»Sepp ist wichtig, aber unsichtbar«

In seinem Dokumentarfilm »Sepp« begleitet Julien Hebenstreit den Kanalarbeiter Josef Seier unter der Erde und über der Erde – und erzählt so viel über seine Auffassung von Arbeit und Glück.

SZ-Magazin: Was hat Sie am Kanalarbeiter Sepp interessiert?
Julien Hebenstreit (21): Sepp ist wichtig, aber unsichtbar. Es hat mich gereizt, jemanden zu porträtieren, der wichtig für unsere Gesellschaft ist, den aber eigentlich niemand zu Gesicht bekommt. Den ständigen Wechsel von unter der Erde und über der Erde fand ich erzählerisch auch interessant. Da pendelt einer zwischen zwei Welten. Wir haben Sepp im Kanal begleitet, aber auch am Wochenende auf einem Campingplatz. Der Film schließt dann wieder unter der Erde.

Wie riecht es im Kanal?
Es ist modrig, heiß und es riecht nach Unrat. Aber nicht so schlimm, wie man denkt.

Ihr Film krisselt ein bisschen. Warum?
Das liegt am analogen Material. Es ist Tradition an der Münchner Filmhochschule, dass wir Drehbuchstudenten unseren ersten Film analog drehen. Man bekommt drei Filmrollen mit Schwarzweiß-Filmmaterial à zehn Minuten. Für einen zehnminütigen Film muss man sich also genau überlegen, ob und wann man auf Aufnahme drückt. Wenn man analog dreht, kann man sich nichts anschauen oder die Belichtung checken – und im Kanal war es ja zappenduster.

Meistgelesen diese Woche:

»Ich hatte das Gefühl, dass Sepp ein zufriedener Mensch ist, der in sich ruht«, sagt Julien Hebenstreit über seinen Protagonisten Josef Seier.

Foto: Matthias Ring

Welche Figuren interessieren Sie als Drehbuchautor eher: jemand wie Sepp oder jemand wie Markus Söder?
Ich finde beide Figuren interessant. Ich glaube, bei Markus Söder müsste man erstmal herausfinden, aus welchen Schichten seine Persönlichkeit besteht. Sepp war ein angenehm offener Gesprächspartner. Bekanntheit ist nicht zwingend Kriterium für eine interessante Filmfigur. Aber bei einer bekannten Figur kann man sich natürlich fragen: Wie und warum ist sie bekannt geworden?

Sepp arbeitet seit 24 Jahren in derselben Kanalstrecke – das entspricht nicht gerade einer modernen Art von Arbeit: flexibel, agil, befristet. Was meinen Sie, bedeutet Arbeit für Sepp?
Ich denke, Arbeit ist für Sepp in erster Linie Routine. Und ich glaube, dass Arbeit für Sepp eine Verwirklichung seines Charakters ist, da er sagte, dass er gerne Verantwortung übernimmt – vor allem, seit er Vater geworden war. Er ist ja der Chef einer Gruppe, die den Kanal reinigt. Die Arbeit gibt seinem Leben Struktur. Sepp ist jedes Wochenende auf dem Campingplatz in Königsdorf. Er sagt, dort ist er der Mensch, der er sein will. Also der Sepp, der arbeitet, ist nicht der komplette Sepp.

Glauben Sie, dass die klassische Arbeiterklasse hinsichtlich der digitalen Transformation verschwinden wird?
Die »Kanaler« arbeiten schon jetzt mit Kameras und mit Robotern. Die Hauptaufgabe ist, undichte Stellen auszumachen und zu reparieren. Ein Großteil der Arbeit passiert auch über der Erde. Sepps Sohn arbeitet ebenfalls bei der Stadtentwässerung, er kümmert sich um die Roboter, die für die engen, nicht begehbaren Kanäle zuständig sind. Ich denke, dass sich die Arbeitswelt durch die Digitalisierung stark verändern wird und Aufgaben von künstlichen Intelligenzen übernommen werden. Aber dadurch werden auch neue Berufe entstehen. Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine wird sich, glaube ich, verstärken.

Was denken Sie, bedeutet Glück für Sepp?
Ich hatte das Gefühl, dass Sepp ein zufriedener Mensch ist, der in sich ruht. Er war immer derselbe, egal, ob die Kamera lief oder nicht. Ich glaube, Sepp ist jemand, der kleine Momente wertschätzen kann und dort Glück finden kann, wo es andere nicht sehen. Aber das ist natürlich Spekulation. Außerdem bedeutet Familie für Sepp Glück. Seine Frau und er sind ein tolles Team. Er ist frisch Großvater geworden, als wir gedreht haben. Das hat ihn auch sehr glücklich gemacht.

Was bedeutet Glück für Sie?
Ein glückliches Gefühl für mich ist, wenn ich weiß, dass noch etwas Schönes kommt. Also Vorfreude.

Auf was freuen Sie sich?
Auf zukünftige Projekte.

»Nichts ist fantastischer als die Wirklichkeit«, hat Federico Fellini gesagt. In der Reihe »Bewegtes Leben« stellen wir die ersten Werke von jungen Filmemacherinnen und Filmemachern vor und sprechen mit ihnen über ihre Projekte. An der Hochschule für Fernsehen und Film München darf der erste Film – der sogenannte »Film01« – zehn Minuten lang sein und muss an drei Tagen im Münchner S-Bahn-Gebiet mit einem Budget von 400 Euro gedreht werden. Schwarz-weiß ist zum Markenzeichen des Erstlingsfilms an der HFF München geworden.

Artikel teilen: