»Die Vögel zwitschern, die Welt ist so normal um dich rum - und du läufst um dein Leben«

Im Sommer 1989 will eine Gruppe DDR-Bürger über die ungarische Grenze in den Westen fliehen. Ein Filmteam begleitet sie. Der Fernsehbeitrag läuft in den Tagesthemen. Tausende in der DDR sehen zu - und fahren ebenfalls los. Kurze Zeit später fällt die Mauer. Wir haben sie 25 Jahre später zum Interview im ungarischen Grenzort Fertörákos wieder zusammengebracht: die Filmer, eine der Geflohenen - und den Soldaten, der ihnen half.


SZ-Magazin: Frau Kretzschmann, wann haben Sie den Entschluss gefasst, aus der DDR zu fliehen?
Jeanette Kretzschmann:
Ich wollte schon immer weg. Dann hatte ich mein Studium beendet und fragte mich: Wie geht es weiter? Ich war 23, für mich der richtige Zeitpunkt. Meiner Mutter habe ich es zu Hause im damaligen Karl-Marx-Stadt gesagt, bevor wir in den Ungarn-Urlaub sind. Sie hat das verstanden. Wir hatten auch Verwandte in Ansbach. »Sag deinem Vater nichts«, sagte sie nur. Meine Schwester wollte auch mit, hatte aber noch kein Abitur, das hätten meine Eltern nicht erlaubt. Ich gab meiner Mutter Vollmachten, packte meine Papiere ein, und Ende. Meinem Vater habe ich es in Ungarn gesagt. Er hat dazu geschwiegen.

Wie war Ihr Plan?
Kretzschmann:
Es gab Meldungen im Westfernsehen, dass Leute in die Botschaften gehen und irgendwie in den Westen kommen, bei den Tschechen oder in Ungarn. Wir haben immer Westfernsehen gesehen, klar. Die Melodie der Bayern-3-Verkehrsnachrichten konnte ich im Schlaf pfeifen. Also in die Botschaft, dachte ich, mehr hatte ich nicht geplant. Aber ich wusste: Wenn es klappt, kann ich zu unseren Verwandten.

Wie war der Abschied von Ihren Eltern?
Kretzschmann:
Furchtbar. Du wusstest ja nicht, ob du dich wiedersiehst. Ob ich ins Gefängnis gehe, erschossen werde. Ich glaube aber, für die Dagebliebenen war es schwieriger, weil es für mich Schlag auf Schlag ging, ich konnte nicht viel nachdenken.

Herr Kurz, Herr Zolcer, wieso haben Sie für den Beitrag, den Sie drehen wollten, genau diese Leute angesprochen?
Friedrich Kurz:
Wir haben vor der Budapester Botschaft gedreht. Dort sahen wir vier junge Menschen: sportlich, gesund, aktiv, tatendurstig – finster entschlossen, abzuhauen. Keine Kinder dabei. Jeanette stand ein bisschen abseits, die vier hatten sich gerade erst kennengelernt. Jeanette sagte wenig, und als ich sie fragte: »Warum willst du abhauen?«, antwortete sie: »Weil ich einmal in den Alpen Ski fahren will.« »Das ist doch kein Grund, deine Familie zu verlassen«, sagte ich. »Ach, das verstehst du nicht«, sagte sie. Da wussten wir noch nicht, dass Jeanette 1985 alpine Riesenslalom-Meisterin in der DDR war. Ich sagte dann zu ihr: »Wir wollen deine Flucht drehen; wenn du mitmachst, fahre ich in 14 Tagen am Hintertuxer Gletscher mit dir Ski.«

(Der Tagesthemen-Beitrag von 1989)

Frau Kretzschmann, hatten Sie als Sportlerin nicht viele Privilegien in der DDR?
Kretzschmann: In der DDR wurde abgewägt, in welchen Sportarten man die größten Chancen hatte. Bis Ende der Sechziger hatte die DDR ein alpines Olympia-Team, dann nicht mehr. Dieser Sport wurde nicht gefördert, wir mussten alles selbst finanzieren und organisieren. Der Firma, in der mein Vater gearbeitet hat, gehörte eine Skihütte, für die Betriebssportgemeinschaft. Die Skisachen hat mir meine Mutter genäht. In Oberwiesenthal gab es einen Wettkampfhang, vom Weltskiverband FIS eingestuft, am Fichtelberg, der ist 1214 Meter hoch. Wir durften aber nicht zu FIS-Turnieren ins Ausland. Für jemanden wie Katharina Witt sah die Sportlerzeit in der DDR natürlich anders aus: Sie war privilegiert.

War es für Sie als DDR-Sportlerin nicht besonders gefährlich zu fliehen?
Kretzschmann: Die Strafen waren immer gleich harsch. Ich war zum Glück nie in politischer Haft. Aber die, die das erlebt haben, waren gebrochene Menschen.

Herr Kurz, Herr Zolcer, was hat Sie dazu gebracht, diesen Beitrag zu drehen?
Kurz:
Ich hatte im Fernsehen gesehen, dass vereinzelt DDR-Flüchtlinge aus dem Zug in Wien aussteigen. Zu der Zeit rief mich ein Typ an, János Zolcer, ein freier ungarischer Filmer, und bot mir eine Bulgarien-Reportage über ein anderes Thema an. »Ich will nicht nach Bulgarien, ich will nach Ungarn!«, sagte ich. »Warte, ich rufe in einer halben Stunde wieder an«, sagte er. Dann erklärte er mir am Telefon: In Ungarn sei alles voll mit Fluchtwilligen, wir könnten doch zusammen mit ihnen fliehen. Was für eine Idee! Ich habe 5000 Mark abgehoben und bin losgefahren. Damals war ich noch freier Reporter, auf eigenes Risiko. Wir haben uns erst im Auto kennengelernt.

