Sagen Sie jetzt nichts, Frank Castorf

Theater-Rabauke Frank Castorf im Interview ohne Worte über seine Teenagerjahre, Liebe im Ensemble und den Abschied von Klaus Wowereit.

    Geboren 17. Juli 1951 in Berlin
    Beruf Theaterregisseur und -intendant
    Ausbildung Lehre bei der Deutschen Reichsbahn, Studium der Theaterwissenschaften
    Status Götterdämmerung

    Frank Castorf kommt vierzig Minuten zu spät zum Fototermin. Nicht, weil er noch an einer Inszenierung gefeilt hätte. Nein, er saß in der Kantine und hat sich noch ein Gläschen Weißwein gegönnt, sagt seine Assistentin. Castorf wirkt jedenfalls sehr heiter. Inzwischen steht fest, dass er – nach einem Vierteljahrhundert – die Berliner Volksbühne verlassen wird. 2017 wird ihn der jetzige Museumsdirektor der Londoner Tate, Chris Dercon, als Intendant beerben. Das ist kurios und aufregend, aber auch schade, weil Castorf alles war, nur nie langweilig. 15 Minuten lang buhten die Wagnerianer ihn 2013 in Bayreuth auf offener Bühne aus, er habe ihr Heiligtum geschändet – und Castorf schien es zu genießen. Wenn sie ihn schon nicht lieben, sollen sie ihn wenigstens hassen. Es gibt nichts Schlimmeres für ihn, als egal zu sein. Am liebsten beginnt Castorf seine Sätze mit dem Wort »Ich«. Und was hat er sich nicht alles schon genannt: Teutonischer Zuchtmeister! Postsozialistischer Beutelschneider! Oder einfach: Arschloch! Man weiß nie, was überwiegt bei diesen Selbstbezichtigungen: Narzissmus oder Selbstironie. Vielleicht sollte man sich Castorf tatsächlich als ein Arschloch vorstellen; allerdings als ein ziemlich liebenswürdiges.

    Fotos: Stephan Minx

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