Big Spenderin

125 Euro in der Sekunde investiert Melinda Gates gemeinsam mit ihrem Mann Bill im Kampf gegen Hunger, Armut und Not. Und macht dabei mit ihrer Stiftung Weltpolitik. Porträt einer Geberin, die auch sehr gut zu nehmen weiß.

Nach wenigen Wochen bei Microsoft lernte sie Bill kennen. Die beiden leben sehr zurückgezogen in einem Anwesen am Lake Washington in Seattle

Treppen, Flure, mit Leibwächter voran. Melinda ist müde, ihre Nase bleich, die Augen klein. Eine harte Woche liegt hinter ihr, Europareise, gestern hat sie sich mit Schwedens Königin besprochen, vorgestern in Brüssel mit Europas Polit-Elite verhandelt, 776 Millionen gespendet, heute also Stuttgart. Es ist Freitag, der 5. Juni, kurz vor elf, ein heißer Tag, es geht auf 30 Grad zu, und doch hat sich Melinda einen roten Schal umgebunden. »Damit wir klug werden«, steht drauf, der Sinnspruch des Kirchentages. Eine Geste, sie will doch den Deutschen gefallen, dazugehören. Eine Seitentür, hindurch, noch lächelt Melinda.

Ein Saal in gelbem Licht. Boden, Wände, Decke – alles aus Holz. Keine Fenster, die Luft stumpf und heiß. Gates atmet durch, den Schal behält sie an. Hosenanzug, stille Schminke, es dauert, bis der Herr in der ersten Reihe, der sie empfangen will, sie bemerkt. Er bleibt erst mal stehen und schaut nur. Ja, Melinda kennt das. »Reichtum«, sagt sie, »kann dich von Menschen trennen. Also muss eben ich die letzten Schritte machen, um anzukoppeln, die Lücke zu schließen.«

Würde man das Gates-Vermögen in Hundert-Dollar-Noten teilen und fein stapeln, wüchse ein Turm von 86 Kilometern in den Himmel. 85 000 000 000 Dollar. Dieses Geld soll verschenkt werden. Bill und Melinda haben die größte Stiftung der Geschichte gegründet. Im Jahr spenden sie vier Milliarden Dollar. Atmet Melinda also einmal durch, dort in der Tür, hat sie gerade 500 Euro gegeben, 125 Euro in der Sekunde. Kein Medici, Rockefeller, Rothschild reicht heran, keiner dieser Stifter errang ihre Macht. Die Gates machen Weltpolitik. In Entwicklungsfragen zählt ihr Wort mehr als das Italiens oder Spaniens. Treffen sie die Kanzlerin, hat es das Gewicht eines Staatsbesuchs. Zu Gast sind die United States of Money. Ihr Ziel: Hunger und Armut auslöschen; Aids, Polio und Malaria vernichten. Ihre Methode: Sie betreiben Wohltätigkeit wie ein Geschäft, wie Microsoft.

Vor der Liederhalle drängen die Leute. »Vo–oll«, kräht ein Mann nach hinten. »Menno«, klingt es zurück. 752 Menschen im Mozart-Saal, Hunderte in Foyer und Treppenhaus. »Natürlich ist der Saal viel zu klein«, flüstert ein Organisator in Reihe eins dem Nachbarn zu. »Frau Gates hat erst spät zugesagt. Damit hat die Veranstaltung eine ungeheure Aufwertung erfahren.« Die Podiumsgäste: Herr Schwabe, Abgeordneter, eine togolesische Frauenrechtlerin, ein Professor Messner, Frau Unmüßig, Stiftungsfunktionärin.

Melinda – jeder nennt sie so, auch die Mitarbeiter – freut sich auf den Morgen. Sie hat den Termin bewusst gesetzt: Auf dem Kirchentag, das verspricht Aufmerksamkeit. Zwei Tage vor dem G7-Gipfel, so kann sie der Weltregierung ein paar Botschaften senden. Zur gleichen Zeit wie Angela Merkel, die nebenan in der Schleyerhalle spricht. Schon vor Wochen erkundigten sich Melindas Leute nach der Rede der deutschen Kanzlerin. Digitalisierung? Schade. Melinda wählt ein anderes Thema, Armut und Hilfe, natürlich, gerade in Deutschland: Kaum ein Land gibt mehr Geld für Entwicklungshilfe. Dafür liebt sie die Deutschen. Gates will sie anspornen, gewinnen. Eine Woche hat sie sich vorbereitet, ihr Skript wippt auf dem Schoß.

Auf die Bühne, Beginn der Schmeichelei: »Es ist ein absolutes Privileg für mich, dass ich hier bei Ihnen sein darf.« Ja, sie hat eine Nonnenschule besucht, von der Kirche fürs Leben gelernt. »Jeder kann das Leben eines anderen besser machen.« Ihre Stiftung wacht über die Gesundheit von Kindern und Müttern in der Dritten Welt. Vor 15 Jahren haben sie den Kampf aufgenommen: »Wir haben die Armut halbiert. Wir haben die Sterblichkeit von Kleinkindern halbiert. Und die der Mütter fast halbiert.« Sieben Millionen Gerettete. Aber sieben Millionen sterben noch jedes Jahr. Also bittet sie um Hilfe. Im September wollen die Vereinten Nationen einen großen Plan verabschieden, die Entwicklungsziele: Sie sollen festschreiben, wie in den nächsten 15 Jahren Hunger und Elend ausgelöscht werden sollen. »Es ist das wichtigste Jahr für Generationen«, ruft Melinda. »Wir brauchen Ihre Stimme. Nun ist es an der deutschen Öffentlichkeit zu sagen: Die Sache liegt uns am Herzen.«

So spricht sie, den Blick auf ihre Deutschen. Ab und an kriegt sie ein Klatschen. Als sie andeutet, was die Stiftung für Frauen tut, als sie – zum Entsetzen ihres Leibwächters – verrät, dass sie in zwei Wochen nach Malawi reist und einige Tage unter Dorffrauen lebt. Meist aber sieht sie reglose Gesichter, kühle Augen; und als sie erklärt, wie Innovationen und Big Data Gutes bewirken können, wird aus dem Schauen ein Beäugen. Der Applaus ist kurz.

Diskussion auf dem Podium, Wohlfeiles, Namen werden verwechselt, enttäuscht schaut ihr Tross sich an. Und Melindas Blick wird zu einem Fragezeichen, als auf einmal – Einlage – eine Musikgruppe beginnt, um sie herumzutänzeln.

