»Viele Kinder müssen soziale Fähigkeiten neu erlernen«

Die Pandemie beeinflusst nicht nur die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen, sondern auch ihre emotionale und soziale Entwicklung. Die Psychologin Taniesha Burke erklärt, was Eltern und Pädagog*innen jetzt  tun können, um junge Menschen bestmöglich zu unterstützen.

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SZ-Magazin: Seit einem Jahr leben Familien im Ausnahmezustand. Wie können Eltern ihre Kinder vor den Belastungen schützen, die Homeschooling und Einsamkeit bewirken?
Taniesha Burke: Eltern sollten sich auf die Qualität der Beziehungen mit ihren Kindern konzentrieren. Das ist das Wichtigste, um die negativen emotionalen Auswirkungen der Pandemie gering zu halten. Das ist gar nicht einfach, denn es bedeutet, die Atmosphäre zuhause so harmonisch wie möglich zu gestalten. Dafür müssen Eltern mehr denn je ganz bewusst Interaktionen schaffen, die eine Bindung zu ihren Kindern herstellen. Es ist diese gefestigte Bindung, die Kinder gut durch die Krise bringt.

Reichen einfühlsame Eltern, damit Kinder sich weiter gut entwickeln können?
Untersuchungen zur Resilienz von Kindern haben gezeigt, dass sie sich trotz Traumata wie Kriegserfahrungen oder anderen belastenden Erfahrungen sowohl emotional als auch sozial und akademisch gut entwickeln können, wenn sie nur eine einzige erwachsene Bezugsperson in ihrem Leben hatten, die ihnen Mut und Sicherheit gegeben hat. Diese Rolle müssen Eltern jetzt übernehmen. Eltern können durch gemeinsame Mahlzeiten, Familienrituale und Spiele, die ihre Kinder genießen, diese Sicherheit herstellen. Wenn wir uns jetzt auf die Beziehung zu unseren Kindern konzentrieren, werden sie in ein paar Jahren oder Jahrzehnten an die Pandemie zurückdenken und sich ganz besonders und gern an die Zeit erinnern, die sie mit ihren Eltern verbracht haben.

Heißt das, dass Eltern jetzt mehr Zeit dafür einplanen sollten, in der sie sich ihren Kindern widmen?
Interaktionen, die Nähe zu Kindern schaffen, müssen nicht zeitaufwendig sein, und es sind auch nicht die Aktivitäten, für die man Geld ausgeben muss. Als Eltern jüngerer Kinder sollte man einfach immer mal wieder mitmachen, wenn sie spielen, oder etwas Kleines mit ihnen basteln. Gemeinsame Mahlzeiten sind eine gute Möglichkeit, als Familie füreinander dazu sein. Damit das gelingt, sollten aber die elektronischen Geräte nicht mit am Tisch sein. Es sind die simplen Dinge, die Bindung fördern, etwa dass Eltern Geschichten aus ihrer eigenen Kindheit teilen, Brettspiele oder ein gemeinsamer Filmabend. Auch gleichbleibende Einschlafrituale schaffen Nähe, da kleine Kinder Gute-Nacht-Geschichten lieben oder sich gern noch ein bisschen mit ihren Eltern unterhalten, bevor sie einschlafen. Wöchentliche Familien-Meetings sind ebenfalls gut geeignet, um die Bindung zu festigen. Man kann Kinder auch in die Dinge einbeziehen, die zuhause gemacht werden müssen. Kindern zu zeigen, wie man etwas repariert, ist ein toller Weg, die Eltern-Kind-Beziehung zu stärken.

Funktioniert das auch bei Jugendlichen?
Teenager sind gern in ihren Zimmern. Eltern können sie ein oder zwei Mal am Tag dort kurz besuchen, ihnen einen Snack anbieten und sie fragen, wie es ihnen geht oder was bei ihnen ansteht. Die Jugendlichen werden vermutlich keine große Begeisterung zeigen, aber sie schätzen es insgeheim doch, wenn ihre Eltern ihnen zeigen, dass sie sich für sie interessieren und möchten, dass es ihnen gut geht. Eltern, deren Kinder Gaming mögen, können diese fragen, ob sie ihnen beibringen möchten, wie man bestimmte Spiele spielt. Und eine Umarmung anzubieten, wirkt Wunder bei Kindern, die so tun, als sei eine Umarmung eigentlich keine große Sache für sie.

