aus Heft 13/2008 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar
Vom Regen in die Taufe
Diese Mädchen wurden gerade Zeugen Jehovas. Nun will auch ihr Kult zur staatlich anerkannten Konfession werden. Dabei leben die Mitglieder nach äußerst fragwürdigen Regeln. Ein Blick hinter eine keineswegs harmlose Fassade.
Von Ansgar Lehmeyer (text); Stephanie Fuessenich (fotos)
Kein Tag vergeht, an dem die Mitglieder von »Jehovas Organisation auf Erden« nicht Stellung in den deutschen Innenstädten be-ziehen. Bei jedem Wind und Wetter halten sie ihre Zeitschrift, den Wachtturm, hoch, für die sich kaum je ein Passant interessiert. Jahr um Jahr klingeln sie an Millionen von Türen, die meist gleich wieder zugeschlagen werden. Bleibt doch mal eine offen, predigen sie eine mittelalterlich-christliche Weltsicht und kündigen den nahen »Krieg Jehovas« an, der wie ein Feuersturm über die Erde hinwegfegen werde.
Derzeit drängen die Zeugen Jehovas darauf, bundesweit als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden. Sie wollen vom Kult zur Kirche werden, rechtlich den großen christlichen Konfessionen gleichgestellt. In Berlin hatte die Glaubensgemeinschaft nach jahrelangen Prozessen Erfolg mit diesem Vorhaben, in den übrigen Bundesländern laufen die Verfahren. Die Öffentlichkeit nimmt davon kaum Notiz. Dabei ist »Jehovas Organisation« durchaus umstritten – und sie zählt in Deutschland trotz geringer Erfolge bei der Missionstätigkeit rund 165000 Mitglieder, mindestens 15 Mal mehr als die viel gescholtene Scientology-Sekte.
Jeder kennt die Prediger, doch wer versteht schon ihre Welt? Wie lebt es sich in einer Glaubensgemeinschaft, die sich mittels eines rigiden Regelwerks von der modernen, als durch und durch sündig empfundenen Welt abzuschotten versucht? In einer Gemeinschaft, die lebensrettende Bluttransfusionen ablehnt, die von höherer Schulbildung abrät, die Eltern zur Züchtigung ihres Nachwuchses auffordert? Hunderte von Kindern werden jedes Jahr in Deutschland in diese Wertordnung geboren. Wie werden sie erwachsen? Und wie verkraften Aussteiger den Abschied von einer Gemeinschaft, die »Abtrünnige« ächtet und ihnen einen Bibelvers aus dem zweiten Brief des Petrus hinterherruft: »Der Hund ist zum eigenen Gespei zurückgekehrt und die gebadete Sau zum Wälzen im Schlamm.«
»Wahnsinn, das war meine Welt!«, entfährt es Elias Mayreder, als er auf die von 14000 Gläubigen bevölkerte Haupttribüne des Münchner Olympiastadions blickt. Die Menge hebt an zu einem Lobgesang, den der Wind verzerrt herüberträgt. Elias Mayr-eder saugt die Luft des regnerischen Morgens tief in seine Lungen. Er ist ein sportlicher, groß gewachsener Endvierziger, und doch scheint er verletzlich. Sein Blick ist unruhig, man spürt, wie viel Kraft es ihn kostet, hier zu sein: auf dem »Bezirkskongress« der Zeugen Jehovas aus Südbayern. Dreitägige Großveranstaltungen wie diese werden auch in einem halben Dutzend anderer deutscher Städte abgehalten.
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01 Uhr 15
Einen Teil der Geschichte könnte ich so ähnlich erzählen. Aufgewachsen als Kind von Zeugen Jehovas, bin ich seit meiner Volljährigkeit vor 5 Jahren raus - und habe immer noch mit schwerwiegenden Folgen meiner Zeit dort zu kämpfen.
"Feindliche Retrospektive" hin oder her, aber ich glaube, dass es gerade für Kinder und Jugendliche wichtig ist, aufzuklären, das Bild von den "harmlosen Wachtturm-Menschen" zurechtzurücken und klarzumachen, was diese Glaubensgemeinschaft ihren Mitgliedern antut. Wenn ich ihm Nachhinein betrachte, wie viele meiner damaligen Freunde schwere psychische Probleme hatten und haben, wird mir die Wichtigkeit verstärkter Aufklärungsarbeit nur noch stärker bewusst.