»Okay, Evangelischer Kirchentag«, ruft der Sänger. »Gebt mir ein: Bunter als du dachtest.« Echo: Bunter als du dachtest. (Melinda blickt sich um.) »Lauter.« Bunter als du dachtest. (Melinda schaut leer.) »Find ich auch.« Bunter als … (Ein Nachbar flüstert ihr was ins Ohr. »Yes. Come on.« Bunter …(Melinda versucht ein Klatschen.) »Evangelischer Kirchentag.«

Und so geht es dahin, anders als Melinda dachte, und als der Sänger mit Hip-Hop-Fingern auf sie zeigt, ihren Namen ruft, das Echo recht leise, hat sie ihr Klatschen schon wieder eingestellt, eine lange Stunde muss sie noch in dem stickigen Saal ausharren, und endgültig verloren sitzt sie da, als zu einer Fragerunde ein Mann in Cargohosen ans Mikro tritt: der »Anwalt des Publikums«. »Ich habe die Freude, einen bunten Strauß an Fragen an Sie, Melinda, vortragen zu dürfen«, hebt er an. »Aber keine Rosen ohne Dornen, sage ich gleich.«

Gelächter. Die Fragen geraten etwas wirr, ein halbes Dutzend auf einmal, jede ist, leicht verpackt, ein Schlag in Melindas Gesicht:

»Wären nicht die Vereinten Nationen – demokratisch legitimiert – die Berufenen in der Entwicklungshilfe?« Gemeint ist: Wieso machen Sie Politik, Sie wurden nie gewählt?

»Reicht es, als Charity unterwegs zu sein? Impfen allein ist nicht nachhaltig.« Gemeint ist: Sie machen doch nur Show.

»Sie arbeiten mit der großindustriellen Landwirtschaft zusammen. Welche Rolle spielt Gentechnik für Sie?« Gemeint ist: Warum arbeiten Sie mit Monsanto zusammen?

Podiumsnachbarin Unmüßig legt nach: Wie wäre es denn, fragt sie, wenn die Stiftung gar nicht bei solchen Firmen investieren würde, auch nicht in der Chemie oder bei Coca-Cola?

Der Saal jubelt. Zwei Lager sitzen sich gegenüber. Beide tragen rote Schals, beide wollen dasselbe; und doch haben sie nichts gemein. Minuten später eilt Melinda durch einen eigenen Ausgang davon, verfolgt vom Sänger der Musikgruppe, der mit seiner CD winkt. »For your car. For your car!«

Melinda Gates, 51, die Forbes-Liste stuft sie neben Hillary Clinton und Angela Merkel in die Top 3 der mächtigsten Frauen der Erde. Für die Leute im Saal aber ist sie einfach die Frau vom Geldturm, die Kapitalistin. Ob sie Melinda anders sähen, wenn sie ihre Geschichte kennen würden? Dass ihr Einfluss ihr nicht zugeflogen ist, sie ihn sich erkämpft und verteidigt hat, auch gegen Bill, ihren Mann? Dass Melinda sogar aus ihrer Welt kommt? Ein kleiner Satz war es, der sie aus ihr herausführte.

Es war vor den Semesterferien, ihr Studentenleben würde bald vorbei sein, als Melinda an den drei großen Buchstaben vorbeiging und im verheißungsvollsten Turm der Stadt in den Aufzug stieg: IBM. Ihre Eltern waren stolz und aufgeregt. Die Mutter Hausfrau, der Vater einfacher Ingenieur; damit Melinda aufs College konnte, gründeten sie eine kleine Vermietungsfirma; Melinda half mit, schrubbte Böden und Backöfen. Sie musste sich in der Personalabteilung nicht mehr vorstellen, die Chefin kannte dieses Mädchen bereits, das es gar nicht hätte bis in ihr Büro schaffen dürfen.

Melindas Weg hatte an einer unbedeutenden Mädchenschule begonnen – so eine schafft es selten zu IBM, damals wichtigstes Unternehmen der Welt. Ihre Begabung lag in der Mathematik. Und sie liebte Rechner. Damit muss sich ein Mädchen auskennen, hatte ihr Vater gesagt und einen Commodore ins Zimmer gestellt. Er sagte auch, sie werde mal studieren. Sie musste also, wenn sie an eine gute Uni wollte, Jahrgangsbeste werden und eine Abschlussrede halten, die Türen zu öffnen vermochte. Und sie wurde Jahrgangsbeste, und als sie sich an diese große Rede setzte, weinte sie vor Angst. Sie schrieb: »Wenn du Erfolg hast, dann nur, weil irgendwo, irgendwann, irgendeiner dich auf den Weg gebracht hat. Dein Leben lebst du in der Schuld, Menschen zu helfen, die dieses Glück nicht hatten.«

Es brachte Melinda auf die renommierte Duke University. Sie schrieb sich für Wirtschaft und Informatik ein. Die Jungs im Computer-Jahrgang, es waren fast nur Jungs, tuschelten und witzelten, wenn sie ins Zimmer kam. Bis ein Professor nach einem Examen Melindas Lösung an die Tafel schrieb, die klüger war als seine eigene. Da war Melinda nicht mehr die Belächelte; nur mehr die Außenseiterin. Das Mädchen, das sich, wenn es keine Einsen schrieb, im Krankenhaus um Fremde kümmerte.

Natürlich wollte IBM eine solche Studentin beschäftigen. Die Personalchefin wollte Einzelheiten besprechen. Und war neugierig: Sie haben weitere Angebote? – Ich habe alle abgesagt. Nur ein Unternehmen will ich mir noch anschauen. – Oh? Welches? – Microsoft. Die Personalchefin überlegte. Ich hätte Sie gern bei uns, sagte sie. Aber wenn Microsoft Sie nimmt, gehen Sie dort hin. – Bitte? – Ich liebe IBM, sagte die Frau. Ich habe mein Leben hier verbracht, Karriere gemacht; aber wissen Sie, wie lange es gedauert hat? Wie schwer es für eine Frau ist, nach oben zu kommen? Microsoft ist jung, wächst, ich würde zu Microsoft gehen.

Eines verstand Melinda sofort: Dass der ewige Satz ihres Vaters, »Mädchen können das genauso«, nur die halbe Wahrheit war. Es macht einen Riesenunterschied, ob du Junge oder Mädchen bist. Damals und heute. »Und das macht mich wütend«, sagt sie. »Es macht mich wirklich wütend, dass wir nicht gleich behandelt werden.« Die zweite Erkenntnis kam erst später: Dass die Personalchefin bei IBM mit einem einzigen Satz Melindas Leben verändert hatte.

Microsoft also, fern der Eltern, in dieser noch kleinen Firma. 1987 war Microsoft, was zur Jahrtausendwende Google wurde: das Neue, Aufregende. Nach einigen Wochen schickte man Melinda nach New York. Sie traf Bill, den Gründer: Riesenbrille, linkischer Gang, Vorliebe für Porsches und Sprühkäse, und beim Flirten ausgesprochen schräg.

Kannst du mir deine Nummer geben? Wir könnten ja mal ausgehen, in zwei Wochen. – In zwei Wochen? Keine Ahnung, antwortete sie, was ich in zwei Wochen mache. Eine Stunde später rief er sie im Büro an: Ist das spontan genug?

Bill gefiel ihre Widerborstigkeit. Bei Microsoft hatte sie sich ihren Platz erkämpft, als Produktmanagerin leitete sie ein Männerteam. Auch schien sie sein Geld nicht zu beeindrucken.