Wie kommt man mit Kindern und Jugendlichen ins Gespräch, die wenig von sich aus erzählen?
In Gesprächen sollten sich Eltern eher zurücknehmen, weniger Fragen stellen und stattdessen ihren Kindern erlauben, die Gesprächsführung zu übernehmen. Was auch gut funktioniert, damit Kinder aus ihrem Leben erzählen, ist spazierenzugehen oder gemeinsam im Auto zu sitzen. Manchen Kindern gelingt es besser, sich zu öffnen, wenn sie ihren Eltern nicht direkt in die Augen schauen.

Viel beisammen zu sein und nicht das tun zu können, was man gern möchte, erzeugt in Familien Spannungen oder auch Konflikte. Wie können Familien damit umgehen?
Um mit dieser Ausnahmesituation fertig zu werden, ist es ganz wichtig, einen festen Tagesablauf zu entwickeln und sich daran zu halten. Kinder blühen auf, wenn ihr Alltag vorhersehbar ist, und für die Erwachsenen reduziert es Stress. Ich empfehle Familien ein wöchentliches Treffen, in dem sie gemeinsam im Voraus planen und Prioritäten setzen. Die Erwachsenen sollten sich darüber hinaus einmal am Tag austauschen und darüber sprechen, was funktioniert hat und wo sie Dinge anpassen müssen. Für alleinerziehende Eltern ist es wichtig, sich mit anderen Eltern zusammenzutun und ebenfalls täglich mit ihnen darüber zu sprechen, welche Ideen sie mit ihren Familien ausprobieren können. Wir sind nicht dafür gemacht, als Eltern auf uns allein gestellt zu sein, und Kinder sind nicht dafür gemacht, in Isolation aufzuwachsen. Eltern sollten sich unbedingt ein digitales Dorf zusammenstellen, das sie zumindest online unterstützt.

Wie können Eltern mit eigenen Überforderungen umgehen?
Ich weiß, dass gerade für Eltern kaum eigene Zeit übrigbleibt. Aber sie müssen jeden Tag ein paar Minuten für sich finden, um etwas zu machen, was ihnen guttut. Wenn wir nicht gesund sind, werden weder unsere Kinder noch die Familie insgesamt gesund sein können.

Können Eltern ihre eigenen Gefühle mit den Kindern teilen?
Das ist ein heikles Thema. Es ist wichtig, dass Eltern über ihre Gefühle sprechen, damit ihre Kinder das von ihnen lernen können. Sie müssen jedoch darauf achten, dass sich die Rollen nicht verkehren und Kinder sich nicht als Vertrauensperson ihrer Eltern fühlen oder in Konflikten vermitteln wollen. In der Fachsprache nennt man das Parentifizierung, dann wird das Kind zum Elternteil und das Elternteil zum Kind. Es ist okay, wenn Eltern erzählen, dass sie einen anstrengenden Tag hatten, und von ihren Gefühlen dazu berichten. Sie sollten jedoch darauf achten, dass sie nicht zu sehr ins Detail gehen. Denn das könnte beim Kind bewirken, die Rolle einer Vertrauensperson einnehmen zu wollen. Ich empfehle Eltern, vor allem darüber zu sprechen, wie sie selbst unangenehme Gefühle bewältigen, wie sie mit Niederlagen umgehen, und ihren Kindern vorzuleben, wie sie das tun. Sie können ihr Kind hier insofern einbeziehen, indem sie es fragen, was es selbst tun würde, um sich wieder ausgeglichen zu fühlen. Solange die Kinder in ihrer Rolle als Kind bleiben dürfen, fühlen sie sich sicher, weil sie lernen, dass starke Gefühle normal sind und man sie ausdrücken darf, ohne deswegen etwas zu befürchten. Sie können so außerdem von ihren Eltern lernen, diese Gefühle zu regulieren.

