Der Wunsch nach Vollständigkeit

In ihrem Dokumentarfilm »Epithese« zeigt Rebecca Zehr, wie eine Frau nach dem Verlust ihrer Nase zurück zu sich findet – und wie sie ihr Gesicht wahrt mithilfe einer Nase, die sich nicht rümpfen lässt.

Video: Rebecca Zehr

SZ-Magazin: Man könne von anderen nicht erwarten, dass sie sich akzeptieren, wenn man sich selbst nicht als vollkommen erachtet. Etwa so lautet der erste Satz in Ihrem Kurzfilm. Warum beginnen Sie Ihren Film so?
Rebecca Zehr: In dem Film geht es um Akzeptanz und die Frage, inwiefern man sich selbst wiederfinden kann, wenn das Gesicht nicht mehr vollkommen ist. Wie können Menschen, die diese Ansprüche nicht erfüllen, überhaupt in der Gesellschaft bestehen? Mein Film versucht, diesen Normalitätsdiskurs zu beschreiben.

Ihre Protagonistin hat ihre Nasenspitze plötzlich nicht mehr gesehen. Was ist passiert?
Meine Protagonistin Sabine litt unter einer Krebsart. Eine Epithese, also die künstliche Nachbildung ihrer Nase, ist die sinnvollste Lösung, weil man immer wieder an die Wunde muss, um zu kontrollieren, ob sich neuer Krebs gebildet hat. Die Geschichte der Epithese geht aber viel weiter zurück. Schon im alten China baute man Nasen aus Holz oder Wachs nach. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg haben Menschen oft Teile ihres Gesichts verloren. Auch mein Opa hatte eine solche Kriegsverletzung.

Was ist Ihrem Opa geschehen?
Mein Großvater wurde im Zweiten Weltkrieg eingezogen. Dann ist eine Bombe auf seinen Panzer gefallen und er verlor das ganze Gesicht. Man operierte ihn später über 60 Mal.

Manchmal fällt es den Menschen auf, dass etwas mit dem Gesicht Ihrer Protagonistin nicht stimmt. Wie geht sie damit um?
Der Verlust eines Auges, eines Ohrs oder der Nase führt dazu, dass man stärker darauf achtet, wie andere einen wahrnehmen. Ich glaube, dass Menschen wie Sabine eine erhöhte Außenwahrnehmung haben. Da kann es auch schon mal zu einer Verlegenheit kommen. Meistens geht Sabine aber souverän und humorvoll mit der Krankheit um.

Sie macht Witze darüber?
Ja, sie erzählt mir immer lustige Anekdoten aus ihrem Alltag. Einmal hat sie sich die künstliche Nase mit einem Regenschirm abgeschlagen und konnte sie gerade noch retten, bevor sie unter einen Zaun rollte. Dann stellte sie sich vor, wie es gewesen wäre, wenn ein Hund die Nase gefunden hätte.

Frisch aus dem Backofen: eine Nase für die, die keine eigene mehr haben.

Foto: Felix Press

Sie zeigen im Film auch die Herstellung der Epithese. Wie ist es in so einer Werkstatt?
In der Werkstatt von Iris Schürer in der Nähe von München herrscht eine kreative Atmosphäre. In dem wunderschönen Haus am Waldrand werkelt sie wie in einem Kunstatelier. In der Mittagspause bekommt man hier eine warme Suppe und sitzt mit der Inhaberin im Garten. Es ist eine sehr herzliche Stimmung.

Und es gibt einen Vorrat an Fingern, Augen und Ohren.
Das mag seltsam wirken. In ihrem Keller findet man ein liebevolles Durcheinander mit vielen beschrifteten Fächern. Sie hat eine Sammlung alter Epithesen. Unten im Keller backt sie auch die Nasen im Backofen. Im Ort munkelte man schon, sie würde Nasen oder Ohren an Mäusen züchten. Es gibt skurrile Gerüchte darüber, was sie in der Werkstatt so treibt.

Familie und Freunde haben Ihre Protagonistin nie ohne Nase gesehen, Sie aber schon. Wie war dieser Moment?
Wir haben zu dritt gefilmt, doch ich war die einzige Person, die Sabine ohne Nase gesehen hat. Sie ist geübt darin, diesen Teil ihres Gesichts zu verstecken, immer wieder hielt sie die Hand davor. Es war ein Vertrauensprozess: erst hat sie es mir beschrieben, dann habe ich Bilder davon gesehen. In dem Moment war es nicht überraschend für mich. Aber ich glaube, die Angst, dass Leute es abstoßend finden könnten, ist so groß, dass Sabine einen Reflex entwickelt hat. Sie hat immer das Gefühl, die Mitte ihres Gesichts verbergen zu müssen.

In einer Szene nimmt Sabine die Nase ab. Sie zeigen es im Film aber nicht – warum?
Wir haben uns erst beim Dreh darauf geeinigt, es sollte nichts dramatisiert werden. Ich wollte nicht, dass der Film etwas unangenehm Sensationsgieriges bekommt. Es sollte um andere Fragen gehen: Warum machen wir es den Betroffenen so schwer? Und warum müssen eigentlich alle »normal« sein?

Immer wieder taucht die Glyptothek in München auf. Warum haben Sie sich für dieses filmische Element entschieden?
An diesem Ort stehen die seit Jahrtausenden bestehenden Vorstellungen von schönen Körpern. Ein Schönheitsideal, das wir bis heute pflegen. In der Glyptothek gibt es auch Statuen, denen im Laufe der Zeit mal ein Arm, ein Bein oder eben die Nase abgefallen ist. Das stört nur niemanden. Warum können wir dieselbe Unvollständigkeit im echten Leben aber nicht ertragen?

Teilweise hat man die Statuen aber auch wieder vervollständigt.
Genau. Ein Historiker erklärte mir, dass es auch in der Archäologie verschiedene Trends gab. Zu einer Zeit hat man versucht, die verschwundenen Körperteile nachzubauen, inzwischen belässt man es beim Original. Diesem Trend könnte man ja auch in der Gesellschaft folgen.

Die Protagonistin sagt, sie fühle sich auch ohne Nase komplett. Glauben Sie ihr das?
Das kann ich schwer beurteilen, aber es ist sicher ein Prozess. Es ist ein Unterschied, ob man sich selbst vollkommen fühlt – oder vor anderen. Die Blicke oder das Mitleid muss man erstmal aushalten können.

Was verstehen Sie nach dem Filmprojekt unter Schönheit?
Ich finde Menschen schön, die zu sich stehen.

»Nichts ist fantastischer als die Wirklichkeit«, hat Federico Fellini gesagt. In der Reihe »Bewegtes Leben« stellen wir die ersten Werke von jungen Filmemacherinnen und Filmemachern vor und sprechen mit ihnen über ihre Projekte. An der Hochschule für Fernsehen und Film München darf der erste Film – der sogenannte »Film01« – zehn Minuten lang sein und muss an drei Tagen im Münchner S-Bahn-Gebiet mit einem Budget von 400 Euro gedreht werden. Schwarz-weiß ist zum Markenzeichen des Erstlingsfilms an der HFF München geworden.

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