»Ich war einer der frühen Mitarbeiter bei Microsoft«, sagt Melinda. »Ich wurde damit ganz allein eine sehr wohlhabende Frau. Selbst wenn ich Bill nicht geheiratet hätte, wäre ich Millionärin. Sehr jung bin ich es geworden, bevor ich 26 Jahre war. Ich wusste: Ich schaffe es allein. Ich muss keinen Bill Gates heiraten. Okay, er bewegte sich in einer anderen Sphäre; aber das war mir egal. Ich hatte, was ich brauchte, um ein großartiges Leben zu führen, wen auch immer ich heirate. Das hat mir damals Stärke gegeben.«

»Es macht mich wirklich wütend, dass wir nicht gleich behandelt werden.«

Kurz vor der Hochzeit, 1993, reisten die beiden in den Kongo. Gegen Ende des Urlaubs gingen sie am Strand spazieren. Sie redeten über die Armut im Land. In den Dörfern liefen die Frauen barfuß, schleppten schwere Kisten und Kinder, eins vorn und eins auf dem Rücken. Und sie sprachen über das viele Geld. Was damit tun? Eine kleine Stiftung? Bill mochte die Idee. Melinda brachte sie voran, auch Bills Vater half. Und bald schon träumte Melinda von mehr. Sie könnten die Welt verändern. »Aber ich verändere doch schon die Welt«, sagte Bill. »Auf meine Weise.«

Amerikas Macht, die Vorherrschaft in der Welt, ist nicht allein Folge eines natürlichen Wachstums, sie wurde errichtet; und es waren Unternehmer, die dieses Amerika bauten, das wir heute kennen; ihr Geld regiert die Welt. Die Amerikaner nennen dieses Kapitel ihrer Geschichte das »Vergoldete Zeitalter«. Es waren die Jahre nach dem Bürgerkrieg, die Nation war gespalten, die junge Demokratie stand vor dem Scheitern. Aber dann kamen die Eisenbahn, Öl und Stahl; es kamen drei Gründer und führten das Land ins Industriezeitalter, gaben ihm eine neue Identität: Cornelius Vanderbilt, John D. Rockefeller, Andrew Carnegie. Nie haben die Amerikaner das vergessen. Seither glauben sie auf eine Art an Unternehmer, die Europäern fremd ist.

Vor allen verehren sie Rockefeller und Carnegie, die beiden Unternehmer, die Stiftungen schufen, Bibliotheken und Universitäten finanzierten – die Amerikaner sollten sich bilden und den Wohlstand mehren. Über die Wohltaten trat ein wenig in den Hintergrund, wie die beiden überhaupt zu ihrem Geld gekommen waren, nämlich als »robber barons«, Raubritter. Rockefeller und Carnegie waren Kapitalisten durch und durch. Sie schufen Monopole, vernichteten Wettbewerber, schindeten Angestellte. Sie dachten nicht an das Land, nicht an die Menschen, nicht mal an das Geld, das alles war für sie nur Betriebsmittel; sie dachten allein an ihre Firma, ihre Idee, also an sich.

Heute durchlebt die Welt einen vergleichbaren Umbruch. Das Industriezeitalter geht zu Ende. Wieder führen Unternehmer in eine neue Ära, wieder häufen sie unglaubliche Reichtümer an. Die Bauherren der neuen Welt tragen die Namen Jobs, Brin und Zuckerberg. Und: William »Bill« Henry Gates III.

Er sah vor allen anderen eine Welt voraus, in der in jedem Haus ein Rechner steht. Er erkannte, dass sich das meiste Geld nicht mit dem Gehäuse, dem Biegen von Blech und Plastik, verdienen lässt; er füllte die Rechner mit Leben. Wie Rockefeller und Carnegie schuf er eine Industrie, veränderte den Alltag der Menschen. Und wie sie kannte er wenig Rücksicht, Gates hat Schluss gemacht mit der Entwickler-Romantik, Wissen zu teilen; Microsoft musste hohe Bußgelder zahlen, weil es seine Marktmacht missbrauchte, nur knapp konnte Bill verhindern, dass seine Firma wie Standard Oil zerschlagen wurde. Auch er dachte zuerst an seine Firma, seine Idee, an sich. Aber Melinda dachte weiter.

»Er ist verdammt schlau«, sagt Warren Buffett, ihr Freund. »Aber wenn es darum geht, das ganze Bild zu sehen, ist sie schlauer.«

Washington, nahe dem Weißen Haus, das Büro der Gates-Stiftung, es ist Mai, noch vor dem Kirchentag. Eine Angestellte tritt herein. Steht Melindas Eistee bereit? Vorgespräch: Was kommt auf die Chefin zu? Die Angestellte muss berichten.

Ein Mitarbeiter tritt hinzu, holt die Kollegin ab. Sie berichtet. Er weiter zu Melinda, Kurzbericht. Die Angestellte wartet. Bis sie gerufen wird: Nun berichtet sie kurz Melinda. Während der Mitarbeiter noch schnell in den Besprechungsraum tritt: Steht der Eistee bereit?

Es ist eine Schau, sich Melinda zu nähern. In Deutschland kennt das kein Wirtschaftsführer; kein Fitschen, kein Zetsche, keine Klatten wird so umschwirrt, abgeschirmt. Ein Stab kümmert sich um die Stiftungs-Melinda, einer um die private. Sie takten die Tage. Minute by minute heißt das, Minute für Minute, und das ist genauso gemeint: Melinda vergibt auch Slots für sieben Minuten. Kommt sie aus einem Termin, referieren Mitarbeiter, wen sie nun treffen wird und warum, nennen Daten. Melindas Tross ist ihr Filter, er hält ihr Unwichtiges fern. Es steckt eine Weisheit dahinter, die Bill und Warren Buffett heilig ist, eine Milliardärsweisheit: »Koche alles runter, arbeite nur an etwas, was wirklich zählt, denke grundlegend.«

Melinda behält die Kontrolle, indem sie die Kontrolle abgibt. Es ist die einzige Möglichkeit. Nur manchmal gerät es aus dem Blei, etwa beim Eistee-Check. Immerhin schenkt sie sich gleich ein Glas ein. Sie kommt gerade aus New York, wo sie eine Preisverleihung und einen Fototermin ertragen musste, fünf Minuten gibt sie freiwillig für ein Shooting her, mehr nicht, Fernsehtermine werden gemieden, weil das Schminken zu lang dauert. Die Anfrage, sie für ein Porträt mehrfach zu treffen, erstaunt deshalb ihr Team. Bisher haben zwei Stunden pro Jahr für alle Medien Europas gereicht. Einen Blick hinter die Kulissen hatte Melinda stets abgelehnt, persönliche Fragen blockt sie meist ab. Aber heute ist sie erstaunlich offen.

Als sie Bill heiratete, erzählt Melinda Gates, 1994, auf Hawaii, glaubte sie, vorbereitet zu sein. Sieben Jahre waren sie zusammen gewesen, sie hatte den Überflug Bills miterlebt. Dreißig Jahre war sie alt, kein Mädchen, keine Studentin mehr. »Und dann habe ich Bill geheiratet, und ja, es war eine große Veränderung für mich. Ich ging durch eine Art Krise. Ich habe nie in einem Hause hinter einem Zaun gelebt, und ich habe nie eine Alarmanlage gehabt. Mein Leben änderte sich also, aber ich bewahrte meinen Mädchennamen. Meine E-Mail ist immer noch Melinda French, ich habe sie behalten, weil ich meine eigene Identität haben wollte. Ich wollte nicht einfach nur die Frau von Bill Gates sein.«

Sie rettete sich in die Arbeit. Stieg auf zum General Manager für das Software-Paket »Microsoft Bob« und das Online-Reisebüro Expedia, leitete ein Team mit 300 Leuten, vor allem Männer. Es fiel ihr schwer. Führen, stark sein, klischeehaft männlich; nach einer Weile sagte sie sich: Sei einfach Melinda.