Wie haben Sie sich den Fernsehbeitrag vorgestellt?
Kurz: Auf dem Weg hat János per Telefonzelle ein ungarisches Filmteam organisiert, Kameramann, Tonmann. Wir sind nach Mörbisch am See in Österreich, wollten die Kamera durch den Eisernen Vorhang halten und Leute drehen, die durchspringen. Wir haben uns berauscht an dem Gedanken, wie es ist, wenn man plötzlich von dieser Welt in eine neue springt, von der Antiwelt in diese hier! Wir dachten: Erst laufen wir mit denen los, dann holen wir sie drüben ab. War natürlich ein Quatsch, das ist ein fünf Kilometer breiter Grenzstreifen, und da sprang auch keiner durch den Zaun. Also sind wir zur Botschaft nach Budapest: Hunderte Flüchtlinge campierten auf der Straße – die Botschaft hatte dichtgemacht, weil sie Angst hatten, gestürmt zu werden! Wir haben sofort die Kamera angeworfen. Ein Wasserschlauch hing über der Mauer der Botschaft, ein paar Klopapierrollen. Ein Junge schlief bei 36 Grad in einem Trabi. Dann haben wir die vier angesprochen. Wir haben bei der Botschaft verlangt, dass sich jemand um sie kümmert. Sie haben tatsächlich Pässe bekommen. Wir haben sie in unseren Zimmern im Hotel schlafen lassen und sind am nächsten Morgen im Auto an die Grenze gefahren. Danach konnten wir die vier nicht mehr allein lassen: Wir gehen mit, haben wir beschlossen. Eine Kamera gibt auch Schutz. Wir hatten das Filmteam und die kleine Sony 1000 dabei, die erste digitale Amateurkamera.
Kretzschmann: Ich bin zweimal nach Budapest, aber die Botschaft war wegen Überfüllung geschlossen. Ich musste zur Ausweichstelle, wo ich einen Zettel bekommen habe, wann ich wiederkommen soll. Zurück zum Campingplatz, und mein Vater: »Ob das gutgeht?« Wieder in die Ausweichstelle. Dort habe ich drei junge Leute aus Leipzig kennengelernt, der Fritz hat uns angesprochen, und wir haben tatsächlich Pässe bekommen! Ohne Einreisestempel allerdings, das heißt, sie waren ungültig: Echte Bundesdeutsche hatten einen Einreisestempel. Der Fritz sagte, er weiß, wie es zur Grenze geht. Und dann drüber! Mir war ganz schlecht. Ich dachte, ich habe Sommergrippe, so krank war ich vor Aufregung.
Kurz: Diese Pässe waren ein bisschen so was wie: Ja, die BRD will diesen Flüchtling haben. Obwohl sie ungültig waren. Der Pass war psychologisch wichtig für alle. Die anderen drei haben sich von ihrem Trabi verabschiedet. Wir hatten eine Riesenangst, als wir in dieses Grenzdorf Fertörákos gefahren sind. Aber Gemeinsamkeit gibt Sicherheit. Und die Verlockung des ultimativen Films, den noch nie jemand gedreht hat! Wenn das gelingt! Dann sind wir los. Am helllichten Tag, total bescheuert. Wir hatten Funkgeräte dabei, damit wir uns mit dem Kamerateam verständigen konnten: Wir wollten manchmal von weiter weg oder von Türmen drehen. Nach einer halben Stunde plötzlich: Schüsse. Warnschüsse.
János Zolcer: Die Grenzer hatten uns entdeckt und fingen an zu schießen. Ich sagte denen: »Wir drehen nur einen Film!« Das sei abgesprochen. »Könnt ihr uns nicht ein bisschen zeigen, wie ihr Flüchtlinge sucht?« Dann haben die für uns hinter Büsche geschaut – und uns gehen lassen.
Kurz: Wahnsinn, dass die uns haben laufen lassen. Es wurde dunkel, wir immer weiter, Hitze. Plötzlich kommen wir zu einer Nagelsperre auf dem Boden. Als wir drüberspringen wollen, stellt sich uns plötzlich ein Soldat mit einer Kalaschnikow in den Weg. Wir wurden verhaftet. Es kam ein Lastwagen, alle drauf. Die vier fingen an zu weinen. Wir sind in die Kaserne gefahren, wo noch andere Flüchtlinge saßen, total bekümmert. Wir: »Bitte schickt die nicht zurück in die DDR, wir nehmen sie mit nach Budapest!« Dann sahen wir Major Óvári, der guckte nur. Und nahm uns dann fünf Stunden in Haft.
Kretzschmann: Zum ersten Mal dachte ich an meine Eltern; wenn ich jetzt zurückgeschickt werde, was passiert mit ihnen? Unser gültiges Visum rettete uns. Es kam ein Offizier, der uns belehrte: Weil wir gültige Visa haben, dürfen wir uns weiter in Ungarn aufhalten. Er erwartete aber von uns, dass wir es nicht ein zweites Mal versuchen, denn dann ist Schluss! Der Fritz und der János waren dann plötzlich weg, ich dachte schon, ja toll, die Geschichte haben sie, klar, dann hauen sie ab.
Kurz: Ich habe gesagt, ich muss kurz raus, aufs Klo, und habe von außen gefilmt: die Kaserne, den Vollmond. Na, und der Zolcer hat währenddessen mit dem Major verhandelt.
Zolcer: Es war ein Vorteil, dass ich Ungarisch sprach. Wir haben uns zwei Stunden unterhalten. Plötzlich, als keine anderen Soldaten dabei waren, hat er mich zur Seite genommen und mir eine Karte gezeigt: »Geht da lang, durch den Wald, ein Stück weiter weg, in diese Richtung. Da sind keine Soldaten. Geht in der Nacht. Duckt euch. Da sind Löcher im Stacheldraht. Lauft nicht über freie Felder!«

Major Óvári, warum haben Sie das getan?
Gusztáv Óvári:
Ich wollte ihnen helfen.

