"Schicke Sachen, aber leere Gesichter"

Früher kritisierte die Bürgerechtlerin Bärbel Bohley das System der DDR. Heute ist sie überzeugt, dass es auch in der Demokratie notwendig ist, Widerstand zu leisten.

SZ-Magazin: Frau Bohley, am 9. November wird in Deutschland der 20. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Freuen Sie sich darauf?
Bärbel Bohley: Ich freue mich, dass es die Mauer nicht mehr gibt. Aber ich habe etwas gegen Jubiläumsfeiern. Ritualisiertes Gedenken finde ich schrecklich – weil dadurch das, woran man sich wirklich erinnern müsste, begraben wird.

Was wäre das denn?
Die Erfahrung, dass es sich lohnt, Widerstand zu leisten. Ich habe damals gelernt, dass man auch als Einzelne etwas bewegen kann. Welche persönliche Bilanz der deutschen Einheit ziehen Sie?
Wenn ich daran denke, wie es früher in Bitterfeld oder Halle aussah, muss ich sagen: Die blühenden Landschaften sind das einzige Versprechen, das wirklich eingelöst wurde. Aber leider konnten wir DDR-Bürger die Erfahrung, die wir im Herbst 89 gemacht haben, nicht ins geeinte Deutschland einbringen: nämlich, dass man ein bisschen größer, ein bisschen mächtiger ist, als man selbst von sich glaubt. Wäre uns das gelungen, wäre Deutschland heute ein mutigeres Land.

Wogegen sollten die Deutschen heute protestieren?
Unpopuläre Entscheidungen gibt es ja nun wirklich genug. Nehmen Sie nur Hartz IV. Den Lebensstandard, der Hartz-IV-Empfängern zugemutet wird, halte ich für erniedrigend.

Gerade dagegen gibt es erheblichen Widerstand: Hartz IV hat viel zum Aufschwung der Linkspartei beigetragen, die gerade mit einem Rekordergebnis in den Bundestag eingezogen ist.
Wenn der Widerstand sich darauf beschränkt, alle vier Jahre irgendwo sein Kreuzchen zu machen, wird sich nicht viel ändern. Doch leider haben die Bürger in unserer Demokratie viel zu wenige Möglichkeiten, sich an politischen Entscheidungen zu beteiligen. Das Volk darf bei uns ja nicht mal den Bundespräsidenten wählen. Deshalb bröckelt auch die Zustimmung zur Parteiendemokratie. An der Bundestagswahl haben sich nur 72 Prozent der Wähler beteiligt, so wenige wie noch nie.

Im Osten ist die Zustimmung zu unserem politischen System besonders gering. 42 Prozent der Ostdeutschen sind nach einer aktuellen Umfrage "unzufrieden" oder "sehr unzufrieden" mit der Demokratie.
Das überrascht mich nicht. In Bosnien, wo ich zwölf Jahre lebte, habe ich Ähnliches bemerkt. Die Menschen dort hatten große Hoffnungen für ihre demokratische Zukunft. Aber dann wurde ein System installiert, das wesentlich weniger Möglichkeiten der Teilhabe bot, als sie erwartet hatten. Wir tun so, als wäre unsere Demokratie perfekt, und übersehen dabei, dass viele Menschen gute Gründe haben, sich von dieser Demokratie nicht vertreten zu fühlen.

20 Jahre nach dem Mauerfall scheinen die Menschen abgestumpft zu sein.
Das glaube ich nicht. Ist es wirklich unpolitisch, nicht zur Wahl zu gehen? Diese Frage wird viel zu selten diskutiert. Ich halte es für ein hochpolitsches Verhalten, sein Wahlrecht nicht auszuüben. Viele Wähler haben einfach keine Lust mehr, an diesem Kasperltheater teilzunehmen. Das ist eine Form des passiven Widerstands.