Ihre Tochter Jennifer kam auf die Welt. Melinda hörte auf zu arbeiten. Sie schaute nun mehr auf die Stiftung. Eines Tages, es war 1997, las sie in der Zeitung einen Artikel: wie Kinder in Afrika an heilbaren Krankheiten sterben. Es berührte die Mutter. Wir müssen mehr tun, sagte sie ihrem Mann. Und sie taten mehr, das heißt, Melinda tat mehr. »Er dachte mehr daran, etwas zu tun, wenn er sechzig ist.« Melinda bekam Rory und Phoebe. Die Kinder brachten in ihr alte Fragen hoch: Wer bin ich, oder diesmal: Wer sind wir? »Als ich meine Kinder in die Schule brachte, wollte ich, dass die Leute sie kennenlernen, bevor sie wissen, wer sie sind. Ich meldete sie unter meinem Namen an. Das gab uns drei, vier Wochen, in denen die Leute nicht wussten, dass sie Bills Kinder waren. Und als wir dann Teil der Gemeinschaft waren, gab es diesen Augenblick: ›Oh, das sind die Kinder von Bill Gates. Sie sind Bill Gates’ Frau!‹«

Melinda zog sich zurück. So gut verbarg sie sich vor der Welt, dass diese aufhörte, Notiz zu nehmen; bis auf die Zeitung in Seattle, die auf die Idee kam, Reporter mit Melindas Foto durch die Stadt zu schicken. Kennen Sie diese Frau? Kaum einer sagte Ja.

Es ist manchmal ein seltsames, mühsames Leben, Melinda Gates zu sein. Wenn es ihr zu schwer wird, wenn sie Fragen drücken, zu Hause, in der Stiftung, ruft sie in Dallas an, ihre Eltern. »Nicht weil ich eine Antwort erwarte. Weil sie zuhören. Ich höre mich richtig denken, wenn sie zuhören. Sie haben immer an mich geglaubt.«

Es war die Zeit, in der die Schauspielerin Maria Furtwängler Melinda kennenlernte. »Ich war gerade Mutter«, erzählt Furtwängler, »Medizinstudentin, unbedarft.« Sie begleitete ihren Mann, den Verleger Hubert Burda, auf das Weltwirtschaftsforum in Davos. Ein Vortrag war angekündigt, Thema: »The Impact of Birth Order on Children«. Sie ist hin, der Raum war voll, kein Platz, nur hinten auf der Fensterbank sitzt allein eine Frau. »Ich schleich mich also rein, setze mich neben sie und ramme mir den unglaublichsten Spreißel in den …« Sie läuft tiefrot an. Sie kann jetzt nicht wieder rausrennen. War eh schon peinlich. Die Dame neben ihr schaut sie an. »I have a Spreißel in my Popo«, sagt Furtwängler. Ihr Englisch war damals noch nicht so gut. Die Frau schaut fragend: »I have a piece of wood in my butt.« Es wurde alles nur schlimmer. Schließlich hat sie verstanden.

Irgendwann fragt Maria Furtwängler, wie sie heißt. – Melinda. – Ah, super, Melinda. Und was macht Ihr Mann so? – Der ist bei Microsoft. – Ah, und was macht er da? – Der ist CEO. »Die Geschichte ist nur peinlich für mich, aber sie hat bezaubernd reagiert, sehr humorvoll, deswegen erzähle ich es.« CEO? Was heißt das? – Dann sah sie das Schild: Gates. Oh, Mann. Sie schämte sich. Melinda lachte es weg. Sie kamen ins Gespräch. Ob ihr Mann sich auch so wenig kümmert um die Kinder? »Auch bei ihr spürte man so die Ernüchterung, dass das einzige Leben, das sich durch die Geburt eines Kindes maßgeblich ändert, das der Frau ist.«

Es dauert danach noch eine gute Weile, bis in die Mitte der Nullerjahre hinein, bis Melinda etwas an ihrem Leben ändert, aus dem Schatten tritt. »In der Zeit kam meine ältere Tochter auf die Highschool. Ich dachte mir, wenn du deinen Kindern etwas beibringst, so musst du es auch vorleben. Ich sagte meinen Töchtern immer, sie sollen ihre Stimme nutzen, ein starkes Mädchen sein. Und ich dachte mir: Benutze eigentlich ich meine Stimme?«

Im Verborgenen hatte sie bereits die Stiftung zu etwas Größerem gemacht: Büro in Washington, Niederlassung in Indien, eine Impf-Allianz, genannt GAVI, Staaten und private Spender finden darin zusammen, geben 285 Millionen Dollar, um Malaria zu bekämpfen. Sie ging ganz kalkuliert und nüchtern vor. Ausgangslage: Es sterben zu viele Kinder. Analyse: Was sind die Hauptgründe? Mangel und Infektionskrankheiten. Aha, die Prioritäten: bessere Ernährung und Impfstoffe. Wie sind wir effizient? Wir brauchen Partner. Große Staaten. GAVI. Ja, so arbeiten sie: Analyse, Effizienz, und die Erfolge begannen aufzufallen. Das Time Magazine wählte Melinda und Bill und ihren guten Freund Bono zu den Menschen des Jahres 2005. Bald darauf verkündete Warren Buffett, dass er, wie die Gates, fortan all seine Milliarden spenden wird. Es war der Durchbruch. Es war die Zeit, in der Bill begriff: Wenn er weiter die Welt verändern wollte, sollte er Melinda folgen. Er verkündete den Abschied von der Firma. Als er Microsoft 2008 verließ, gab es böse Kommentare. Er hatte harte Jahre hinter sich, der Konzern hatte den Kampf um die Herrschaft im Netz verloren. Google und Facebook hießen die neuen Helden; Microsoft war von gestern, dazu das Böse, die Monopolisten, Kapitalisten. Jetzt will er sich reinwaschen, hieß es. Sich ein Denkmal bauen, wie Rockefeller, Carnegie.

Und die Kommentare bekamen etwas Höhnisches, als Bill sagte, es sei Melinda gewesen, die ihn überzeugt hätte zu gehen. Immer wieder habe sie ihn beim Frühstück gefragt: Wissen sie nun, dass du dich rausziehst? Ja, höhö, Melinda – die Kommentatoren unterschätzten sie.

