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aus Heft 16/2008 Gesundheit Noch keine Kommentare

"Ich fühle jetzt mehr!"

Seite 3

Von Marren Linnartz (Interview); Albrecht Fuchs (Fotos) 


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In Deutschland werden pro Jahr rund 400 Herzen verpflanzt – so gesehen ist es ein medizinischer Routineeingriff.
Meier:
Ich klage hier nicht die hervorragende Leistung der Chirurgen an. Aber ein Chirurg ist nun mal kein Psychologe. Ein Arzt hat einmal zu mir gesagt: »Stefan, ich bin doch nur ein besserer Kfz-Mechaniker. Wir bauen dir einen neuen Motor ein, kurze Starthilfe, dann läuft alles.« Wenn sie bei den Nachuntersuchungen fragen, wie es einem geht, wollen sie nicht wissen, wie man sich fühlt. Sondern ob das Herz funktioniert. Alles klar, sage ich dann, schlägt im Takt. Dennoch habe ich ein halbes Jahr nach meiner Operation psychologische Hilfe gebraucht. Mein Vater ist gestorben, ich bin mit meinen ganzen Ängsten, meinen Gefühlen nicht mehr allein klargekommen. Ich glaube inzwischen, jeder Transplantierte bräuchte psychologische Betreuung.

Jung: Ich hatte keine. Was nicht bedeutet, dass ich nicht vielleicht noch eine in Anspruch nehmen werde. Ich denke aber, ich habe mich schon während meiner langen Leidenszeit mit vielen Fragen auseinandergesetzt, die dem Stefan erst nach der Operation gekommen sind.

Damit Sie weiterleben können, musste jemand sterben. Wie halten Sie dieses Dilemma aus, Herr Jung?
Jung:
Ich erzähle Ihnen dazu eine Geschichte. Ich lag schon seit Monaten im Krankenhaus, guckte raus, blauer Himmel, weiße Wolken. Morgens in den Frühnachrichten hatten sie gemeldet, dass in der Nähe ein Motorradfahrer schwer verunglückt sei. Und plötzlich höre ich draußen die Rotoren eines Hubschraubers, und mich durchfährt ein Gedanke: Vielleicht ist das der Motorradfahrer, vielleicht ist das mein Herz! Und im gleichen Moment erschrecke ich: Was denkst du da! Ich habe mich so geschämt, ich habe bitterlich geheult und zu Gott gebetet: Lieber Gott, lass diesen Menschen weiterleben. Ich war am Ende. Wieso habe ich diesen schlimmen Gedanken gehabt? Ich frage mich das heute noch.

Meier: Was ist daran so schlimm? Man will überleben!

Jung: Ich habe mir den Tod eines Menschen gewünscht! Eines jungen Mannes, 21 Jahre, der noch alles in seinem Leben vorhat!

Meier: Aber wenn er stirbt, dann ist das doch nicht deine Schuld. Es sind Zufälle, die bei dem einen das Leben beenden und einen anderen weiterleben lassen. Werner, wirklich, ich finde das keinen schlimmen Gedanken.

Sie kennen solche Schuldgefühle nicht, Herr Meier?
Meier:
An dem Tag, an dem ich mein neues Herz bekommen habe, ist eine junge Frau gestorben, das weiß ich. Meine Familie hat sich gefreut, eine andere getrauert. Ich bin unendlich dankbar, dass ich durch die Organspende überlebt habe, fühle mich aber nicht schuldig und habe mir auch erst viele Wochen nach der Operation Gedanken über die Spenderin gemacht. Man kann ja von der Deutschen Stiftung für Organspende einen Dankesbrief an die Hinterbliebenen weiterleiten lassen. Soll ich das tun? Wollen die das überhaupt? Habe ich das Recht, sie in ihrer Trauer zu stören? Ich war hin- und hergerissen, habe etwas aufgeschrieben, aber nie weggeschickt. Ich weiß aber, dass die Angehörigen der Spenderin die Organe aus Nächstenliebe freigegeben haben.

Jung: Ich denke jeden Tag an meinen Spender. Er ist mein Held. Er hat mir eine Kraft gegeben, von der ich beinahe vergessen hatte, sie je besessen zu haben. Ich rede manchmal mit ihm und empfinde eine tiefe Verbundenheit. Was mir manchmal zu schaffen macht: die Vorstellung, dass mein Herz von einer jungen Frau oder einem jungen Mann stammt, die Kinder hinterlassen haben. Aber ich lasse diese Gedanken nicht zu weit gehen, sonst kommt man in ein Tief hinein und dort nicht mehr heraus.

Haben Sie Ihr Herz nach der Operation eigentlich noch einmal gesehen? Sich verabschiedet?
Jung:
Ich habe es der Wissenschaft zur Verfügung gestellt, weil ich ja eine unbekannte Krankheit hatte. Ich weiß, wo es sich befindet, und werde es wahrscheinlich sogar einmal in die Hand nehmen können.

Meier: Ich habe meine Operation filmen lassen, ich wollte sehen: Was kommt da raus und was hinein? Mein Herz war ein riesiger Fleischberg, wegen der Entzündung, groß wie eine Honigmelone, und da kam ein gesundes, kleines, kompaktes Herz hinein. Irre! Es dauerte einige Zeit, bis sich der Hohlraum in der Brust zurückgebildet hat. Am Anfang, wenn ich mich auf die Seite legte, rutschte das kleine Herz im Hohlraum mit.

Jung: Das war bei mir genauso. Sehr unangenehm. Ich konnte das erste halbe Jahr lang nur auf der rechten Seite liegen. Aber jetzt ist alles in Ordnung. Mein Körper hat das Herz angenommen und hält es fest umschlossen.

Stefan Meier, 38, erkrankte vor viereinhalb Jahren an einer Grippe, die sich zur Herzmuskelentzündung ausweitete. Nach einem Zusammenbruch im Frühjahr 2005 konnte ihm nur noch eine schnelle Transplantation das Leben retten – innerhalb von drei Wochen bekam er ein neues Herz. Er arbeitet als selbstständiger Handelsvertreter für Raucherkabinen und lebt mit seiner Freundin in Kiel.

Werner Jung, 64, Ingenieur, hat sich in den Siebzigerjahren in Südamerika vermutlich mit einem Virus infiziert, der seinen Herzmuskel nachhaltig schwächte. 2006, nach 15-jähriger Leidenszeit, bekam er schließlich ein neues Herz. Er ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in der Nähe von Heidelberg. Stefan Meier traf er erstmals auf einem Symposium zum Thema Herzverpflanzung in Berlin.

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