Reden Sie sich da nicht etwas schön? Um den Glauben an die Vergangenheit nicht zu verlieren? Die Erfahrungen in der DDR und im Herbst 89 haben mich geprägt, das ist richtig. Zu meinem Leben gehört es einfach dazu, mich zu engagieren. Wenn ich das nicht tun kann, fehlt mir etwas. Dabei ist zugegeben auch ein bisschen Egoismus im Spiel, denn es gibt meinem Leben einen Sinn.

Warum ist das so? Sie haben geholfen, die DDR-Diktatur zu stürzen. Das reicht doch für ein Leben.
Die Wurzeln dieses Verhaltens liegen in meiner Kindheit, denke ich. Ich bin 1945 geboren geworden. Die Menschen aus meiner Generation haben früh gelernt, dass man dem anderen etwas abgibt. In den Nachkriegsjahren war es selbstverständlich, dass man sich half, so gut man konnte. Mit dem Egoismus, der heute herrscht, hätte man damals nicht überleben können.

Sie sind zwei Wochen nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf die Welt gekommen und mitten im zerstörten Berlin aufgewachsen.
Ja, die Ruinen des Reichstags und von Hitlers Reichskanzlei waren unsere Spielplätze. Vor ein paar Jahren hat mir Vera Lengsfeld im Reichstag die Inschriften der Russen gezeigt, die dort unter Glas ausgestellt sind. Ich musste lachen, weil mir wieder eingefallen ist, wie ich selbst als Kind im Reichstag an den Wänden rumgekratzt habe.

In Berlin standen sich die beiden Machtblöcke gegenüber, bis an die Zähne bewaffnet. Was haben Sie als Kind davon mitbekommen?
Ich kann mich an den 17. Juni 1953 erinnern und an die Panzer auf dem Potsdamer Platz; damals war ich acht. Die Angst vor einem neuen Krieg war groß. Für mich war das unvorstellbar: Was soll denn hier noch kaputtgehen, habe ich gedacht, hier ist doch schon alles kaputt! Aber für meine Eltern war die Gefahr sehr realistisch. Ich habe die Angst in ihren Augen gesehen.

Wie haben Sie diese Gefühle verarbeitet?
Wenn man klein ist, denkt man sich manchmal sehr intensiv in irgendwelche Dinge hinein, und ich habe als Kind viel über den Krieg nachgedacht. Dabei kam immer heraus, dass man sich gegen Hitler hätte wehren müssen. Ich habe einfach nicht verstanden, warum alle mitgemacht haben! Die Begeisterung der Leute für den Sozialismus habe ich genauso wenig verstanden.

Waren Ihre Eltern Kommunisten?
Nein, überhaupt nicht. Mein Vater war nie in einer Partei. Die Frage, ob wir in den Westen gehen sollen, war in den Fünfzigern ein Dauerthema in unserer Familie. Ich bin von meinen Eltern allerdings nicht so erzogen worden, dass im Sozialismus alles schlecht ist. Ich wurde ermuntert, mir eine eigene Meinung zu bilden.

Zu welchem Urteil über die DDR sind Sie gekommen?
Dass die Parolen hohl sind, habe ich schnell gemerkt. Das war nun wirklich leicht zu erkennen. Spätestens mit dem Mauerbau hatte sich das mit dem Sozialismus erledigt, denn man sah ja sehr rasch, dass die Mauer nach innen gerichtet war.

Wie lebt man in einer Gesellschaft, die man für falsch und verlogen hält?
Viele sind weggegangen. Oder haben geschwiegen. Andere haben gelernt, sich zu wehren. In diesem Sinne war die DDR, ob sie es wollte oder nicht, ein guter Lehrmeister: Sie hat mich zum Denken gebracht.

Die DDR wollte Gehorsam und zog Widerständler heran, unser Staat will den mündigen Bürger und erntet ein Schulterzucken.
Im gewissen Sinne ist es einfacher, in einer Diktatur auf die Straße zu gehen als in einer demokratischen Gesellschaft, die unzählige Möglichkeiten für Ablenkung und für Freizeitspaß bietet. Aber der Staat greift weiterhin ständig ins Leben des Einzelnen ein. Geistige Unterdrückung gibt es auch heute.