Warum?
Óvári:
Wir hatten schon früher viele DDR-Flüchtlinge festgenommen, die ich gefragt habe: »Warum willst du weg?« – »Ich habe Familie drüben, ich will zu meiner Familie.« Warum dürfen die nicht zu ihrer Familie?, habe ich mich gefragt. Sollen sie doch gehen!

Hätten Sie dafür bestraft werden können?
Óvári:
Wenn mich jemand angezeigt hätte, wenn jemand Beweise gehabt hätte, dass ich Fluchthilfe geleistet habe – natürlich.

Wurden Sie nicht von der Staatssicherheit beobachtet? Hatten Sie keine Angst?
Óvári:
Doch, wir wussten, dass es ein, zwei Personen gab, die für die Chefs in Budapest gearbeitet haben. Und dass wir jeden Tag berichten müssen.

Frau Kretzschmann, dann sind Sie freigelassen worden?
Kretzschmann:
Ja, wir waren total fertig. Aber dann kam die erlösende Nachricht von den Reportern: Der Major hat uns gesteckt, wie es geht! Dann war kurz Verhandlung in unserer Gruppe: Gleich wieder, oder noch mal schlafen? Wir sind gleich wieder los. Fritz sagte, er läuft mit: Das gab mir Sicherheit. János sollte mit dem Auto drüben auf uns warten. Und ich dachte noch: Die Chinesen schießen vor laufender Kamera, die Ungarn nicht!
Kurz: Wir ins Auto, zum Wald gefahren, den uns Óvári genannt hatte. Wir hatten nur den Vollmond als Kompass im Rücken. Wir wussten: Mörbisch liegt vor uns, fünf Kilometer. Der Wald war so dicht. Eulen sind aufgeflogen, man fiel in Löcher. Wie im Tanz der Vampire. Ich habe nichts gesehen außer dem gelben Rucksack neben mir. Wir haben es immer knistern hören, haben uns geduckt und gelauscht. Dachten, uns verfolgen Soldaten, die uns dann kurz vor der Grenze zur Strecke bringen. Dann bellten Hunde, es war schrecklich. Plötzlich: eine freie Wiese, mittendrin eine Hecke. Darin steckte eine riesige Stacheldrahtrolle. Die erste Stacheldrahtreihe war entfernt, aber diese war in der Hecke eingewachsen. Davor so ein Drahtgeflechtzaun, den haben wir ausgebuddelt. In den Stacheldraht haben wir ein Loch gemacht, der Draht war verrostet, irgendwie sind wir durch. Und plötzlich war dieser knallhelle Mond weg! Vor uns ein riesiges leeres Feld, und der Mond war weg! Später haben wir gehört, dass wir am Abend der Mondfinsternis geflohen sind. Ich hatte schon an ein Wunder geglaubt. Vorher hell und klar, und dann, als wir es gebraucht haben, stockdunkel. Dann waren da plötzlich ganz viele Drahtreihen, wir mussten uns andauernd bücken.
Kretzschmann: Dass das ein Weinfeld war, haben wir erst viel später herausgefunden. Wir dachten, es sei eine perfide Anlage des Grenzschutzes.
Kurz: Wir haben János im Walkie-Talkie gehört: »Fritz, wo bist du?« Er hat immer versucht, uns zu beruhigen. Kretzschmann: Irgendwann konnten wir ihn nicht mehr hören, er war zu weit weg.
Kurz: Ich bin vorausgegangen, plötzlich eine Straße: mit einem gelben Streifen drauf! Wir hatten 50 Stunden nicht geschlafen, die Flucht durch den Wald allein dauerte fünf Stunden, wir waren total übermüdet, verschwitzt, voller Angst. Ich habe schon weiße Mäuse gesehen. Dann kommen wir raus. Und sehen gelbe Fahrbahnmarkierungen: Österreich! Wahnsinn, wir haben es geschafft! Es war noch dämmrig, bald wurde es grau, dann dunkelrot, orange, golden, die Sonne ging auf. Sechs Uhr früh, die Kirchturmuhr schlägt. Dann plötzlich deutsche Touristen, mit Beuteln voll Wurstbroten. Wir total verwirrt. Die: »Wir kommen jeden Morgen hierher, den Flüchtlingen was zu essen geben!« Das waren Urlauber, die sich spontan solidarisch zeigten. »Dort drüben ist die Polizeistation, da könnt ihr euch melden«, sagten sie. Die Polizeistation war offen, aber ohne Polizisten. Nur ein paar andere Flüchtlinge, die geweint haben. Es lag ein Flüchtlingsbuch auf dem Tisch, in das man sich eintragen konnte. Dreihundert Namen standen schon drin. Dann kam János mit dem Auto, der legal über die Grenze gefahren war, und filmte, wie wir uns in den Armen lagen.

