Auf immer und ewig

Für die Rolle der Odette wollte Regisseur Henri-Georges Clouzot stets nur eine: Romy Schneider. 28 Jahre nach ihrem Tod sind nun Bilder und Szenen aus L'Enfer aufgetaucht, die beweisen: Romy ist noch immer die aufregendste Frau unserer Zeit.

In all den Jahren, die seit ihrem Tod im Mai 1982 vergangen sind, wurde Romy Schneider immer wieder öffentlich ausgeschlachtet. Da Tote keine Gegendarstellungen mehr schicken, mischten sich dabei stets Fund- mit Erfundsachen. Doch nun taucht eine wahrhaftige Verlorengegangenheit auf – Fotos von Filmszenen der damals 25-jährigen Schauspielerin, entstanden während der Dreharbeiten zu einem unvollendeten Werk Henri-Georges Clouzots. Der Regisseur, der als Frankreichs Antwort auf Hitchcock gefeiert wurde – weltberühmt seit Lohn der Angst und Die Teuflischen – hatte 1963 mit Probeaufnahmen zu L’Enfer (Inferno) begonnen. Mit detailliertem Storyboard hatte er sich mit dem Skript und für jede Einstellung unendlich viel Zeit lassen dürfen, denn die US-Firma Columbia gewährte ihm fürs Budget, was auch immer er wollte. Als er einmal den Blick aus dem Fenster eines Passagierflugzeugs drehen wollte, ließ die Produktionsfirma einfach eine Caravelle der Air France heranschaffen.

Als Hauptdarsteller war mal Yves Montand, mal Burt Lancaster vorgesehen, schließlich wurde es Serge Reggiani. Doch für die Rolle der Odette wollte er stets nur eine – Romy Schneider. Nur ihr traute er die Rolle der männerverschlingenden Schlampe zu. So zumindest sah sie im Film ihr obsessiver Gatte Marcel. Diese Rolle einer schamlosen Unschuldigen schrieb ihr Clouzot auf den Leib, denn sie hatte für ihn viel mit der wahren Romy zu tun, so sah er sie, so hatte er sie an der Seite von Alain Delon erlebt.

Das zeitlose Mann-Frau-Thema Eifersucht wollte der Regisseur zwischen Sinn und Wahnsinn inszenieren, als er am 2. Juli 1964 in der Auvergne zu drehen begann. Aus dem Traum, dem die Grenzen der Imagination auflösenden Traum jedoch wurde ein realer Albtraum: Im Zwischenreich zwischen surrealen Kopfgeburten und der Wirklichkeit verlor sich Clouzot.

45 Jahre danach wurden die abgedrehten Filmszenen ausgegraben von den französischen Dokumentarfilmern Ruxandra Medrea und Serge Bromberg, denen es gelang – ergänzt durch Interviews von Augenzeugen –, dem erloschenen Traum 94 Minuten neues Leben einzuhauchen.

Vor drei Wochen erst bekam das Werk in Paris einen César für den besten Dokumentarfilm. Das Buch dazu trägt in Deutschland schlicht den Titel Romy. Es ist eine Hommage an Romy Schneider, Frankreichs Filmstar Nummer eins, ein Buch der Bilder vom Film, Ersatz für das niemals vollendete Werk, die spärlichen Texte füllen die Leere zwischen den Seiten.

Damals, im Sommer 1964, hatte die junge Romy Schneider die jugendfreie Sissi-Haut bereits abgestreift. Seit ihrer Flucht zu Delon nach Frankreich, seit ihren Rollen in Viscontis Boccaccio 70 und Orson Welles’ Der Prozess war sie in ihrer zweiten Heimat begehrt als Schauspielerin, nicht wie in der eigentlichen als Kaiserin angebetet. Ihre privaten Affären interessierten die Franzosen so wenig wie die ihrer Nachbarn oder ihre eigenen. Diesseits des Rheins, wo noch eine Generation in Justiz, Politik und Universitäten mächtig war, die an sich keine Schuld an der kriminellen deutschen Vergangenheit entdecken wollte, war Romy Schneider eine Dirne aus Dingsda.

Viele Männer, die den Gestank, der dabei zwischen ihren Beinen aufstieg, für Ambrosia hielten, schrieben sich was ab über die verlorene Tochter der Nation. Sich zu schämen hatten sie nie gelernt. Romy Schneider verlor die verordnete Scham der frühen Jahre spielend mit jedem neuen Film. Das war sichtbar nicht etwa nur in absichtlich inszenierter provokanter Nacktheit, sondern stets auch in ihrem Gesicht. »Meine Haxen sind krumm, aber mit meiner Fresse reiße ich alles wieder raus.«

Die Produktion eines Films wird für sie in dieser Zeit mehr und mehr zu
einer Liebesaffäre. Wenn ein Regisseur sie ernst nimmt, respektiert und nicht betrügt, spielt sie alles für ihn in einem hypnotischen Zustand. Im Schutz von guten Rollen fühlt sie sich geborgen, selbst wenn sie nackt ist. Aber ebenso symptomatisch für sie waren ihre fortwährenden Versuche, sich in die spießige Welt ihrer Kindheit zu flüchten, in den kitschigen Himmel, den ihre Mutter Magda regierte.

Romy Schneider ließ sich – wie so oft zerrissen zwischen anerzogener Scham und geliebter Schamlosigkeit – von ihr überreden, der Eröffnung des Restaurants im neuen Europa-Center, geführt von ihrem verachteten Stiefvater Hans Herbert Blatzheim, als Star der Provinzsause in Westberlin internationalen Glanz zu verleihen. Lernt dabei Harry Meyen kennen, nach tieferem Sinn grübelndes Gegenteil des wahnsinnigen Marcel alias Serge Reggiani, und verliebt sich im Frühjahr 1965 über Nacht in den intellektuellen König des Boulevardtheaters. Streift ihm zuliebe die Haut der Femme fatale ab und schlüpft in die einer braven Ehefrau und Mutter.

Doch schon nach zwei Jahren bricht sie wieder aus in die geliebte Scheinwelt, zu den Dreharbeiten von Der Swimmingpool mit ihrer Lebensliebe Alain Delon. Der übrigens bleibt ihr treu bis zu ihrem Tod. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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Unser Autor hat zwar selbst die maßgebliche Romy-Schneider-Biografie verfasst, trotzdem findet er, dass niemand Romy besser beschrieben hat als der Regisseur Jacques Rouffio: "Sie war die Flamme und sie war das Eis, sie war die Weisheit und sie war die Torheit, sie war die Freude und sie war die Angst. Der Bildband Romy mit 200 bisher unveröffentlichten Romy-Schneider-Bildern erscheint am 12. April im Verlag Schirmer/Mosel.

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