»Er hat den Rat gegeben, als Kameramann nie zu heiraten«

Im Dokumentarfilm »Freie Kamera« erzählt Lukas März die Geschichte eines pensionierten Kameramanns. Für den Drehbuch-Studenten ist das auch ein Blick in die Zukunft: Was macht es mit einem, sein ganzes Leben dem Film zu widmen?

Video: Lukas März

SZ-Magazin: Haben sich schon mal Zuschauer beschwert, dass Ihr Film keine Untertitel hat?
Lukas März (25): Weil man Ernst nicht versteht? Es war tatsächlich eine lange Diskussion, ob wir für Leute, die kein Bayerisch können, Untertitel einspielen. Ich habe mich letztlich dagegen entschieden, weil ich finde, einen Dialekt zu untertiteln, gibt der Person immer etwas Provinzielles – das fand ich bei einem so klugen Menschen wie Ernst falsch.

In einer Szene sitzen Sie, Ihr Kameramann und Ernst Schmid gemeinsam an seinem Wohnzimmertisch, während Sie eine Szene aufnehmen. Warum wollten Sie diesen Blick hinter die Kulissen zu einem Teil Ihres Films machen?
Spannend fand ich, dass der Inhalt und die Art, wie der Film gedreht wurde, so eng zusammenhängen. Es ging nicht nur darum, dass Ernst erzählt – sondern auch darum, dass er uns als erfahrener Filmemacher während dem Dreh erklärt, wie wir diesen Film am besten machen.

Hat er denn akzeptiert, dass Sie es sind, die den Dreh leiten?
Ja, er sagte schon immer, dass wir »die Chefs« seien. Lustig war aber, als wir ihm erzählt haben, dass wir nur drei Rollen Filmmaterial zur Verfügung hätten – er meinte gleich, dass das ja unglaublich wenig sei. Deswegen hat er häufig alles doppelt so schnell gemacht, weil er dachte, dass das Material nicht reicht, er aber so viel zu erzählen hatte. Dann mussten wir das nochmal langsamer drehen. Auch, wenn er das Ganze hinter der Kamera so gut kannte, war er vor der Kamera manchmal doch etwas nervös.

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Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ernst Schmid zum Protagonisten Ihres Dokumentarfilms zu machen?
Vor ein paar Jahren saß Ernst Schmid im Flugzeug neben mir, fragte was ich las und so bin ich mit ihm ins Gespräch gekommen. Er erzählte, dass er lange beim Film gearbeitet hätte – und ich sagte, dass ich kurz darauf an der HFF anfangen sollte. Als wir dort unseren ersten Film drehen durften, auf 16 Millimetern, musste ich die ganze Zeit an ihn denken, weil er mir so viel darüber erzählt hatte, wie man mit Filmmaterial richtig umgeht. Das Schwierige war aber, dass ich mir nur seinen Namen aufgeschrieben hatte. Zwei Monate lang habe ich ihn gesucht, habe Briefe an den Kameraverbund geschrieben ­– in irgendwelchen Akten ehemaliger Mitarbeiter der Bavaria Film haben sie ihn dann gefunden.

Ernst Schmid ist als Kameramann um die ganze Welt gereist.

Foto: Lukas März

Schmid sagt im Film, er würde diesen Beruf immer wieder wählen, weil er hier »ein freier Mensch« sei. Können Sie das nachvollziehen?
Ja, ich glaube schon. Filme zu machen, etwas Kreatives zu machen – das hat viel mit Freiheit zu tun. Mit jedem Film taucht man in andere Figuren, andere Welten, andere Themengebiete ein. Diese Freiheit, die Ernst empfunden hat, dass man immer in einem anderen Projekt ist und dafür um die ganze Welt reist, kann ich sehr gut nachvollziehen.

Gleichzeitig ist diese Freiheit ja auch an Unbeständigkeit geknüpft und nicht selten an ein Berufsleben als Selbstständiger. Macht Ihnen das Angst?
Auf jeden Fall. Man muss sich selbst darum kümmern, dass die Sachen, die man schreibt und die Ideen, die man hat, auch Kunden und Publikum bekommen. Anders wäre das natürlich, regelmäßig für ein Format zu schreiben – zum Beispiel eine Fernsehserie, so etwas wie Sturm der Liebe. Das ist zwar mit mehr Sicherheit verbunden, aber eben auch mit weniger Freiheit.

Manchmal geben ja gerade ältere Menschen weise Ratschläge. Hat Ernst Schmid Ihnen etwas mit auf Ihren Weg gegeben?
Ich habe ja zusammen mit einem Kamerastudenten von der HFF gedreht, Manuel Lübbers – und dem hat er immer den Rat gegeben, als Kameramann niemals zu heiraten. Wenn er die ganze Zeit durch die Welt reisen würde, sei das schwierig mit einer Familie zu vereinen. Mich hat beeindruckt, wie viele Gedanken er sich über das Verhältnis von Beruf und Familie gemacht hat. Ich hatte das Gefühl, dass er jetzt im Alter sehr viel darüber nachdenkt, weil seine Frau sehr krank und nicht mehr ansprechbar ist. Ob er früher nicht mehr Zeit mit ihr und seiner Familie hätte verbringen können – die sich jetzt in einem Alter, in dem er nicht mehr arbeitet, nicht mehr nachholen lässt.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihr ganzes Leben dem Film zu widmen?
Ich glaube, es gehört einfach zu diesem Beruf dazu, hier sein ganzes Leben reinzustecken. Obwohl Ernst es ja gar nicht so gemacht hatte, wie er es uns geraten hat: Er hatte eine Frau und Kinder. Auch hatte er gewisse Dinge neben dem Film, die ihm jetzt im Alter noch geblieben sind. Viel Zeit hat er zum Beispiel in sein eigenes Haus gesteckt – als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hat er mir wieder erzählt, dass er im Garten Bäume abgesägt und sein Bad neu gefliest hätte.

Er hat neben dem Film also doch Raum für Anderes in seinem Leben gelassen.
Ja, und ich glaube, das ist gut. Weil man sich gerade auch das für seine Filme bewahren muss – die Realität.

»Nichts ist fantastischer als die Wirklichkeit«, hat Federico Fellini gesagt. In der Reihe »Bewegtes Leben« stellen wir die ersten Werke von jungen Filmemacherinnen und Filmemachern vor und sprechen mit ihnen über ihre Projekte. An der Hochschule für Fernsehen und Film München darf der erste Film – der sogenannte »Film01« – zehn Minuten lang sein und muss an drei Tagen im Münchner S-Bahn-Gebiet mit einem Budget von 400 Euro gedreht werden. Schwarz-weiß ist zum Markenzeichen des Erstlingsfilms an der HFF München geworden.