Wie war das, als Sie begriffen haben: Jetzt bin ich in Österreich?
Kretzschmann:
Komisch. Der János filmte, der Fritz hat nur gelacht, ich konnte es nicht glauben. Der János hatte unsere Taschen im Auto mitgenommen, mit Kleidung zum Wechseln, und als wir drüben waren, nach stundenlangem Rennen, Ducken, Zittern, total fertig, war ich so froh, dass meine Tasche da ist. So blöd, oder? So was Unwichtiges! Du hast dir die Freiheit x-mal vorgestellt. Und dann denkst du nur: Wo ist meine Tasche? Während der Flucht hat es die ganze Zeit auch so geraschelt hinter uns, wir hatten große Angst, dass das Grenzer sind. Aber es waren nur andere Flüchtlinge, die ein paar Meter hinter uns angekommen sind.
Kurz: Wir haben uns in das Buch eingetragen, dann ein Restaurant gesucht. Wir haben eins gefunden, mit einem Rosengarten.
Kretzschmann: In dem Restaurant habe ich zum ersten Mal RTL gesehen. Dann habe ich beim Campingplatz meiner Eltern angerufen und nur gesagt: Ihr wisst Bescheid, alles gut.

Der Beitrag, der im Westfernsehen lief, fing ungefähr mit den Worten an: »Heute fiel der Eiserne Vorhang …«

Major Óvári, wie sah die Grenze damals aus, wie muss man sich das Stück Eisernen Vorhang zwischen Ungarn und Österreich vorstellen?
Óvári: Die Grenze ist etwa 360 Kilometer lang. Vor Mai 1989 war sie hermetisch abgeriegelt, gesichert mit Wachtürmen, Stacheldraht, Zäunen, deren Drähte elektrische Warnanlagen waren – wenn jemand die Drähte berührte, wurden Signalraketen und Alarmsignale ausgelöst. Die Soldaten pat-rouillierten mit Schäferhunden, und es gab Einheiten auf Booten für den Neusiedler See. Allerdings war der Grenzstreifen zwischen Österreich und Ungarn nicht mehr vermint, es gab sogar einige Bauern, die die Genehmigung hatten, im Niemandsland Felder zu bestellen. Und der Schießbefehl war schon seit 1985 ausgesetzt. Wir hatten die Anweisung, die Grenze zu schützen und Flüchtige festzunehmen, zu melden und zurückzuschicken. Aber nicht, auf sie zu schießen.

Ab Mai 1989 wurde der Eiserne Vorhang langsam abgebaut. Das war der Startschuss für viele DDR-Bürger, die Flucht über Ungarn zu wagen.
Óvári
: Die Regierung Miklós Németh wollte den Eisernen Vorhang nicht mehr betreiben – aus Kostengründen. Gorbatschow hatte das gebilligt. Immerhin hatte Ungarn zu dieser Zeit schon Reisefreiheit. Dann gab es im Juni 1989 einen Pressetermin, wo man sah, wie der ungarische Außenminister Gyula Horn und der österreichische Außenminister Alois Mock symbolisch den Zaun durchschnitten.Kurz: Ich erinnere mich an den Beitrag, der im Westfernsehen lief. Er fing ungefähr mit den Worten an: »Heute fiel der Eiserne Vorhang …« Jetzt wussten die, die das gesehen hatten: Es geht, wenn man nach Ungarn kommt und es drüberschafft. Dann begannen die Sommerferien in der DDR, Juli 1989. Und die ersten Fluchtwilligen reisten auf die Campingplätze.

Haben Sie viel über die DDR-Flüchtlinge gesprochen unter den Soldaten?
Óvári:
Das war unser tägliches Thema. Wir konnten natürlich nicht als Regel aufstellen: Wenn die kommen, lassen wir sie rüberlaufen! Unser Befehl lautete, illegale Grenzübertritte zu verhindern.

Stritten die Grenzer darüber, wie die Flüchtlinge zu behandeln waren? Gab es kommunistische Hardliner unter den Soldaten?
Óvári: Nein, wir waren uns weitgehend einig. Vor 1985 sollten wir Grenzübertritte auch mit Gewalt, also mit dem Gewehr verhindern. Wenn es jemand wie auch immer über den Zaun geschafft hatte, blieb er ja noch in Ungarn, juristisch hätten wir die Menschen dann abschießen können. Aber das gab es nie. Als 1985 der Schießbefehl ausgesetzt wurde, hieß das: Der Soldat schießt nur, wenn er sich wehren muss. Wenn ein Soldat bei einem illegalen Grenzübertritt also nicht geschossen hatte, wurde er nicht bestraft. Vor 1985 schon, aber da haben wir meistens nur Warnschüsse in die Luft geschossen. Dann sind die meisten Menschen stehengeblieben.

Aber die Menschen, die Sie 1989 verhafteten, wurden nicht in die DDR zurückgeschickt?
Óvári:
Nein, unsere Aufgabe war nur, sie nach Ungarn zurückzuschicken – wenn sie ein gültiges Visum hatten. Bei illegalem Grenzübertritt lautete die Handlungsanweisung: Festnahme, Daten aufnehmen, Daten in unsere Kreisstadt Sopron schicken.

Vor 1985 schickte Ungarn die DDR-Bürger aber wieder zurück – damals saßen viele im Gefängnis, die eine Flucht über Ungarn gewagt hatten.
Óvári: Vor 1985 gab es eine Vereinbarung zwischen der DDR und Ungarn: Wenn ein Ungar in der DDR festgenommen wurde, wurde er nach Ungarn ausgeliefert, und umgekehrt. Das war eine Vereinbarung zwischen allen sozialistischen Ländern. Aber im Zuge der Entspannung unterschrieb Ungarn die Genfer Konvention und konnte sich darauf berufen, Menschen nicht an die DDR auszuliefern, weil sie dort in Haft gingen.

Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Frau Kretzschmann geflüchtet ist?
Óvári:
Ganz klar habe ich ihn nicht vor Augen, Festnahmen waren die tägliche Praxis. Natürlich erinnere ich mich an die Filmer: die ersten festgenommenen Journalisten.

Hatten Sie Mitleid mit den Menschen, die so voller Angst waren?
Óvári:
Nach meiner Auffassung sollten sie menschlich behandelt werden, was zu essen und zu trinken bekommen. Wir haben keine Handschellen benutzt und wollten nicht ständig Warnschießereien haben – wir wollten auch das Dorf ruhig halten.

Der Beitrag der Flucht lief fünf Tage später, am 22. August, in den Tagesthemen. Darin sind auch Sie zu sehen, das Interview machte János Zolcer ein paar Tage nach der Flucht. Sie sagen: »Wenn jemand schneller ist als meine Soldaten und den Stacheldraht erreicht – dann haben wir keine Möglichkeit einzugreifen. Wir wenden keine Gewalt an.« War Ihnen klar, dass auch viele DDR-Bürger diesen Beitrag sehen konnten?
Óvári: Nein, überhaupt nicht. Heute im Nachhinein weiß ich das.
Zolcer: Ich musste Major Óvári erst überzeugen, dieses Interview zu geben. Ein Glück, dass er es getan hat.

Sind die ungarischen Soldaten, die auf die Massenfluchten so besonnen und ruhig reagiert haben, Helden der deutsch-deutschen Geschichte?
Óvári:
Wir haben nur das getan, was unsere Pflicht war. Ich habe meinen Soldaten den Befehl gegeben, nicht mit den Flüchtlingen zu kämpfen. An anderen Stellen an der ungarischen Grenze kam es zu Kampfhandlungen – hier habe ich das verboten. Wir haben nicht gewusst, dass das später so eine Sensation wird: dass die Mauer fällt. Wir waren hier 70 Grenzsoldaten, viele sehr junge, 20-Jährige. Mir war wichtig, dass sie nicht in einen Konflikt geraten mit den Flüchtlingen. Sie waren unerfahren, es geht schnell, dass man einen Fehler macht und das ganze Leben damit klarkommen muss, jemanden erschossen zu haben.

Tatsächlich ist ein paar Tage nach Ihrer Flucht, am 21. August, ein DDR-Bürger an der ungarischen Grenze getötet worden: der letzte Todesfall eines Menschen, der von Osteuropa in die Freiheit fliehen wollte.
Kurz: Es war gefährlich, über die Grenze zu gehen. Doch das scheint ein tragischer Unglücksfall gewesen zu sein: Er ist mit Frau und Kind geflüchtet, wollte den Grenzer davon abhalten, die beiden zu verfolgen. Es kam zum Kampf, dabei löste sich ein Schuss.
Zolcer: Auch ein 14-jähriges Mädchen wurde verletzt, durch einen Splitter, ausgelöst von Warnschüssen, als eine Gruppe Flüchtlinge mit weißen Fahnen erfolglos versuchte, über die Grenze zu stürmen.

Frau Kretzschmann, haben Sie von dem Todesfall gehört, so kurz nach Ihrer Flucht?
Kretzschmann:
Nein, da war ich schon im Westen und hatte ganz andere Dinge im Kopf. Aber im Februar war noch ein junger Mann an der Mauer erschossen worden, daran dachte ich die ganze Zeit. Im Februar stirbt jemand an der Mauer, und du läufst im August durch diese Felder, in Todesangst. Jetzt, wo wir uns wieder an diesem Ort getroffen haben, habe ich körperliche Probleme, richtige Magenschmerzen. Damals haben auch alle geweint, die drüben in Österreich rausgekommen sind. Lachen und Weinen liegen so nah beieinander. Es war eine ungeheure Anspannung: das alles zu ertragen, wenn du die Freiheit so nah vor Augen hast. Die Vögel zwitschern, die Welt ist so normal um dich rum. Die Grillen zirpen. Und du läufst um dein Leben.

Hatten Sie Angst vor den Grenzsoldaten?
Kretzschmann:
Sehr. Wir wussten ja nicht, wie sie reagieren. Besonders vor den jungen. Sie waren aggressiver, ungestümer, arbeitsamer. Ja, ich erinnere mich, dass wir vor den jungen große Angst hatten.

Major Óvári, hat Sie das Dorf in Ihrem Handeln gegenüber den Flüchtlingen unterstützt?
Óvári:
Fertörákos heißt auf Deutsch Kroisbach, hier gibt es viel deutsches Blut. Das ganze Dorf hier hat die Flüchtlinge unterstützt. Das wussten wir auch. Und wir wussten, wer die Leute sind, die den Leuten rübergeholfen haben, die Schlepper, gegen Geld. Aber sogar der Bürgermeister von Mörbisch hat DDR-Bürger von Fertörákos nach Mörbisch geführt. Er wurde auch kurz verhaftet, im Juli 1989. Die Österreicher auf der anderen Seite der Grenze haben auch geholfen: Als es richtig losging, hing drüben alle 50 Meter eine österreichische Fahne an den Häusern – damit die Flüchtlinge sehen, wenn sie aus dem Wald kommen: Okay, wir sind schon drüber! Viele Österreicher haben in der Nacht Leuchtsignale in Rot und Weiß gesendet, damit die Flüchtlinge wissen, in welche Richtung sie laufen müssen.
Kurz: In einige Gräben in dem Grenzstreifen waren auch Strohballen hineingeworfen, daran erinnere ich mich.
Óvári: Wahrscheinlich haben die Bauern aus dem Dorf sie reingeworfen. Sogar die Mutter eines Grenzers hat Flüchtlinge aufgenommen. Sie hatte lange noch zwei Koffer von DDR-Bürgern zu Hause, die sie dagelassen hatten. Fünf Jahre nach der Wende kam ein Filmteam, sie hat sie ihnen gezeigt, mit der Bitte: Holt endlich eure Koffer ab! Aber das ist nie passiert.

