»Mein Ärger war auf einmal ganz unangemessen«

Für ihr Erstlingswerk »Aufarbeiten« besuchte Denise Riedmayr ihre niederbayrische Heimat, die zuvor von einer Flutwelle verwüstet worden war. Ein Film über Ohnmacht und Neubeginn.

SZ-Magazin: Welchen Bezug haben Sie zum Ort und den Personen in Ihrem Film?
Denise Riedmayr (26): Ich bin in Julbach aufgewachsen und in Simbach am Inn zur Schule gegangen. Deshalb wollte ich meinen ersten Film an der HFF München über die Katastrophe 2016 in meiner Heimat machen. Die Familie Lehner kenne ich schon lange, da ich mit der ältesten Tochter Anna seit der Schulzeit befreundet bin. Wir wohnen seit acht Jahren zusammen in München.

Wie haben Sie die Nachricht der Flut vernommen?
Es war der 1. Juni 2016. Ich weiß auch noch, dass es ein Mittwoch war. Anna und ich saßen in unserer WG im Westend und haben versucht, an so viele Informationen wie möglich aus dem Katastrophengebiet heranzukommen – Privatvideos, Liveticker, Tagesschau, alles war gleichzeitig offen. Wir waren ewig wach und haben immer wieder versucht, jemanden zu erreichen. Wir wussten lange nicht, ob es ihren Eltern gut ging. Wir wollten unbedingt hinfahren, wussten aber, dass wir keine Chance gehabt hätten, Simbach zu erreichen.

War das Ihre größte Sorge?
Unsere größte Sorge war, dass jemand gestorben ist. Zum Glück kam dann doch noch die Nachricht, dass es Annas Eltern gut ging.

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Wieso haben Sie Simbach ein halbes Jahr nach der Flut gezeigt?
Das Medienaufgebot während so einer Katastrophe ist enorm. Die Betroffenen sind noch komplett überfordert und es werden fünf Kameras auf sie gerichtet. Ein halbes Jahr später interessiert sich kaum mehr jemand dafür, das Aufarbeiten der Katastrophe ist aber noch lange nicht vorbei.

Warum sieht man die Familie Lehner nicht im Film?
Ich hatte auch Material, auf dem die Lehners zu sehen waren und im Schnitt hat man mir oft dazu geraten, sie zu zeigen – das entspricht eher den Konventionen eines Films, dass man die Leute sieht, die sprechen. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil ich den Straßen und den Häusern eine Stimme geben wollte.

Können Katastrophen wie diese Flut dementsprechend gelassener machen?
Das war ziemlich paradox, weil ich den Film zu Beginn mit einer großen Wut und Trauer begann und am Ende alle so versöhnlich waren. Mein Film ist ja ein Familiengespräch über die Flut. Über die warmen Worte und den Zusammenhalt der Leute, der dadurch sehr gestärkt wurde, war ich sehr überrascht. Da haben sie mich total erwischt, mein Ärger war auf einmal ganz unangemessen.

Glauben Sie, dass es für einen Neuanfang immer eine fundamentale Erschütterung braucht?
Ich weiß nicht, ob von einem Neuanfang die Rede sein kann. Klar hat die Flut bei viele Menschen in Simbach etwas verändert. Aber ich hoffe, dass so etwas Schlimmes nicht notwendig sein muss, um etwas Neues zu beginnen.

»Nichts ist fantastischer als die Wirklichkeit«, hat Federico Fellini gesagt. In der Reihe »Bewegtes Leben« stellen wir die ersten Werke von jungen Filmemacherinnen und Filmemachern vor und sprechen mit ihnen über ihre Projekte. An der Hochschule für Fernsehen und Film München darf der erste Film – der sogenannte »Film01« – zehn Minuten lang sein und muss an drei Tagen im Münchner S-Bahn-Gebiet mit einem Budget von 400 Euro gedreht werden. Schwarz-weiß ist zum Markenzeichen des Erstlingsfilms an der HFF München geworden.