Für Melinda begann eine mühsame Zeit. Sie hatte die Stiftung zu dem gemacht, was sie war, sie hatte Bill mitgezogen – und nun stieg er ein, und auf einmal veränderte sich alles. Sie musste sich behaupten, auf Augenhöhe mit einem Mann, der früher ihr Chef war, der als Jahrhundertunternehmer galt, auch, weil er alles, was ihn bremste, weggewischt hatte. Neben ihm sollte sie nun bestehen, nicht als Gänseblümchen, das sich auf das Spouse-Programm in Davos freut. Als Gleichberechtigte, als Chefin. »Als er Microsoft verließ und in die Stiftung kam, musste alles neu ausbalanciert werden«, sagt sie. »Wir mussten das tun, und es dauerte etwa 18 Monate. Aber wir hatten beide die richtigen Absichten, es gab viele Gespräche, ein wenig Coaching, Rückschläge, Fortschritte.«

Melinda entdeckte ihre Widerborstigkeit wieder. Sie steckte nicht mehr zurück. Diesmal nicht.

Das wird knapp heute Abend, Bill muss seinen Flieger kriegen, zurück in die USA. Und Paris steht still. Die Taxifahrer streiken, legen die ganze Stadt lahm. Wir könnten Sie mit Blaulicht begleiten, bietet die Polizei an. Blaulicht? Nein, danke, sagt Bill.

Was für zwei Tage liegen hinter ihm! Er wird Melinda einiges zu erzählen haben. Sie haben sich die Arbeit für die Stiftung ja aufgeteilt. Er fliegt in der Welt links herum, sie rechts; er schaut mehr auf Krankheiten und den Klimawandel; sie auf Hunger, Kinder, Mütter. Wenn sie von ihren Reisen heimkehren, gehen sie spazieren und reden, manchmal stundenlang, und gern spinnen sie zu Hause die Gedanken weiter, bis die Kinder – uäh – beim Abendbrot nichts mehr hören wollen über Durchfall und Tuberkulose.

Tragik. Was aus der Familie wurde? »Ich weiß es nicht«, sagt Melinda.

Bei einem Strandspaziergang im Kongo kam Melinda und Bill Gates die Idee zur Stiftung.

Die ganze Stiftung hatte Ende Juni Bills Reise nach Paris entgegengebibbert. Frankreich drücken Schulden, das Land muss sparen, in diesem Jahr 21 Milliarden Euro, in den nächsten Jahren eher mehr. Solche Aussichten bewegen die Wall Street und die Hochpolitik, und sie bekümmern Melinda und Bill Gates.

Frankreich ist zweitgrößter Geldgeber des Global Fund, einem übergroßen Geldtopf, der Leben rettet. 140 Länder zahlen ein, bekämpfen mit bisher 31 Milliarden Dollar Aids, Malaria und Tuberkulose. Ohne das Geld ist der Kampf gegen die Krankheiten nicht zu gewinnen. Wenn die Summe sinkt, wenn Frankreich weniger gibt, und Großbritannien oder Deutschland dem Beispiel folgen, hat das gefährliche Konsequenzen: Medikamente sind auf einmal nicht mehr bezahlbar, Patienten müssen die Behandlung unterbrechen. Die Viren erholen sich, werden resistent. Die Vereinten Nationen sprechen von einem »HIV-Alptraum«.

Nein, Frankreich darf beim Fund nicht sparen: Monsieur le Président, wir müssen reden. François Hollande hat Bill Gates im Elysée-Palast empfangen, zum »Austausch über die Herausforderungen in der Entwicklungshilfe«. Es war ein gutes Gespräch. Frankreich verkündete eine neue Hilfspartnerschaft über hundert Millionen Euro, und Bill hörte, was er erhofft hatte. Win-win heißt das in der Wirtschaft, man könnte es auch Gelddiplomatie nennen. Die Gates ermuntern, schaffen Anreize. So legten sie vor zwei Jahren auf jeden Euro, den Deutschland gegen Kinderlähmung in Nigeria ausgab, einen drauf.

Bestens gelaunt fuhr Gates dann weiter ins »George V.« Das Hotel nahe des Triumphbogens gehört Prinz Walid, Enkel des Staatsgründers Ibn Saud, reichster Mann Saudi-Arabiens, auch bekannt, weil er sich einen A380 als Privatflugzeug bestellte und sich beim Magazin Forbes beschwerte, weil sie ihn in ihrer Liste der Reichsten nur auf Platz 26 stuften, mit jämmerlichen zwanzig Milliarden Dollar. Bloomberg bewertete ihn höher, auf rund dreißig Milliarden.

Sehr nett und versteckt saßen die beiden zusammen und eine Woche später verkündet Walid, dass er – inspiriert von den Gates – sein Vermögen spenden werde, Schulen bauen, Armut lindern. Bill kann einen weiteren Namen auf ihre Liste schreiben, ihr Giving Pledge, der weltexklusivste Geberklub: 137 Milliardäre haben bisher zugesagt, die Hälfte ihres Vermögens zu spenden, etwa Richard Branson, Diane von Fürstenberg und Mark Zuckerberg. Nun also Prinz Walid. Ha, Melinda wird sich freuen.

Was soll sich Bill da über einen Taxi-Streik aufregen? »He is over the moon«, sagt ein Mitarbeiter. Er genießt den Augenblick: Blaue Stunde auf dem Hippodrome, der Pferderennbahn am Rande der Stadt. Bill steht backstage auf einer Riesenbühne, vor ihm feiern 50 000 Menschen die Solidays, Festival und Aids-Hilfe zugleich, die Musiker Izia, Caribou und Paul Kalkbrenner sind unter den Gästen, Bill hat sein rosa Businesshemd ausgezogen, trägt das Festival-Shirt, sieben Leute drängen sich um ihn, filmen ihn mit iPhones, während er ins Spektakel schaut: Strohhüte, Blumenkränze, mit Aids-Schleifen bemalte Körper, Grasgeruch zieht auf die Bühne, auf Bildschirmen laufen Kondom-Spots, zwei animierte Luftballon-Elefanten vögeln quietschend, kurz darauf erscheint Bills Foto, ein Passbild, mit Hemd, der Mund verkniffen, wie ein Mathelehrer sieht er aus; Applaus brandet, Nebel wabert, Licht gleißt, Bill grinst.

»Ich habe hier jemanden«, ruft der Festivalleiter, »der sich verlaufen hat, Monsieur Bill Gates«, und der tritt in ein Gejohle vor, das keiner nach ihm toppen wird. »Une chanson, une chanson«, fordert die Menge, »Bonsoir«, sagt Bill. »Dieses Festival hat einen Zweck. Es verdient Aufmerksamkeit.« Und die hat er mitgebracht, seit dem Nachmittag ist er hier, eben saß er in einem kleinen Zirkuszelt, vor hundert Helfern, und beantwortete deren Fragen.