Wie viele sind insgesamt geflüchtet hier in der Region?
Óvári:
In den vier Monaten haben wir etwa 800 Flüchtlinge festgenommen, die namentlich erfasst wurden. Ich denke, doppelt so viele sind geflohen, und beim Paneuropäischen Picknick noch mal mehrere Hundert. Am Ende haben wir aber oft nur noch auf einem weißen Blatt Papier Datum und Uhrzeit aufgeschrieben, ohne Namen. Es war nicht mehr der Zeitpunkt, konkrete Angaben weiterzuleiten. Ab dem 11. September hat Ungarn den DDR-Flüchtlingen schließlich ohne Einverständnis der DDR die Ausreise über Österreich gewährt. Innerhalb von drei Tagen sind dann 15 000 DDR-Bürger über die Grenze.

Das Paneuropäische Picknick war eine Veranstaltung der ungarischen Reformbewegung am 19. August. Als Geste der Entspannung sollte für drei Stunden der Grenzzaun geöffnet werden, damit Österreicher und Ungarn über die Grenzen spazieren können.
Zolcer:
Die Reformpolitiker Otto von Habsburg und Imre Pozsgay wollten das machen, so in der Art: Kochen wir Gulaschsuppe, braten wir Speck, machen wir ein Picknick. Dabei wollten sie die Grenze öffnen. Warum nicht, sagte Miklós Németh. Dann tauchten plötzlich »Wanderkarten« mit deutschem und ungarischem Text auf, die sich die Fluchtwilligen zugesteckt haben, wie man dorthin kommt. Und 600 Flüchtlinge sind rübergestürmt, ungehindert von den Soldaten. Auch dieser Beitrag wurde in den Westmedien gezeigt. Heute steht dort ein Denkmal mit der Inschrift: »Am 19. August öffnete ein unterdrücktes Volk das Tor seines Gefängnisses, um einem anderen unterjochten Volk zur Freiheit zu verhelfen.«

Medienwissenschaftler und Historiker sind sich heute über die große Rolle der Medien in dieser Zeit einig. Die Wende wird als erste »Medienrevolution« bezeichnet, eine durch die Wechselwirkung mit Medienberichten ausgelöste Revolution. Herr Zolcer, Herr Kurz, wann haben Sie erfahren, dass Ihr Beitrag vom 22. August eine große Wirkung auf die DDR-Bevölkerung hatte?
Zolcer:
Ein paar Tage später schon. Wir haben noch weitere Beiträge gedreht, im Flüchtlings-Zeltlager von Zugliget, und fast jeder, den wir interviewt haben, hat gesagt: »Wir sind gekommen, weil wir das in den Tagesthemen gesehen haben. Es gibt kaum noch Stacheldraht!« Viele haben dadurch erst den Mut bekommen zu tun, was sie sich wünschten: die DDR zu verlassen.

Wollten Sie das denn: anderen Mut machen, eine Anleitung zur Flucht geben?
Kurz:
Nein. Uns war die Situation in der DDR völlig unklar. Die Leute, die nach Ungarn kamen, hatten Angst. Auch, mit uns zu sprechen. Wir sind in die Zeltlager zeitweise gar nicht eingelassen worden, weil die DDR-Bürger solche Angst hatten. Die wussten ja nicht, wer ist Stasi, wer ist Westmedien. Die waren einfach sehr vorsichtig.

Haben Sie denn gewusst, dass ein Großteil der DDR-Bevölkerung Westfernsehen gesehen hat?
Kurz:
Genau wussten wir das nicht. Wir wollten einfach eine gute Geschichte machen. Und wir wollten, dass der Beitrag so schnell wie möglich gesendet wird. Wir haben die einzige Komplettbegleitung gedreht. Vorher sah man immer nur das Loslaufen oder Aus-dem-Zug-Steigen, wenn sie schon in Wien waren. Aber diese ikonischen Bilder, das Laufen, angsterfüllt, das waren unsere. Diese Bilder sieht man oft, wenn es um das Thema geht. In ZDF History mit Guido Knopp zum Beispiel: Der Traum von Budapest. Es gibt wenige Bilder, die noch wertvoller sind, von der Bornholmer Brücke etwa, als die Mauer fiel – das hat Spiegel TV gedreht: die echte Maueröffnung.

Wie hatten Sie sich eigentlich auf die Flucht vorbereitet?
Kurz:
Überhaupt nicht. Ich hatte nur Turnschuhe an. Und mein Hemd mit aufgedruckten Schlagzeilen, so ein modisches Teil, journalistenmäßig. Ich war total unerfahren. Der Beitrag hat meinem und János’ Leben dann eine Wendung gegeben. Später war ich in vielen Krisengebieten, Sarajevo, Sudan, bei der Geiselnahme von Jolo – ich habe ein Drittel meines Lebens in Kriegen verbracht.Zolcer: Für mich war es der Beginn meiner Karriere als politischer Filmer. Später habe ich über diese Tage im August mit allen sprechen können, George Bush, Michail Gorbatschow, Miklós Németh.

