aus Heft 18/2008 Luxus Noch keine Kommentare
"Ich war das letzte Mal vor acht Jahren einkaufen. Da hab ich mir Pullover gekauft."
Luxus ist Ansichtssache. Wir haben vier ganz unterschiedlichen Menschen 1000 Euro geschenkt. Einzige Bedingung: Sie mussten das Geld auf der Stelle ausgeben.
Von Alexandros Stefanidis (Interview); Christopher Thomas (Fotos)
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SZ-Magazin: Frau Zielbauer, wie haben Sie in der Nacht, bevor Sie die tausend Euro ausgeben konnten, geschlafen?
Elfriede Zielbauer: Sehr schlecht. Ich bin gegen zehn ins Bett und um zwei Uhr lag ich wieder wach, konnte kein Auge zumachen. Ich war so aufgeregt, dass ich das Ganze abbrechen und Ihnen sagen wollte: »Tut mir leid. Bitte geben Sie das Geld jemand anderem.«
Warum waren Sie so aufgeregt?
Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel Bargeld auf einmal gesehen und bin ein sehr sparsamer Mensch.
Für das Geld haben Sie sich einen Fernseher, eine Zimmerantenne, drei Pullover, Unterwäsche und sechs Tafeln Schokolade gekauft.
Ja, drei Tafeln habe ich meiner Schwiegertochter und meinem Sohn geschenkt, weil sie mich den ganzen Tag begleitet haben. Die Unterwäsche war nötig, ich hatte nur noch zwei Schlüpfer. Und mein alter Fernseher war schon zwanzig Jahre alt.
Wann waren Sie denn das letzte Mal einkaufen?
Vor acht Jahren. Da hab ich mir zum letzten Mal neue Pullover gekauft.
Sie werden dieses Jahr 88. Ihr Mann starb vor zwanzig Jahren, Sie haben gemeinsam vier Söhne groß gezogen. Da blieb früher wohl nicht sehr viel übrig?
Mein Mann hat im Innendienst bei der Post gearbeitet, obwohl er in Russland einen Lungensteckschuss erlitten hatte und auf dem rechten Auge blind war. Doch auch mit seiner Kriegsrente und dem Gehalt von der Post kamen wir nur gerade so über die Runden. Wir konnten uns zum Beispiel jahrzehntelang nur eine Wohnung ohne Heizung und ohne Dusche leisten. Ich hatte mir mein Leben immer ganz anders vorgestellt.
Vielleicht etwas luxuriöser?
Das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber als 18-, 19-jähriges Mädel habe ich für eine Molkerei in Österreich immer Milch an verschiedene Cafés geliefert und sah dort Frauen in langen, hübschen Kleidern, wie sie sich nachmittags unterhalten haben. So habe ich mich nach meiner Heirat natürlich auch gesehen. Aber es kam ganz anders. Nach meiner Heirat war ich vielleicht zweimal in einem Café, um eine Melange zu trinken und ein Törtchen zu essen. Für meinen Mann waren Café- und Wirtshausbesuche immer tabu. Ich habe heute ständig das Gefühl, dass mein ganzes Leben an mir vorbeigeflogen ist, ohne dass ich es wirklich genießen konnte.
Das klingt alles nicht gerade nach wahrer Liebe.
Wahre Liebe? Ich bitte Sie. Die wahre Liebe ist eine Luxusvorstellung von 18-jährigen Mädchen, die sich ein buntes Leben ausmalen. Ich möchte meinen Mann jetzt nicht verteufeln, aber er war nun mal ein richtiger Geizhals. Ich habe von ihm immer nur die Worte »sparen, sparen, sparen« gehört. Er hat sich zu Tode gespart, ohne je einmal mit mir und den Kindern in Urlaub zu fahren.
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