Ist es aufregend, Staatschefs zu treffen? »Ich hoffe, die sind nicht nervös.« Wie ist es, übermächtig zu sein? »Ich weiß nicht, ob ich das bin.« Pause. »Soll ich mir Flugzeuge kaufen, Boote? Ich habe genug zu essen, etwas zum Anziehen, und ich habe Verantwortung, ja, Melinda und ich, wir haben die Verantwortung, dass unser Geld gut ausgegeben wird.«

Der Staat bin ich. So anmaßend war dieser Satz, dass er nie vergessen wurde. Ein Mensch konnte kein Staat sein. Es gibt das Volk, den Einzelnen; und es gibt den Staat. Das bedeutete Demokratie. Aber heute? Heute gibt es Bill und Melinda Gates. Privatpersonen. Sie haben die Grenze verwischt. Wie Regierende reisen sie mit ihren Stäben durch die Welt, empfangen und umworben. Die Vereinten Nationen und der Kongress in den USA geben ihnen Redezeit. Melinda und Bill machen Politik. »Die Gates«, sagt Gerhard Casper, lange Präsident der Stanford University, »treten mit ihren Programmen an die Stelle des Staates. Das hat kein Carnegie, kein Rockefeller gemacht. Das ist neu und außerordentlich kühn.«

Aber worin liegt das Neue, das Kühne? Spricht man, ohne deren Namen zu verraten, mit Menschen, die Angela Merkel umgeben, kriegt man eine Ahnung, wie wenig das, was die Stiftung macht, zu tun hat mit der Philanthropie, wie es sie früher gab. Es ist irreführend, wenn das Time Magazine Bill, Melinda und Bono zusammen auf ihr Cover packt: als Menschen des Jahres. Selbst wenn sie sich alle für die Armen einsetzen, ihr Wirken hat wenig gemein.

Warum trifft sich Angela Merkel mit dem U2-Sänger Bono? Weil es dem Image nutzt. Sie hört sich an, was er (oder Bob Geldof) zu sagen hat, es steckt auch oft Kluges drin: Ja, wir brauchen ein anderes Weltfinanzsystem, jeder möchte Hunger auslöschen. Aber wie? Vielleicht gibt es nun noch die eine oder andere Idee, über die der Herr Staatssekretär mal nachdenken kann; aber dann endet der Termin. Sie treten vor die Kameras, und ein paar Wähler denken: So eisern kann die Merkel nicht sein, wenn sie Bono trifft.

Mit Bill oder Melinda Gates ist das anders. Zuerst einmal gibt es keinen Imagetransfer. Keiner wundert sich, wenn die Kanzlerin die reichsten Menschen der Welt trifft. Es ist eher gefährlich. »Wir müssen aufpassen, dass es nicht heißt: Für die Reichen nimmt sie sich Zeit.« Und so drang wenig nach außen, als Merkel im Februar dieses Jahres Melinda Gates zum Frühstück traf.

Und spricht Merkel mit Bill oder Melinda über Entwicklungsfragen, so sagt sie nicht wie zu Bono: Ja, man müsste mal. Sie sagt: Wir haben ein Problem. Wie wollen wir es angehen? Wie unsere Kräfte bündeln? Wir machen dies und das – was könntet ihr machen? Die Staaten brauchen die Gates. Wenige Länder helfen der Dritten Welt wirklich: die USA, Deutschland, Großbritannien, Kanada, die Niederlande, Norwegen, Schweden. Die Gates geben mehr als fast alle, und sie geben schnell. Wenn sie sagen, wir gehen rein gegen Ebola, schreiben sie einen Scheck, und los geht’s. In der Zeit rufen Regierungen nicht mal den ersten Fachausschuss zusammen.

Und die Stiftung geht Wagnisse ein, wie es Staaten nicht können. Riskante Projekte, von denen fünf scheitern, erst das sechste gelingt. Gerade wurde in Tübingen der erste Impfstoff gegen Malaria entwickelt. Das Serum wirkte nur bei dreißig Prozent der Probanden. Für Staaten und Hersteller wäre das ein Grund, das Projekt zu stoppen, keine 200 Millionen zu geben für die weitere Entwicklung. Die Gates aber machten weiter, erzählt ein verantwortlicher Professor. Nun gibt es einen Wirkstoff, der jedes dritte Kind retten könnte, das zukünftig an Malaria erkrankt. Bill Gates, erzählt der Professor, durfte die Testergebnisse noch vor ihm sehen.

Alles wollen Bill und Melinda messen, kontrollieren. »Da lernen wir eine Menge«, heißt es im Kanzleramt. »Und die Gates haben in der Wirtschaft ganz andere Zugänge.« Wertvolle Zugänge: 2,5 Billionen Dollar, so haben die Vereinten Nationen errechnet, wird es kosten, wenn das große bevorstehende Entwicklungsziel, den Welthunger zu beenden, erreicht werden soll. 2500 Milliarden. Wer soll das bezahlen?

Die Politik hofft auf die Wirtschaft. Warum eigentlich? Die Staaten könnten es ja mal selbst versuchen. Sie könnten wenigstens die 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens geben, wie sie vor der Wirtschaftskrise versprachen. Selbst Melindas Lieblingsdeutsche geben nur 0,4 Prozent. Sie würden Leid lindern. Kinder retten, die sonst verhungern, Alte, die ein einfacher Durchfall tötet, Mütter, die vor Entkräftung bei der Geburt sterben. Und sie würden nebenbei Probleme im eigenen Land lösen. Es ist auch eine Folge der verfehlten Entwicklungspolitik, dass so viele Menschen derzeit nach Europa fliehen.

Die Wirtschaft soll es also richten. Die von manchen so misstrauisch beäugte Macht der Gates speist sich eben auch aus dem Versagen der Staaten. »Die Gates schließen eine Lücke. Das ist großartig – und traurig«, sagt Ana Langer, Professorin an der Harvard University, die das Sterben von Kindern und Müttern in der Dritten Welt erforscht.

Großartig, sagt sie, weil überhaupt jemand hilft. Traurig, weil sich Staaten drücken. Und das Geld nicht reicht. Was sind schon die siebzig, hundert oder 200 Milliarden der Gates, nötig sind 2500. Also, noch einmal, wer soll das bezahlen? Die einen können nicht, die anderen wollen nicht. Aber zusammen könnten sie es vielleicht schaffen. Im Januar war Deutschland Gastgeber der GAVI-Konferenz, der Impf-Allianz aus Wirtschaft und Staaten. Voller Sorge ist Bill nach Berlin gereist. Der Euro stand ungünstig, schlecht sah es aus, dass die erhofften 7,5 Milliarden Dollar zusammenkämen.

Merkel sah Bill, stand auf, ging von Tisch zu Tisch und sammelte. Es wurden 7,54 Milliarden. »Ich habe Bill selten so strahlen gesehen«, sagt ein Mitarbeiter. »Wir sind sehr stolz, haben sogar was von den Chinesen gekriegt«, sagt ein deutscher Beamter.