Frau Kretzschmann, im Beitrag sieht man, dass Sie auf der Flucht ein T-Shirt tragen mit einem Schmetterling darauf. Haben Sie das bewusst angezogen?
Kretzschmann: Meine Freundin hat es mir geschenkt, die schon Jahre zuvor mit der Familie aus der DDR ausgereist war: Es kam also aus dem Westen! Ich habe sie in Budapest kurz vor der Flucht getroffen. Mir war aber nur wichtig, dass es praktisch war, langärmelig, wegen des Gestrüpps. Dass es einen Schmetterling zeigte, war ein Zufall.

Im Beitrag sieht man, dass Ihre Begleiter damals eher unpraktisch für die Flucht gekleidet waren.
Kretzschmann: Darüber habe ich während der Flucht auch mal kurz nachgedacht, einer hatte ganz kurze Hosen an. Leider haben wir nach der Flucht den Kontakt verloren, die anderen sind in alle Himmelsrichtungen geblasen worden – ich habe sie nie wiedergesehen.

Sie alle haben in dieser Nacht Entscheidungen getroffen, die das Leben anderer Menschen beeinflusst haben. Denken Sie manchmal an die Menschen, denen Sie geholfen haben, Major Óvári?
Óvári:
Ich habe gesehen, wie die Menschen geweint haben, wie sie Angst hatten. Es geht doch nicht, dass ich in diesen Menschen Feinde sehe. Ich würde das Gleiche wieder tun. Dass Jeanette heute mit gutem Herzen an mich denkt, ist eine große Freude für mich.

Eine Frau haben wir viermal hintereinander festgenommen – wir haben nur noch gebetet: Bitte, bitte hilf ihr, Gott, dass ihr das endlich gelingt!

Haben Sie das Gefühl, dass alle, die Sie damals festgenommen haben, es wieder versucht – und geschafft haben?
Óvári:
Da bin ich mir sicher. Weg, weg, weg, alle sind sie weg! Eine Frau haben wir viermal hintereinander festgenommen – wir haben nur noch gebetet: Bitte, bitte hilf ihr, Gott, dass ihr das endlich gelingt! Dann ist sie nicht mehr aufgetaucht, ein Stein fiel uns vom Herzen! Es war für uns Offiziere eine große Sorge, dass die jungen Soldaten bloß keinen Mist bauen.
Kretzschmann: Als wir in Haft in der Kaserne saßen, hat uns ein Soldat ein Video eingelegt: Beverly Hills Cop II. Daran erinnere ich mich genau.
Óvári: Gastfreundschaft, ungarische Art.

Sie waren fünf Stunden in Haft. Wozu dieses lange Festhalten? Um zu sagen: Hallo, hier gibt es noch eine Grenze?
Óvári:
In Sopron war ein Oberbefehlshaber, dem wir das melden mussten. Dass das bei diesen Flüchtlingen so lange gedauert hat, lag an euch: Wir haben hier auch zwei Journalisten, was machen wir mit denen? Wir hatten noch nie Journalisten beim illegalen Grenzübergang festgenommen. Von oben ist gekommen, dass wir ihnen einbläuen sollen, das nicht zu wiederholen.

Was geschah mit all den Autos, die die Flüchtlinge stehen ließen? Die Straßen säumten unzählige zurückgelassene Trabis.
Óvári:
Das war eine Schande für Ungarn. Nach ein paar Stunden waren sie ausgeweidet: organisierte Banden, die mit Lastwagen gekommen sind.

Frau Kretzschmann, wie ging Ihr Leben nach der Flucht weiter?
Kretzschmann:
Wir sind nach München, zum ersten Mal ins Konsumparadies, das wollten die natürlich filmen. Dann hat mich der Fritz zu meinen Verwandten nach Ansbach gefahren. Sie haben mir 100 Mark geschenkt. Und von meiner Freundin habe ich Klamotten bekommen. Damit ging mein neues Leben los.

Wie war das erste Mal in einem westlichen Kaufhaus?
Kretzschmann: Bunter, lauter, vielfältiger. Aber Einkaufen war mir zu viel. Das Konzept »Shoppen« gab es in der DDR nicht. Wir waren mal im Buchladen oder haben ein Eis gegessen. Wir wurden auch getäuscht: In der DDR hieß es, dass die armen Verkäuferinnen bei C&A so wenig verdienen, dass sie sich das, was sie verkaufen, niemals leisten könnten, so ein Quatsch. Aber mir war es einfach zu viel. Ich brauche auch heute noch keine 50 Joghurtsorten. In der DDR war es ein Ding, an bestimmte Krimis zu kommen, wir waren ständig in der Bibliothek. Das aber genieße ich heute sehr: unter wie vielen Krimis ich auswählen kann!

