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»Es geht darum, dass wir sichtbar werden«

Die US-Autorin Melissa Blake hat eine genetisch bedingte Krankheit – im Netz wird sie wegen ihres Aussehens zum Ziel von Spott. Im Interview erklärt sie, wie sie sich erfolgreich gegen Trolle wehrt und warum Social-Media-Firmen viel zu wenig gegen Online-Hass tun.

Melissa Blake, 39, lebt im US-Bundesstaat Illinois. Sie leidet am Freeman-Sheldon-Syndrom, einer genetisch bedingten Gelenk- und Muskelschwäche.

Foto: Privat

Das Problem: Plattformen wie TikTok und Twitter schreiten nicht ein, wenn Behinderte beleidigt werden.
Die Lösung: Flucht nach vorne. Jedes Mal, wenn ihr wieder ein Bully schreibt, sie sei so hässlich, sie solle sich im Keller verstecken (oder Schlimmeres), postet Melissa Blake ein hübsches Selfie. Damit hat sie so viele Fans gefunden, dass nun auch TikTok und Twitter auf sie hören.

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Wenn Melissa Blakes Inbox überquillt, weiß sie, dass sie wieder einmal »viral« gegangen ist. Zuletzt wurde das Foto der 39 Jahre alten Autorin aus DeKalb, Illinois, zum Schulbeginn in einer »TikTok-Challenge« ohne ihr Wissen benutzt. Eltern zeigten ihren Kindern Fotos von Blake und anderen Behinderten, erzählten ihnen, das sei ihr*e neue*r Klassenlehrer*in und filmten die entsetzten Reaktionen der Kinder. Blake, die mit dem genetisch bedingten Freeman-Sheldon-Syndrom geboren wurde, hat einen eleganten Weg gefunden, damit zu umgehen. Jeder Troll macht sie in gewisser Weise noch bekannter.

Wie sind Sie ins Fadenkreuz Tausender Menschen geraten, die Sie öffentlich beleidigen?
Melissa Blake: Ich habe vor gut einem Jahr, im August 2019, einen Kommentar auf CNN veröffentlicht, in dem ich Trump kritisierte. Zwei Wochen später machte mich jemand auf ein YouTube-Video aufmerksam, in dem ein konservativer YouTuber meinen Kommentar kommentierte und mein Foto zeigte. Darunter standen Tausende von Kommentaren, die sich über mein Aussehen lustig machten. Kein konstruktives Feedback oder inhaltliche Kritik, sondern einfach Beleidigungen. Die Leute sagten, Fotos von mir sollten verboten werden, weil ich so hässlich sei. Deshalb habe ich als Antwort sofort drei hübsche Selfies online gestellt und poste immer noch jeden Tag ein Foto von mir. Das ist meine Art zu sagen: Wenn ihr keine Fotos von mir sehen wollt, dann zeige ich euch einfach mehr Fotos. Eines davon wird euch dann schon gefallen.

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Ihre Flucht nach vorne war ungeheuer erfolgreich. Ihre Selfies sind viral gegangen.
Ich postete den Tweet mit meinen Selfies an einem Samstagabend und ging ins Bett. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatten ihn Zigtausende von Leuten verbreitet, und ich las Tausende von positiven Kommentaren. Vor dem Trollgate hatte ich vielleicht 7500 Follower. Inzwischen sind es auf Instagram und Twitter jeweils um die 100.000. Es war herzerwärmend zu sehen, dass soviel Positives aus etwas so Negativem entstehen kann.

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Sind die Hassnachrichten inzwischen weniger geworden?
Nein, die Leute machen sich immer noch über mein Aussehen lustig, aber mittlerweile lasse ich das an mir abtropfen. Ich bin abgestumpft. Seit Trump im Amt ist, leben wir mit einem enormen Anstieg von Cyberbullying und Trolls.

»Trumps Boshaftigkeit ermutigt andere, das gleiche hasserfüllte Verhalten zu zeigen«

Trump machte sich bereits im Wahlkampf vor vier Jahren über Behinderte lustig und wurde trotzdem gewählt. Hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Trumps Boshaftigkeit ermutigt andere, das gleiche hasserfüllte Verhalten zu zeigen. Aber damit schafft er auch eine Plattform, auf der wir antworten können.

Schaffen Sie es wirklich, das alles einfach abtropfen zu lassen?
Natürlich tut es weh. Niemand kann das alles lesen und nichts dabei fühlen. Ich bin nicht immer selbstbewusst, ich habe meine Momente der Verzweiflung. Aber wenn ich mich über jeden Kommentar aufregen würde, hätte ich nichts anderes mehr zu tun.

Wie reagieren die Online-Plattformen, wenn Sie beleidigende Kommentare melden?
Im Durchschnitt wird mir bei neun von zehn hasserfüllten Kommentaren, die ich melde, gesagt, sie verletzten die Standards der Plattform nicht. Wenn Leute mich als Blobfisch, als Kartoffel mit Brille oder sonstwie als grottenhässlich beleidigen – alles keine Verletzung der Standards. Damit machen sich die Plattformen letztlich zu Komplizen. Sie senden das Signal, dass es okay ist, sowas öffentlich zu sagen. Es muss schon sehr hart werden, damit die Plattformen etwas unternehmen. Erst als kürzlich ein Kommentator sagte, früher hätten sie sowas wie mich euthanisiert, hat Twitter den Kommentar runtergenommen und den Account suspendiert.