Es war in Indien, so furchtbar heiß, Melinda auf einer ihrer vielen Reisen, jedes Jahr fliegt sie in die Armut hinein, lebt ein, zwei Wochen in Dörfern, mit Frauen zusammen, isst und lacht und weint mit ihnen, kocht für die Männer, trägt Wasserkanister, zwanzig Liter auf dem Kopf, dann reist sie weiter. Sie kam in ein Dorf, und eine Frau eilte aus einer Hütte, ein Baby vor der Brust. Sie bat Melinda in die Hütte. Das Dach war voller Löcher, ein Mann lag am Boden. »Schau, mein Mann«, sagte die Frau. »Er ist krank.« Und sie führte Melinda auf ein kleines, von der Sonne verbranntes Feld. »Schau, unser Land.« Und sie hielt Melinda das Baby hin und sagte: »Ich habe für meine Kinder nichts zu essen. Nimm meinen Sohn.« – »Nein, es tut mir leid, ich kann ihn nicht nehmen.« – »Nein, nein, nicht nur ihn, nimm zwei. Wir werden verhungern.« Oft, sagt Melinda, steht sie da und weint. Aber niemals dürfen sie ein Kind mitnehmen, niemals sich ins Vereinzelte ziehen lassen. »Wir müssen Millionen solcher Familien helfen.«

You have to think big – die Grundregel für Wirtschaftsgrößen. Melinda und Bill Gates sehen Leid, wie Unternehmer Probleme sehen. Sie sind keine Märchenfiguren, die kommen und geben, und alle leben glücklich bis an ihr Ende. Sie kalkulieren, maximieren den Profit. Wie früher; allein, dass sich der Profit nicht mehr in Dollar sondern in Geretteten bemisst. Es schwindelt einen, wenn Melinda ihre Rechnungen aufmacht. Zwölf Millionen Kinder starben vor 15 Jahren noch an Hunger und Infektionskrankheiten. Das haben sie gesenkt auf sechs Millionen. Bis 2030 sollen es drei Millionen werden.

Nein, Melinda kann sich nicht um die zwei Kinder der Frau kümmern; sie kämpft jedes Jahr um drei Millionen Kinder. Das nennt sich Vernunft. Oder, besser: Tragik. Was aus der Familie wurde? »Ich weiß es nicht«, sagt Melinda. »Sie sind nicht verhungert, wir lassen immer etwas zurück, wenn wir in einem Dorf waren.«

Als Melinda 2006 Buffetts Milliarden eingesammelt hatte und Bill 2008 dazugestoßen war, als sie sich mit Bill die Arbeit aufgeteilt hatte, sich als Co-Chef positioniert, als Co-Chair, wie in der Stiftung alle sagten, verhielten sich die Mitarbeiter auf einmal anders ihr gegenüber. Melinda musste sich wieder mal durchsetzen, wie an der Schule, der Uni, bei Microsoft:

»Da war fast schon diese Erwartung der Leute: Okay, jetzt kommt Bill, der war CEO bei Microsoft. Die Leute sprachen automatisch ihn an, erwarteten, dass er die Richtung vorgab, dass er die Antworten gab. Ich habe dann immer gesagt: Ich habe da auch noch eine Frage.«

Es hat ein, zwei Jahre gedauert, die Mitarbeiter an die neue Rollenverteilung zu gewöhnen. Noch heute spürt man, wie heikel das Thema ist. »Wir sind Co-Egos«, sagt Melinda immer noch regelmäßig. Und treten Bill und Melinda zusammen auf, und ein Moderator schaut mal wieder nur ihn an, so schiebt der die Fragen weiter: »Melinda weiß das besser.« Und fragt man ihn nach ihr und sie nach ihm, versuchen sie, wenn es irgendwie geht, mit einem Wir zu antworten, nichts darf sie trennen, gerät da etwas aus der Balance, so wäre es eine Gefahr für die gesamte Stiftung. Wenige Multimilliarden-Organisationen haben eine Doppelspitze.

Noch nie in seinem Leben hatte er so viel Spaß, sagt Bill Gates.

Bill Gates, Melinda Gates und Warren Buffet bei einer Pressekonferenz 2006, in der Buffet der Gates-Stiftung 30 Milliarden Dollar seines Vermögens zuspricht.

Die Stiftung ist in eine neue Struktur hineingewachsen: Büros in aller Welt, 1400 Mitarbeiter, Wissenschaftler, Anwälte, Programmierer, Manager; und Melinda hat ihre Philosophie geschärft. Eines dabei war klar: Nie sollte die Stiftung werden wie andere. Das alte System hatte versagt. Der Economist warf, als die Gates-Stiftung so rasch wuchs, mal einen Blick auf die Wettbewerber. Das Urteil: Die meis-ten seien »selbstherrlich, leistungsschwach, halsstarrig, elitär, verschlossen, arrogant, verhätschelt«. Sie strebten nur danach, »das Rad neu zu erfinden«. Es fehle jede Vorstellungskraft, jede Idee.

Aber wer kann sich schon eine Welt ohne Hunger und Armut vorstellen? Seit dem Paradies gab es das nicht. Wer eine solche Welt errichten will, darf es nicht mit einem alten Plan versuchen. Der Plan der Gates ist die Pioniertat, ihr Maß Microsoft oder Google, die scheinbar Unbezwingbaren. Und in dieser Logik betrachten sie Hunger und Krankheiten als Business Case. Und haben den Wettbewerb aufgenommen und kämpfen mit den Waffen der Besten:

Sie vertrauen auf Daten wie Amazon, jeden Monat liegt auf ihren Tischen, in welchem Dorf es noch Kinderlähmung gibt; und dort schlagen sie zu. Und sie führen Verhandlungen wie Aldi: Vorbei die Zeit, als arme Staaten einzeln Impfstoffe kauften; heute bündeln sie die Einkäufe, erwerben fünf Seren zum Preis von einem. Und wenn die Stiftung überlegt, wie sie die Versorgung mit Impfstoffen organisiert, schaut sie auf Coca-Cola, die Firma, die ihr Produkt in den letzten Winkel der Welt schafft, und die – zur Verwunderung Melindas – den Besuchern des Kirchentags in Deutschland so ein Grauen ist. Natürlich legen sie Geld bei Coca-Cola an. »Ich habe zu Hause Briefe mit 500 Namen liegen, wo wir nicht investieren sollen«, sagt sie. »Es bliebe nichts übrig.« Gen-Samen? »Lasst die Menschen dort doch selbst entscheiden«, antwortete sie kühl dem »Anwalt des Publikums«, Anfang Juni in Stuttgart.

Kein Zucken, sie lebt ihren Plan, der, wenn man es genau besieht, mehr Bills Plan ist, der mit solchen Waffen schon mal die Welt veränderte. Natürlich verstören die Gates damit Menschen. Sie sind, auch wenn sie so genannt werden, keine lupenreinen Philanthropen, sie sind Kapitalisten, Wohltätigkeitskapitalisten. Eine neue Gattung.

Nein, Bill Gates ist kein neuer Mensch geworden. Früher sah er eine Welt, in der in jedem Haus ein Computer steht, heute sieht er eine Welt, in der jedes Kind was zu essen hat. Und wieder verfolgt er diese Idee ohne Kompromisse. Wieder denkt er nur an die Stiftung, die Idee, an sich. Weil er den Friedensnobelpreis will, sagen manche. Vielleicht aber irren sie. Wer liebt es nicht, dieses Gefühl: etwas verschenken. Wenn man zu viel Geld hat, wenn der Grenznutzen, wie man so schön sagt, abnimmt, dann kann man sein Geld nicht besser anlegen. Noch nie hatte ich so viel Spaß, sagt Bill. Nichts in unserem Leben hat uns so viel gebracht, sagt Melinda.

