Gesellschaft/Leben | Heft 13/2008

Vom Regen in die Taufe

Von Ansgar Lehmeyer (text); Stephanie Fuessenich (fotos) 



Mayreder kennt hier zahlreiche Menschen. Doch seit er aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde, hat er sich nie wieder hergewagt: Seine ehemaligen Freunde ekeln sich vor ihm, sogar seine Ex-Frau, irgendeiner dieser Farbpunkte dort drüben, verachtet ihn. Selbst für seinen Vater wäre Elias wohl gestorben, wenn dieser erführe, dass der Sohn mit Reportern spricht. Davor hat Mayreder Angst. Deshalb wurde sein Name geändert, Einzelheiten seiner Geschichte verfremdet.

Die »Brüder« und »Schwestern« auf der Haupttribüne haben Brotzeitpakete und Bibeln auf dem Schoß, außerdem Notiz-bücher, in denen sie festhalten, was gesagt wird. Der Sprecher begrüßt nun Bruder Uwe Gell auf der Bühne und stellt ihn als einen Gemeindevorsteher vor, einen besonders »eifrigen Ältesten einer Versammlung«. »Erzähl uns bitte, wie sieht deine Woche aus, Uwe?«, fragt er, und Uwe erzählt. Wie jeder Gläubige besucht er dreimal pro Woche die Versammlung der Gemeinde, an zwei weiteren Abenden bereitet er sich auf die Zusammenkünfte vor, am Wochenende geht er im »Predigtdienst« von Tür zu Tür.
Wie alle Zeugen Jehovas, so sind auch die Menschen im Olympiastadion überzeugt, in der »Zeit des Endes« zu leben. Noch herrscht Satan über unseren Planeten, doch schon in wenigen Jahren, vielleicht in Monaten, vielleicht auch nur in Tagen, wird »Jehovas Krieg« über unsere Erde hinwegfegen. An jenem Tag, der »Harmagedon« heißt, wird Gott all jene vernichten, die nicht nach seinem Willen leben. Die Erde jedoch wird weiter bestehen, und die Zeugen Jehovas, so hoffen sie zumindest, werden die Katastrophe überstehen und ewig in Frieden, Harmonie und Gerechtigkeit leben. Bis zu diesem Tag aber müssen sie noch durchhalten, Jehovas Willen verkünden, selbst von Sünde rein bleiben – und mit all ihren Kräften »Jehovas Organisation« dienen: der Wachtturmgesellschaft mit Sitz in Brooklyn, USA.

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