Wie stark beeinflusst Einsamkeit die Entwicklung eines Kindes?
Menschen sind von Natur aus soziale Wesen. Unser Überleben und unsere emotionale Gesundheit hängen von der Qualität unserer sozialen Kontakte ab. Einsamkeit und soziale Isolation können für die gesunde Entwicklung von Kindern hinderlich sein. Jugendliche lernen über reale Erfahrungen, die sie mit anderen machen, und entwickeln so ihr Selbstverständnis. Da ihre echten Erfahrungen jetzt begrenzt sind, könnten sich die Einschränkungen nachteilig auf ihre Entwicklung auswirken. Darüber hinaus sind Schulroutinen ein Bewältigungsmechanismus für einige Kinder, die Probleme haben, beispielsweise für Kinder mit ADHS. Fällt diese Struktur weg, bekommen die Kinder Probleme. Wir brauchen jetzt unbedingt mehr Forschung. Sozialwissenschaftler*innen und Kinderärzte*innen sollten nun Langzeitstudien beginnen, die untersuchen, wie Kinder und Eltern die Pandemie durchstehen und was davon übrigbleibt. Die Auswirkungen der Einschränkungen, denen Familien durch die Pandemie ausgesetzt sind, könnten später sonst als persönliche Probleme angesehen werden, wenn die Forschung das nicht begleitet.

Wie äußert es sich bei Kindern und Jugendlichen, dass es ihnen emotional nicht gut geht?
Eltern sollten auf Verhaltensänderungen, neue Schlaf- und Essgewohnheiten, ungewohnte Stimmungen oder soziale Verhaltensweisen achten, die sie so bislang nicht kannten.

Kann man Kinder dabei unterstützen, Probleme von sich aus anzusprechen?
Wenn ein Kind nicht reden will, sollten Eltern sich zunächst fragen, ob sie eine Atmosphäre geschaffen haben, in der das Kind sich verletzlich zeigen kann. Nörgeln die Eltern viel, dominieren sie Gespräche, belehren, beschimpfen oder verurteilen sie ihre Kinder? Erlauben sie ihren Kindern sonst, ihre Perspektiven und Gefühle zu teilen? Wenn Eltern das bislang nicht getan haben, müssen sie zuerst ihr eigenes Verhalten ändern und darüber einen sicheren Raum für die Kinder schaffen. Eltern können ihren Kindern auch ab und an sagen, dass sie jederzeit ansprechbar sind, wenn die Kinder ihnen etwas erzählen möchten. Einige Kinder wissen noch nicht, wie sie große Gefühle verbal ausdrücken können, aber sie können es zum Beispiel, indem sie etwas malen.

Ab wann sollte man sich Hilfe dazu holen?
Wenn man sich Sorgen macht und die Veränderungen schlimmer werden, sollte man sich an die Beratungslehrer*innen oder Sozialarbeiter*innen der Schule wenden oder sich Unterstützung bei Therapeut*innen holen.

Welche politischen Maßnahmen könnten Familien jetzt unterstützen?
Der Alltag für Familien hat sich auf den Kopf gestellt. Ganz besonders die Eltern von sehr kleinen Kindern oder Kindern mit Behinderungen sollten ihre Arbeitszeit unkompliziert verkürzen können, denn die Kinder brauchen sie den ganzen Tag. Außerdem halte ich es für notwendig, dass in die soziale Arbeit und in psychologische Unterstützungsangebote für Familien investiert wird. Diese Fachkräfte müssen jetzt wirklich alles in Bewegung setzen, um Eltern über persönliche Besuche, Telefon- und Online-Beratung weiter zu unterstützen.