Seattle, Ende Juli, Nordgebäude, 6. Stock, ein kleines Büro, vielleicht 15 Meter im Quadrat, der Schreibtisch vollgepackt, Bilder von den Kindern, eine Widmung von Obama, eine Puppe, die ihr Desmond Tutu geschenkt hat. Quer über den Schreibtisch hat Melinda gerade ihr Glas umgeschüttet. Es bekümmert sie nicht weiter, ist nur Wasser, kein Eistee. Melinda ist gut drauf, vieles, was sie sich gewünscht hat, wird sich in den neuen Zielen der Vereinten Nationen wiederfinden. In 15 Jahren, sie glaubt wirklich daran, wird die Welt eine andere sein.

So klischeehaft amerikanisch sitzt sie da: Fönwelle, Lächeln, Freundlichkeit, Siegesgewissheit, auf dem Computer ein Sinnspruch: »Habe keine Angst vor dem Scheitern, habe Angst, es gar nicht zu versuchen.«

Ja, hat sie denn niemals Zweifel, niemals auch mal Angst? »Oh doch«, sagt sie. »Ich habe immer Angst. Große Angst sogar.«

Und? »Warren Buffett hat uns gesagt: Habt keine Angst, zieht den Schläger immer voll durch.«
Eine Baseball-Weisheit?! Immer voll durchziehen, immer auf den Homerun abzielen?

Ja, sagt sie. Sie fängt an über die Erfolge zu sprechen. Sie haben die Kinderlähmung fast besiegt mit der Stiftung. Das bisschen Impfen, wie es der Anwalt des Publikums nannte, hat sieben Millionen Menschen gerettet.

Aber es gelingt nicht alles… – »Ja, wir waren so sicher, dass wir einen HIV-Impfstoff finden« – …aber ist das Ziel nicht zu groß, der neue Plan zu klein? Das Leid der Welt lässt sich nicht allein mit wirtschaftlicher Logik lösen.

Natürlich nicht, sagt Melinda. Es hat eine Weile gedauert, bis sie das verstand. Sie hat ja Wirtschaft und Informatik studiert, nicht Entwicklungshilfe. Und noch länger hat es gedauert, zu verstehen, wo der Schlüssel liegt.

Mal angenommen: Frauen wären gleichberechtigt, hätten wie Männer Zugang zu Saat und Feldern; Afrika hätte zwanzig Prozent mehr zu essen. Angenommen, Frauen in der Dritten Welt dürften frei über ihr Geld verfügen: neun von zehn Euro flössen in die Familien, weit mehr, als Männer geben. Ja, und angenommen, Frauen bekämen nicht jedes Jahr ein Kind: Die Chance, dass ihr Kind leben darf, würde sich verdoppeln. Und weniger Mütter würden Melinda ihre Kinder entgegenstrecken.

Viele solcher Rechnungen kann Melinda aufmachen, sie stützen sich auf Studien und Papiere, die da auf ihrem Schreibtisch in der Wasserpfütze kleben. Familienplanung, Gesundheit, diese scheinbar weichen Randthemen, längst bespricht Melinda sie mit Finanzministern. Es geht um Fakten und Zahlen: 225 Millionen Frauen, sagt Melinda, wünschen sich Zugang zu Verhütungsmitteln. Sie, die Katholikin, will sie ihnen liefern. Natürlich, so wie sie in Stuttgart nach dem Podiumsdesaster bei einem geheimen Treffen Kardinal Marx scharf fragte, wann die katholische Kirche endlich Priesterinnen haben wird. Sie kennt bei diesem Thema kein Zugeständnis.

Gäbe es für alle die Verhütungsspritze, müsste nicht mehr jedes vierte Mädchen in Afrika die Schule abbrechen. Sie könnten, statt abhängige Ehefrauen zu werden, Berufe ergreifen, würden von ihrem Geld ihre Kinder ernähren und Schulbücher kaufen. Weniger Kinder würden Mangel leiden, mit Milchzähnen arbeiten müssen. »Wer in Frauen investiert«, sagt sie, »investiert in die Zukunft.«

Spricht Melinda über Frauen, spricht sie in einem anderen Ton, lauter, drängender. »Da brennt was in ihr«, hat Maria Furtwängler beobachtet. »Sie ist ja sehr kontrolliert, rational; aber da geht was auf.« Jeder sagt das: ihre Freundin Mabel von Oranje, die Mitarbeiterin aus Malawi, die Strategiechefin, Anja Langenbucher, die Europa-Chefin, offenbar alle, die Melinda kennen, finden diesen Zug an ihr bemerkenswert. »Eines will ich noch anmerken«, sagt der Mann im Kanzleramt: »Warum Frau Merkel Frau Gates auch so schätzt: Frau Merkel ist eine Frau. Sie hat das ja nie in den Vordergrund gestellt, aber nun wird das schon ein Thema.« Im September, nächste Woche, empfängt Merkel Gates zur Frauenkonferenz in Berlin. Die Welt wird es nur schaffen, wenn alle Menschen gleich sind. Die Vereinten Nationen werden das Ende der Benachteiligung von Frauen als Kernziel in ihren Entwicklungsplan schreiben, verbunden mit einer großen Hoffnung: »Unsere Generation könnte die erste sein, die die Armut ausrottet.«

»Multimillionen« wird Melinda in die Stärkung der Frauen stecken. Geld, das ihre Kinder – die zwei Taschengelder bekommen, eines zum Ausgeben, eines zum Spenden – nicht erben werden. Fast alles Geld, 95 Prozent, wird gespendet. Zwanzig Jahre nach ihrem Tod, sagt Melinda, muss es weg sein. »Wenn ich an meine Kinder denke«, sagt Melinda, »hoffe ich, dass sie, wenn ich gegangen bin, mal sagen werden: Die Stiftung hat was für die Frauen getan. Sie hat den Frauen geholfen aufzustehen. Denn die Frauen sind die Mittler des Wandels.« Ja, Melinda ist dabei, Bills Wohltätigkeitskapitalismus zu erweitern. Es ist ihr ganz persönlicher New New Plan. Und zugleich das Leitmotiv ihres Lebens, seit ihr Vater den Commodore ins Zimmer stellte. Über Jahrzehnte hat sie sich gewehrt, durchgesetzt, befreit, in Schule und Uni, bei Microsoft und in der Stiftung. Es ist ein Kampf, der bis heute nicht aufgehört hat:

»Sie denken vielleicht, wir wären zu Hause gleich gewesen, Bill und ich. Da irren Sie. Bill war der CEO von Microsoft. Ich kümmerte mich um die Kinder. Als er in die Stiftung wechselte, mussten wir ein paar Dinge ändern. Er musste mehr Verantwortung übernehmen. Er musste, wenn ich verreist war, bei den Kindern bleiben. Und ich verreise viel. Auch das war ein Ausgleich. Als Frau ist es vielleicht schön, wenn du im Job Gleichberechtigung erreichst. Aber wenn du sie nicht auch zu Hause einforderst, fehlt die Hälfte. Also letzte Woche hat Bill meine Tochter vom Schulbus abgeholt. Sie war wirklich überrascht. Sie kam nach Hause und sagte: Aber Mom, du holst uns doch immer vom Bus ab. Und ich sagte: Ja, und ich dachte, es wäre doch mal eine schöne Überraschung, wenn dein Vater dich abholt.« So lernt jeder etwas, der Vater wie die Tochter.

Fotos: Gates Archive, dpa

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