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aus Heft 12/2008 Tagebuch

Tagebuch: 20. März 1989

Und immer wieder Frühling: 100 Jahre Zeitgeschichte in privaten Notizen.

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20. März 1989

(Annette L., *1968)
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Mir fiel noch im Zug, kurz vor Leipzig, ein, daß ich zuhause meine Wohnungsschlüssel hatte liegenlassen. Mir blieb nicht übrig, als ein Stoßgebet an einen Weißnichtwen zu richten: Hoffentlich komm ich irgendwo rein.
Prompt war die Haustür in der Merseburger Straße zugeschlossen. Ich versuchte es bei Christina; auf mein Klopfen reagierte nur der Hund eine Etage weiter unten. Zu Andrea & Martina. Die Haustür unten war zu, Klingel ging nicht. Ich hätte schwören können, daß das einzige erleuchtete Fenster des Hauses Andreas war.
An der Strabahaltestelle lief ich an einem heimatlos aussehenden Typen vorbei. Ich dachte bei mir: „Der will doch nicht etwa zu mir?“ Er kam mir aber nicht bekannt vor. Nach einer Weile sprach er mich dann wirklich an. Bist du nicht Zensi. Hm. Er sei der Bruder von Axel aus Schleusingen. Er habe hier noch ein paar Bekannte besucht, nachdem er übers Wochenende in Potsdam (!) gewesen war, Punkmusik aufnehmen. Kumpels von ihm wohnten in der Röntgenstraße, und er meinte zu mir, nachdem ich ihm meine Story erzählt hatte, ich solle doch dorthin gehen.
Ich machte mich auf den Weg, aber dann verließ mich der Mut & ich fuhr zum Bahnhof, um dort die Zeit bis zum Morgen totzuschlagen. Traf Axels Bruder noch mal, & und wir unterhielten uns ein bißchen, z.B. über Tommi & warum ich zu Ostern nicht zu ihm will. Genau 239 Uhr fuhr der Zug vom Schleusinger. Ich war fast allein auf dem großen kalten Bahnhof. Die Mitropa hatte nicht auf. Ich versuchte es mit Lesen (Brandstaetter) & fror erbärmlich. Hoch über mir im Deckengestänge saßen die Tauben & schissen runter. Früher oder später würden sie mich treffen.
Draußen wehte ein scharfer Wind, aber die Amseln sangen, ungewöhnlich laut & süß.
In der Ruine am Nikolaikirchhof (der traurigsten Ecke der Innenstadt) hörte man auch eine. Ich irrte durch die Stadt, die Kraxenlast schmerzte, & die Amseln sangen wie Großstadtengel.
Mit fiel ein, zu dem Haus zu gehen, in dem ich vor ’nem Dreivierteljahr (?) Micha besucht hatte. Von außen sieht es aus wie ein Palast, hat aber ein undichtes Dach. Genau unter dem Leck hängt provokativ ein Plakat mit ’ner Lobpreisung des Wohnungsbauprogramms. Michas Name stand nicht auf den Briefkästen. Er ist sicher längst ausgezogen.Als ich aus dem Haus kam, war es hell. „It’s a new dawn“, so kündigen Jefferson Airplane ihr Lied „Volunteers of America“ (man könnte es auch als „Fallin’ tears of America“ verstehen) an.