Einige Eltern sind vielleicht zögerlich dabei, sich Unterstützung bei der Erziehung zu suchen.
Eltern dürfen dazulernen. Jetzt könnten Kurse für Eltern finanziert werden, in denen sie lernen, wie man Stress bewältigt, Konflikte löst, gut miteinander kommuniziert. Den Eltern, die sich in meinen Gruppen austauschen und ihre Fragen und Probleme teilen können, hilft das ungemein dabei, die Spannungen abzubauen, die es gerade zuhause gibt. Die Familienpolitik hat an diese Ideen vielleicht noch nicht gedacht. Aber eine ganze Generation von Kindern und Eltern leidet gerade an Isolation, und das kann schwerwiegende Folgen haben. Man sollte jetzt etwas tun und auch darüber sprechen, denn sonst wird unsere Gesellschaft in ein paar Jahren mit den Auswirkungen dieser Zeit zu kämpfen haben.

Viele Eltern sind besorgt, dass Kinder in der Schule zurückgefallen sind. Einige Politiker*innen haben kürzere Sommerferien oder Sommerschulen vorgeschlagen, damit die Kinder nachholen können, was sie verpasst haben. Was brauchen Kinder in den kommenden Monaten?
Ich verstehe, dass Eltern sich Sorgen um die schulischen Leistungen ihrer Kinder machen. Aber die Pandemie hat vor allem das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Sie haben große Enttäuschungen erlebt oder sogar Familienangehörige verloren. Sie haben monatelang keinen körperlichen Kontakt mit ihren Freund*innen gehabt, konnten ihren gewohnten Sport nicht machen oder andere außerschulische Aktivitäten, die sie herausfordern. Die jüngeren Kinder haben sehr viel weniger mit anderen gespielt. Ich empfehle Politiker*innen und Eltern nachdrücklich, das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt zu stellen. Sie sollten viel im Freien sein können und Spiele machen, die ihre Fantasie anregen. Viele Kinder müssen soziale Fähigkeiten neu lernen, wie harmonisch in Gruppen zu spielen, selbstbewusst mit anderen zu interagieren und Konflikte zu lösen. Dazu brauchen Kinder mehr als normalen Unterricht. Ein längerer Familienurlaub oder viel Zeit mit Freund*innen zu verbringen kann auch dabei helfen, sich von der mentalen und emotionalen Belastung der Pandemie zu erholen.

Sind Lernrückstände überbewertet?
Wenn Kinder Sorgen oder Angst haben oder gestresst sind, können sie nicht gut lernen. Einfach mit dem normalen Unterrichtsstoff weiterzumachen, ohne zu berücksichtigen, was in der Zwischenzeit passiert ist, kann die Probleme der Kinder verstärken. Für Kinder ist wichtig, ihr gewohntes Leben fortsetzen zu können, das die letzten Monate angehalten war. Wir sollten dabei den Fokus auf ihr psychisches Wohlbefinden legen, denn nur so kommen sie schnell wieder auf die Beine. Wenn wir den Schwerpunkt auf die schulischen Leistungen setzen, ohne auf ihr psychisches Wohlbefinden zu achten, werden die Kinder und Jugendlichen zwar ihre Prüfungen bestehen, aber möglicherweise mit Angstzuständen, depressiven Symptomen, Anpassungsstörungen, Verhaltensstörungen oder Überlastung zu kämpfen haben.

Wie können Lehrer*innen Kinder und Jugendliche unterstützen, wenn sie in die Schule und in den Kindergarten zurückkehren?
Lehrer*innen und Erzieher*innen müssen berücksichtigen, dass Kinder möglicherweise große Trennungsangst haben und sich allein nicht sicher fühlen. Selbst bei Kindern, die vorher in den Kindergärten schon gut ohne ihre Eltern zurechtkamen, kann das passieren. Dies ist die längste Zeit, die viele seit ihrer Kindheit bei ihren Eltern zu Hause waren. Der Übergang zurück zur Schule oder zur Kita kann daher für sie herausfordernd sein. Ich empfehle den Lehrer*innen, sich Aktivitäten für die Kinder auszudenken, die ihnen helfen, selbst Probleme zu lösen und wieder positiv darüber denken zu können, zurück in Schule und Kita zu sein.