Der jüngste Skandal war zu Beginn des Schuljahres der »TikTok Challenge«.
(seufzt) Das Schlimmste ist, dass Erwachsene denken, sowas sei lustig, und ihren Kindern beibringen, so ein Verhalten sei akzeptabel. Ich bin selbst nicht auf TikTok. Mir schrieben unzählige Menschen, sie hätten mein Foto auf TikTok gesehen und es gemeldet, aber TikTok sagte, es verletze ihre Regeln nicht. Plattformen wie Twitter, Instagram und TikTok müssen eine aktivere Rolle bei solchen Vorfällen einnehmen, diese Inhalte runternehmen oder diese Mitglieder verwarnen oder verbannen. Wenn sie das nicht tun, sagen sie de facto, es ist okay, jemanden wegen seines Aussehens fertig zu machen.

Sie haben letztlich die Macht der sozialen Medien wie in einem JiuJitsu-Kampf genutzt und die Dynamik umgedreht. Sie haben unter anderem der BBC und NPR Interviews gegeben, und Ihre eigene Medienpräsenz zwang TikTok zum Einlenken.
Ja, ich habe meine 100.000 Follower dazu aufgerufen, sich wegen der TikTok-Challenge zu beschweren und das haben so viele getan, dass TikTok schließlich doch reagiert hat. Aber nicht jede hat so viele Fans, und es sollte ja auch gar nicht nötig sein, damit Plattformen das Richtige tun.

Mit ihrem Rollstuhl gibt Blake nach eigener Aussage gern auf Instagram an.

Foto: Privat

Was genau ist das Freeman-Sheldon-Syndrom, das Sie haben?
Es ist eine genetisch bedingte Gelenk- und Muskelschwäche. Ich wurde damit geboren und hatte meine erste Operation mit zehn Wochen, weil meine Beine an den Knien 90 Grad im falschen Winkel abstanden. Zwischen meiner Geburt und meinem 16. Geburtstag hatte ich 25 Operationen, um meine Gelenke und mein Rückgrat zu stabilisieren. Ich kann einige Schritte laufen und bin ansonsten in meinem Rollstuhl unterwegs, mit dem ich auch gerne auf Instagram angebe.

Einige sagen, wenn Sie auf Twitter oder anderen Plattformen beleidigt werden, könnten Sie sich ja einfach von dort zurückziehen.
Als Autorin und Bloggerin ist das für mich keine Option, und als Behinderte auch nicht. Es geht ja darum, dass wir sichtbar werden. Einer der besten Aspekte von sozialen Plattformen ist, dass ich mich mit anderen Behinderten austauschen kann, etwa mit Lizzie Velasquez, Carly Findlay oder Alex Dacy.

Letzten Monat war Disability Pride Monat. Worauf genau sind Sie stolz?
Für viele ist »behindert« ein schlimmes Wort und sie versuchen, Euphemismen zu finden, aber ich mache mir das Wort zu eigen. Behindert zu sein, ist Teil meiner Identität, genau wie Frau zu sein oder Autorin zu sein Teil meiner Identität ist. Die Leute sind nicht daran gewöhnt, die Worte »stolz« und »behindert« in einem Zusammenhang zu sehen. Ich bin stolz darauf, dass ich mich in einer Welt zurechtfinde, die nicht für Leute wie mich gebaut ist. Ich bin stolz auf meine Artikel in Glamour oder CNN. Manchmal, wenn ich den Bus zum Einkaufen nehme, sind die Leute ganz schockiert, dass ich einfach mit dem Bus zum Einkaufen fahre. Die Leute müssen sich wirklich mit ihrem Ableismus auseinandersetzen. Ich bin 39 Jahre alt und fand selbst erst in diesem Jahr heraus, dass es den Disability Pride Monat überhaupt gibt. Das sagt viel darüber, wie die Gesellschaft Behinderte sieht: Wir bekommen nicht viel Aufmerksamkeit. Aber das ändert sich gerade.

Sie geben sich in Ihren Artikeln sehr positiv, reden aber auch offen darüber, dass Sie jahrelang depressiv waren.
Ja, das hatte viel mit dem Suizid meines Vaters 2003 zu tun. Das war eine wirklich dunkle Zeit. Meine Eltern waren meine größten Cheerleader. Sie haben mir beigebracht, für mich einzustehen und so unabhängig wie möglich zu leben. Meine Mutter hilft mir beim Duschen, Anziehen und Kochen, ansonsten lebe ich selbständig.

Gleichzeitig sagen Sie, Sie wollen nicht als Futter für Inspiration Porn dienen. Wo ist für Sie die Grenze?
Ich will auch auf Instagram so realistisch wie möglich erscheinen. Je mehr Menschen ihre echten Seiten zeigen, mit Pickeln und Falten, desto mehr zeigt das anderen Menschen, die mit ihrem Aussehen kämpfen: Das ist okay.

Ihr Traum ist, die erste behinderte Fernseh-Bachelorette zu werden. Wieso?
Weil es bisher keine gab. Ich hatte noch nie eine Beziehung, aber ich will das Gleiche in einer Beziehung, was jede nicht-behinderte Frau will. Ich habe einen Universitätsabschluss, arbeite als Autorin und mein Alltag unterscheidet sich in vielem nicht von dem anderer Frauen, aber meine Beziehungswünsche scheinen sich in einem anderen Universum abzuspielen. Jeder glaubt, man sucht jemanden, der sich um einen kümmert. Ich bin behindert, begehrenswert und suche keinen Krankenpfleger.

Einen anderen Traum haben Sie gerade verwirklicht und sind diese Woche als Model bei der New York Fashion Show aufgetreten.
Als Teenager sagte mir jemand, ich könnte nie ein Model werden, weil ich behindert bin. 20 Jahre später postet @runwayofdreams mein Bild mit den Worten »Meet the Model«. Das habe ich mir gewünscht, weil ich als Kind nie jemanden wie mich im Fernsehen oder in Modezeitschriften sah. Der Punkt ist: Hör nicht auf die Meckerer. Roll einfach den Runway runter.

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