Wie meinen Sie das?
Unser Bildungswesen fördert das Stillhalten: Die Kinder in der Hauptschule sollen akzeptieren, dass sie in einer anderen Etage groß werden als die Kinder auf dem Gymnasium. Die Chancengleichheit lässt nach; auch das ist Unterdrückung.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie der Traum von einer reformierten DDR starb.

1982 haben Sie mit einigen Mitstreiterinnen »Frauen für den Frieden« gegründet, die erste nichtkirchliche Oppositionsgruppe in der DDR. Damit sind Sie ein hohes persönliches Risiko eingegangen.
Ja, aber ich kannte den schönen Satz von Wolf Biermann: Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um. Mir war klar, dass ich bereit sein muss, für meine Handlungen die Konsequenzen zu tragen, wie immer diese auch aussehen werden.

Im Dezember 1983 wurden Sie verhaftet und ins berüchtigte Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen gesperrt.
Es klingt vielleicht seltsam, aber vieles dort kam mir wie absurdes Theater vor. Es gab Situationen, die hätten von Beckett stammen können. Ich wurde den Gang zwischen den Zellen entlanggeführt und bemerkte, dass die Stasi denselben Fußbodenbelag hat wie meine Freundin Irene in ihrer Küche. Andererseits war es beängstigend zu sehen, was für kleinkarierte Geister in der DDR die Macht ausüben. Im Gefängnis habe ich erkannt, dass die DDR keine Zukunft hat, weil dieser Staat nicht mal den Stasi-Schergen Halt gab.

Nach internationalen Protesten kamen Sie einige Wochen später wieder frei und waren mit einem Schlag prominent. Ihre Verhaftung war ein schwerer Fehler der DDR-Regierung.

Die haben einen Fehler nach dem anderen gemacht. Die wussten doch gar nicht, was die Leute denken, fühlen und wollen.

Die Opposition in der DDR war klein. Hatten Sie nie die Befürchtung, einen aussichtslosen Kampf zu kämpfen?

Albert Camus’ Buch Der Mythos des Sisyphos war damals sehr wichtig für mich. Ich habe mich als jemand gefühlt, der keine andere Wahl hat, als immer wieder diesen Stein den Berg hochzurollen. Viele Gespräche in den Oppositionsgruppen schienen tatsächlich sinnlos, und ich bin oft mit dem Gefühl nach Hause gegangen, nichts auszurichten. Aber tief in meinem Inneren habe ich nie den Glauben verloren, doch etwas bewegen zu können. Und so kam es dann ja auch.

Im Herbst 1989 wurde innerhalb weniger Wochen aus einer winzigen Opposition eine Massenbewegung. Welche Ziele hatten die Menschen damals?

Alle wussten, was in der DDR im Argen lag. Und es wurde intensiv darüber diskutiert, wohin sich dieser Staat entwickeln sollte. Aber ein gemeinsames Ziel gab es im Herbst 89 noch nicht. Ich hätte mir genug Zeit gewünscht, um diesen Prozess zu Ende zu führen; es wäre gut gewesen, wenn die DDR-Bürger sich darüber hätten klar werden können, was sie wirklich wollen. Aber dafür ging alles viel zu rasant.

Meinen Sie wirklich, dass es einen Weg gegeben hätte, die DDR zu reformieren? Die Mehrheit der DDR-Bürger hatte daran sehr schnell kein Interesse mehr.

Mir ist oft nachgesagt worden, Illusionen zu haben. Aber ich war ja dabei, als im Herbst 1989 eine breite Bürgerbewegung über die Zukunft der DDR diskutierte. 200 000 Menschen haben innerhalb kurzer Zeit den Aufruf des Neuen Forums unterzeichnet. Also war es keine Illusion. Dass diese Diskussion nach dem 9. November zum Erliegen kam, war nicht nur die Schuld der Menschen in der DDR. Ich hatte immer das Gefühl, dass der Westen froh war, nun den Osten verändern zu können – um sich nicht selbst verändern zu müssen. Wir waren so etwas wie eine Abwrackprämie.

