ungestört die geistreichen Dialoge im Porno verfolgen und bestehen daher auf »german«? Dies erscheint nach der Qualitätsprüfung einiger Stichproben unwahrscheinlich. »Ey kann der Typ nicht mal die Klappe halten« ist ein recht gängiger User-Kommentar. Ferner sind auch im deutschen Porno, insbesondere im Amateurbereich, die Dialoge oft nur mit viel Mühe und erst nach wiederholtem Materialstudium verständlich. »Nasi mahan, hamwan da?« etwa ist eine gängige Formel beim Auspacken von primären oder sekundären Geschlechtsteilen, bleibt aber rätselhaft.
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Ein weiterer Grund mag sein, dass pornographisches Material insbesondere aus dem angloamerikanischen Raum zumeist in Motels und Hotels erstellt wird. Der deutsche Nutzer hingegen schätzt offensichtlich den Einblick in private Wohnwelten, die oft die Kulisse in der Kategorie »german« darstellen. Dieses Nutzerverhalten ist effizient, da man auf diese Weise nebenbei Einrichtungs-Dos und -Don'ts abgreifen kann – so unschön ist Kabelsalat unterm Schreibtisch, und Biber ist das neue Satin.

Oder führen all diese Spekulationen ins Leere, weil am Ende nur die Angstlust dahinter steckt, in der Kategorie »german« bekannte Gesichter aus dem Permakultur-Verein zu sehen? Oder nimmt das Interesse der Deutschen am deutschen Porno zu, weil es insgesamt eine deutsche Bewegung zurück zum Deutschen gibt? Wird sich die Kategorie-Quote »german« in absehbarer Zeit auf AfD-Niveau einpendeln?

Die einzige Antwort darauf gibt die Mathematik bzw. Statistik: Entsprechend der vorliegenden Zahlen wählen 92,75 Prozent aller Nutzerinnen und Nutzer in Deutschland nicht die Kategorie »german«, wenn sie sich durchs Menü ihrer Pornoseite klicken. Die Minderheiten sind also der wahre Mainstream, und zumindest hier hat sich der Multikulturalismus im Großen und Ganzen durchgesetzt. Und auch die »german«-Fans sind womöglich ein gutes Zeichen: Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben.
Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.

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