aus Heft 16/2008 Gesundheit Noch keine Kommentare
"Ich fühle jetzt mehr!"
Werner Jung und Stefan Meier bekamen beide jeweils ein neues Herz: das Herz einer Frau.
Von Marren Linnartz (Interview); Albrecht Fuchs (Fotos)
Werner Jung (links) und Stefan Meier
SZ-Magazin: Herr Jung, Herr Meier, Sie haben beide neue Herzen. Wie haben Sie Ihre alten verloren?
Werner Jung: Ich erfuhr vor 15 Jahren, dass ich mir in Südamerika offenbar einen unbekannten Virus eingefangen habe, der den Herzmuskel immer mehr schwächt. Die Ärzte haben sehr schnell gesagt: Herr Jung, Sie werden irgendwann ein neues Herz brauchen, lassen Sie sich eher heute als morgen auf die Warteliste setzen. Aber ich habe mich sechs Jahre lang geweigert.
Stefan Meier: Das verstehe ich nicht. Warum?
Jung: Ich wollte mein Herz nicht hergeben. Es hat geliebt, gelebt, gelitten – davon sollte ich mich verabschieden? Von wem kommt das neue Herz? Kann ich es überhaupt annehmen? Das ist doch ein Fremdkörper!
Aber dann haben Sie sich doch für eine Transplantation entschieden.
Jung: Vor drei Jahren lag ich im Krankenhaus und mir ging es sehr schlecht. Ich hatte 96 Herzstillstände in drei Wochen! 96 Mal durchknallte mich ein Elektroschlag des Defibrillators, den die Ärzte mir eingebaut hatten. Das heißt: Ohne diese unerträglichen Stromschläge, die den Körper wie Blitze durchzucken, wäre ich 96 Mal gestorben. Und da wusste ich: Entweder ich lasse mich operieren – oder ich sterbe, und zwar vermutlich sehr bald. Will ich jetzt sterben? Nein, ich wollte es nicht. Ich habe dann allerdings noch ein Jahr auf mein Spenderherz warten müssen.
Wie war das bei Ihnen, Herr Meier?
Meier: Bei mir ging alles ganz schnell: verschleppte Grippe, Herzmuskelentzündung, Herzversagen. Wenn nicht so schnell transplantiert worden wäre – innerhalb von drei Wochen –, dann wäre ich heute tot.
Vor dieser Krise hatten Sie keine Herzprobleme?
Meier: Nicht direkt. Ich habe mir allerdings bald nach der Transplantation die Frage gestellt: Warum ich? Warum brauche gerade ich ein neues Herz? Was habe ich getan? Heute denke ich: Mein altes Herz ist krank geworden über die Jahre, vielleicht wurde es zu oft gebrochen, von Frauen, die mich verlassen haben, und ich habe zu wenig auf mein Herz gehört. Ich habe Schindluder getrieben.
Jung: So siehst du das?
Meier: Herzpatienten sind oft Menschen, die immer auf der Überholspur sind, immer Gas geben, voll im Leben stehen – meistens Männer übrigens. Genauso bin ich auch. Ich habe immer voll Power gegeben, mit Fieber gearbeitet, ist doch kein Problem, schmeiße ich ein paar Medikamente ein, dann bin ich wieder fit. Ich fühlte mich jung und stark.
Jung: Stimmt schon, ich habe auch niemals Rücksicht auf mich genommen, nur die Arbeit gesehen. Ich habe in Brasilien und Mexiko als Ingenieur je ein Werk aufgebaut, da kam ich mit drei, vier Stunden Schlaf aus. Warnsignale, Müdigkeit, Schlappheit – das habe ich alles ignoriert. Aber irgendwann holt sich der Körper sein Recht.
Nun schlagen Herzen in Ihren Körpern, die einmal ganz anderen Menschen gehört haben.
Meier: Es ist ein schönes Gefühl, dieses Herz einer jungen Frau zu spüren, dieses gleichmäßige Klopfen.
Jung: Stefan, du sagt, du hast ein Frauenherz. Vermutest du das oder weißt du es genau?
Meier: Das weiß ich. Mein Herz stammt von einer 21-jährigen Frau.
Jung: Tatsächlich, du kennst sogar das Alter. Ich weiß weder das eine noch das andere.
Meier: Die Spender müssen ja in Deutschland anonym bleiben. Aber mir hat ein Arzt durch die Blume gesagt, woher mein Herz kommt.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sich Eigenschaften der Spender auf die Empfänger des Organs übertragen haben.
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