Trotzdem waren es die DDR-Bürger, die die Kaufhäuser stürmten.
Das stimmt, aber gleichzeitig ist der Konsum systematisch angeheizt worden. Das Begrüßungsgeld hat die Ideen erstickt, die in den Wochen vor dem Mauerfall aufgekommen waren. Diese 100 Mark hatten eine immense psychologische Tiefenwirkung: So wurde der Impuls gesetzt, sich in Zukunft mehr ums Materielle zu kümmern.

Wurde damals eine Chance vertan? Seit der Finanzkrise werden Zweifel an der Wachstumsideologie des neoliberalen Kapitalismus laut, dessen globaler Siegeszug mit dem Mauerfall begann.
Wachsen als Selbstzweck ist kein Gesellschaftsmodell. Was soll daran zukunftsträchtig sein, sich in einem Hamsterrad abzustrampeln? Ich wollte eine Gesellschaft, in der man ernsthaft über solche Fragen diskutiert; stattdessen wurde die DDR ins politische System des Westens integriert, ohne dieses infrage zu stellen.

Die Bürgerrechtler sind damals gescheitert.
Mag sein. Aber die Ideen, über die wir diskutiert haben, sind aktueller denn je. Nach 20 Jahren neoliberalem Kapitalismus können wir nicht so weitermachen wie bisher. Schauen Sie sich die Banken an: Es ist skandalös, dass dort weitergewirtschaftet wird wie vor der Krise. Und die Politik tut nichts, um die Banken zu regulieren oder die Gewinne abzuschöpfen. Die Politik müsste sich den Kapitalismus dienstbar machen. Aber die schwarz-gelbe Koalition wird das Gegenteil tun.

Glauben Sie an das Glücksversprechen des westlichen Individualismus?
Nicht, wenn es nur auf Konsum gegründet ist. Die Menschen denken, ihr Leben selbst zu bestimmen, und erkennen nicht, dass sie sich genauso verhalten, wie es von ihnen erwartet wird. Sie haben alles, sind aber nicht glücklich. Die Frage lautet: Wie können wir erreichen, dass wir etwas glücklicher sind? Wie können wir unserem Leben einen Sinn verleihen?

Was wäre denn Ihr Vorschlag?
Ich habe lange außerhalb von Deutschland gelebt. Als ich im vergangenen Jahr zurückkam, fiel mir auf, dass die Beziehungen zwischen den Menschen kälter geworden sind. Die Leute haben schicke Sachen an, aber leere Gesichter. Es herrscht eine zunehmende Vereinzelung, und es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, das den Leuten bewusst zu machen. Wenn sie das erkennen, werden sie sich mehr für ihre Interessen engagieren und die Gestaltung dieses Landes nicht nur der Politik überlassen.

Sie glauben, eine Revolution wie 1989 könnte sich wiederholen?
Wer weiß? Der berühmte Tropfen fällt ins Fass, wenn ihn niemand erwartet.

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Bärbel Bohley geboren 1945, war eine der bekanntesten Bürgerrechtlerinnen der DDR. 1996 ging sie nach Bosnien und engagierte sich für die Opfer des Balkankriegs, im vergangenen Jahr kam sie wegen einer Krebserkrankung zurück nach Berlin. "Aber es geht mir ganz gut", sagt sie.

Foto: Philipp Guelland/ddp

Vor zehn Jahren sprach Johannes Waechter schon einmal mit Bärbel Bohley: Damals zeigte das SZ-Magazin eine Reihe von Gemälden, die Bohley im Herbst 1989 gemalt hatte.
Die Bilder und das Interview von damals finden Sie auf der nächsten Seite.

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