Kaffee und Zigaretten unter der Brücke

Wie lebt ein obdachloses Paar im reichen München? In ihrem Dokumentarfilm »Február« porträtiert Marlena Molitor Zsuzsanna und Sandor, die vor einiger Zeit zu Fuß von Ungarn nach Deutschland gekommen sind.

Nachdem Zsuzsanna ihren Job in Ungarn verloren hat, floh sie mit ihrem Mann Sandor nach Deutschland.

Video: Marlena Molitor

SZ-Magazin: Hört man einzig die Geräusche Ihres Filmes, etwa das Anzünden der Zigarette oder das Rühren in der Kaffeetasse, könnte man meinen, es handele sich um den Alltag eines ganz normalen Paares. War das Absicht?
Marlena Molitor (24): Ich fand es faszinierend, wie sich Zsuzsanna und Sandor mit einfachsten Mitteln ihr kleines Zuhause unter der Brücke eingerichtet haben. Diese Normalität unter prekärsten Bedingungen war der Ausgangspunkt für meinen Film.

Die Kamera kommt den beiden dabei sehr nahe.
Mein Kameramann Moritz Dehler und ich haben uns von Anfang an gewünscht, dass die Zuschauer so nah wie möglich dran sind. Sie sollen das Gefühl haben, mit Zsuzsanna und Sandor im Zelt zu sitzen. Bei den Szenen im Zelt waren Zsuzsanna, Sandor und Moritz zu dritt drin, ich war draußen. Eine vierte Person hätte da nicht mehr reingepasst.

Den beiden hat das gar nichts ausgemacht?
Tatsächlich nicht - ich bin sehr dankbar über den Vertrauensvorsprung, den die beiden nicht nur mir, sondern auch dem Team gegeben haben. Ich kannte die beiden von meinen Spaziergängen zwar sehr gut, aber der Rest des Teams noch nicht. Also habe ich alle zu mir nach Hause eingeladen und Zsuzsanna und ich haben gekocht – gefüllte Paprika, schön ungarisch. Das war für mich wichtig, um eine Vertrauensbasis zu schaffen.

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Welche Sprache sprechen die beiden?
Ungarisch. Zsuzsanna und Sandor sind Roma, die aus Ungarn nach Deutschland geflohen sind, nachdem Zsuzsanna ihren Job verloren hat. Ihr Chef hatte herausgefunden, dass sie Roma ist und sie gekündigt. Im Sommer 2016 sind die beiden zu Fuß nach Deutschland gelaufen, ein paar Monate später habe ich sie kennengelernt.

Diesen Hintergrund lassen Sie in Ihrem Film bewusst aus. Warum?
Ich erzähle ihre Vorgeschichte nicht, weil das, was mich von Sekunde eins so fasziniert hatte, dieser kleine Mikrokosmos der beiden war. Ein Film soll natürlich auch berühren, aber ich wollte vor allem, dass die Leute nach dem Film diskutieren. Ein Film muss immer Fragen aufwerfen.

Im Hintergrund Märchenschloss Neuschwanstein: Zsuzsanna unter der Wittelsbacher Brücke in München.

Screenshot: »Fébruar«

In München sorgte die Räumung des Obdachlosencamps an der Kapuzinerstraße im Januar für Aufsehen. Im vergangenen Jahr wurde auch ein Camp an der Reichenbachbrücke von den Behörden geräumt. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie solche Meldungen lesen?
Ich war sehr wütend und traurig, dass gerade in einer Stadt wie München, in der es einem Großteil der Menschen so gut geht, wenig Platz ist für Menschen, die weniger oder nichts haben. Klar gibt es Obdachlosenunterkünfte. Die Umstände dort sind aber oft nicht gerade einladend. Ich weiß das auch von Zsuzsanna und Sandor, die lieber bei minus 20 Grad unter der Wittelsbacherbrücke sein wollten, als in einer Unterkunft.

Wissen Sie, wie die beiden an Essen, Kaffee, Zigaretten kommen?
Im Sommer konnten sie relativ viel Geld mit Pfandflaschensammeln verdienen – klar, Isar, München, Bier. Sandor hat ab und zu auf dem Bau arbeiten können, schwarz, für zehn Euro in der Stunde. Im Film sieht man auch dieses Kästchen, das ist eine Spendenkasse. Da können Spazierende ein paar Euro reinwerfen und dadurch haben sie auch noch ein kleines Einkommen.

Wie geht es Zsuzsanna und Sandor heute?
Sie sind jetzt nicht mehr unter der Wittelsbacherbrücke, sondern arbeiten in einem Hotel in Garching. Ein Knochenjob – aber sie haben es aus eigener Kraft von der Straße weggeschafft. Ich finde das sehr bewundernswert.

Der Schriftsteller Ferdinand von Schirach hat im Vorwort von Verbrechen geschrieben: »Wir tanzen unser Leben lang auf einer dünnen Schicht aus Eis, darunter ist es kalt, und man stirbt schnell.« Haben Sie Angst, selbst einmal einzubrechen?
Schwierige Frage. Ich weiß aus meinem weiteren Bekanntenkreis, wie schnell es gehen kann, wenn man den Job verliert – und wie schwer es sein kann, wieder auf die Beine zu kommen. In einigen Fällen gab es ein glückliches Ende, weil Familie und Freunde unterstützt haben. Aber was ist, wenn man alleine dasteht? Dann ist man schneller auf der Straße, als man denkt.

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