Knotenpunkte

Max Scharnigg übers Schuhebinden und Kafkas Ausflug zur Schlangenfrau.

Es lohnt sich, bei Max Brod mal wieder seine lustigen Abenteuer mit Franz Kafka nachzulesen. Dabei ist man ja immer geneigt, sich die beiden wie Dr. Watson und Sherlock Holmes vorzustellen, was literaturhistorisch wohl nicht ganz korrekt ist. Vielleicht möchte Netflix trotzdem eine Serie daraus machen? Nachdem sie mal in einem Varieté gesessen hatten, notierte Max Brod jedenfalls: »Alte Dame als Schlangenmensch. Kafka betet für sie, applaudiert sehr. Er seufzt und ist traurig.« Tja nun, das sind verständliche Gefühlsregungen angesichts einer mit sich selbst verknoteten Greisin. Die Kunst der Kontorsionisten können wir nachempfinden, besser jedenfalls als die abgehobenen Tätigkeiten von Kunstfliegern oder Pferdeartisten. Deshalb wird beim Schlangenmenschen erst applaudiert und danach geseufzt: Weil man weiß, wie unwahrscheinlich diese Bewegungen sind – und sich eingestehen muss, dass die eigene Alltagsbeweglichkeit kaum zum Binden der Sneakers reicht.

Foto: Moos-Tang