Was haben Sie als Erstes gekauft?
Kretzschmann:
Ein paar Turnschuhe. Nur das Notwendigste. Ich habe das Geld gehortet, wollte alles auf die Reihe kriegen. Ich konnte zum Glück bei meinen Verwandten so lange wohnen, wie ich wollte, es wurde ein Vierteljahr. Dann musste ich auch erst mal mein Diplom aus der DDR schmuggeln lassen. Zur feierlichen Übergabe ging meine Mutter mit meiner Schwester und sagte, ich sei krank. Aber eine Kommilitonin hat gerufen: »Das kann nicht sein, weil ich die gestern in den Tagesthemen gesehen habe: Die ist geflohen!« Meine Mutter hat das Diplom geschnappt und ist sofort abgedampft, ihr ist echt das Herz in die Hose, sie hatte total Angst, dass die mein Studium für null und nichtig erklären – haben die ja gern gemacht. Die Tante meiner Freundin, die schon Jahre früher ausgereist war, hat das Diplom in der Unterhose bei einem Besuch aus der DDR geschmuggelt. Dann habe ich einen Wahnsinns-Papierwust machen müssen, Anerkennung als Flüchtling, damit man ein zinsloses Darlehen kriegt. Davon habe ich den Führerschein gemacht. In der DDR hast du keinen Platz in der Fahrschule bekommen, und das war auch sehr teuer.

Sie haben 23 Jahre in der DDR gelebt, 25 Jahre in der BRD. Wie viel DDR steckt noch in Ihnen?
Kretzschmann:
Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand ein Buch aufgeschlagen auf seine Seiten legt.

Warum?
Kretzschmann:
In der DDR waren Bücher selten und kostbar, und wenn man sie so hinlegt, kann der Rücken brechen. Ich binde auch jeden Uni-Wälzer meines Sohnes in Klarsichtfolie ein. Und ich wasche Plastikfrühstücksbeutel aus und benutze sie wieder. Außerdem liebe ich Florena-Creme. Und natürlich Bananen. Klar, ist ein Klischee, ist aber so.

Weiß Ihr Sohn, wie Sie geflohen sind?
Kretzschmann: Er wusste, dass ich aus der DDR bin, aber nicht, wie. Ich habe ihm erst im Zuge Ihrer Interview-Anfrage davon erzählt. Er hat sich den Beitrag dreimal hintereinander angeschaut. Und ist dann ganz erschüttert und still ins Bett gegangen. Er ist 20, hat die Wende in der Schule gehabt, klar, auch die Ungarn-Fluchten. Aber wie das war, kann sich kaum einer vorstellen: die Hitze, das Gestrüpp, der Stacheldraht, das Laufen, die Angst. Die Tränen. Am nächsten Tag hat er gesagt: »Mama, ich hätte mich das nicht getraut.«

Wie ist das Gefühl, wenn man unter Angst und Gefahr geflüchtet ist – und drei Monate später dürfen plötzlich alle raus?
Kretzschmann: Das ist völlig in Ordnung. Für mich war es dieser Zeitpunkt. Und diese Fluchten waren wichtig – sonst wäre das alles vielleicht nicht so weit gekommen. Darauf haben mich schon viele angesprochen: »Na, du bist ja blöd!« Aber das hat man damals nicht gewusst. Ich wollte nicht mehr warten oder anfangen zu arbeiten und mal schauen, wie es sich entwickelt. Ich wollte dort nicht mehr leben.

Haben Sie in der BRD schnell einen Job gefunden?
Kretzschmann: Ja, zum Glück. Mit meinem Studium, Textilwirtschaft mit BWL, war das kein Problem – gut, politische Ökonomie gab es obendrauf, aber Baumwolle ist Baumwolle, egal wo auf der Welt. Nach der ersten Firma bin ich relativ schnell zu Quelle gewechselt, wo ich 20 Jahre Einkäuferin war – na ja, und man weiß ja, was dann geschah.

Dann wurden Sie eine von den berühmten gekündigten Quelle-Frauen. Ganz schön viel Ost-/Westgeschichte in Ihrem Leben.
Kretzschmann: Ich hatte Glück: Ich war keinen Tag arbeitslos, habe sofort was gefunden. Viele Kollegen nicht. Aber das war schon interessant: wie man so abgewickelt wird.
Zolcer: Die Geschichte kann schon freche Schnippchen schlagen! Zum Beispiel die Straße, die jetzt zwischen Fertörákos und Mörbisch am See verläuft, die früher im Grenzgebiet lag: Sie ist heute geöffnet. Aber nur für Fahrradfahrer und Pferdekutschen. Der nächste Übergang, über den man mit dem Auto kann, ist vom Dorf zehn Kilometer entfernt. Wenn Major Óvári nach Mörbisch am See und zurück will, muss er also 20 Kilometer fahren. Die Óváris müssen aber jede Woche zwei-, dreimal dorthin, zu Verwandten, zum Arzt. Also fährt Frau Óvári mit ihrem kranken Mann immer über diesen verbotenen Weg, mit 50 Euro in der Tasche, so viel kostet die Strafe. Óvári hat 20 Jahre lang diese Grenze bewacht – heute muss er selbst durch das Grenzgebiet geschmuggelt werden.
Frau Kretzschmann, Herr Kurz, sind Sie denn am Ende tatsächlich zum Skifahren?
Kretzschmann:
Ja, auf dem Hintertuxer Gletscher, wie versprochen.
Kurz: Du hast im Lift geweint.Kretzschmann: Ja, ich habe geweint.Kurz: Ich habe in dieser Zeit im August viele Menschen gefragt, warum sie fliehen. Einer war Klarinettist, er sagte, er komme an bestimmte Mundstücke nicht ran. »Das ist doch kein Fluchtgrund!«, sagte ich. Er: »Ich habe Musik studiert, die klingen einfach viel besser, verstehen Sie das nicht?« Ich habe das tatsächlich erst viel später verstanden: Das System hat die Menschen gestoppt, auch wenn es kleine Dinge waren. Jetzt reicht es mir, dachten sie. Wer will denn in einem System leben, das so kleinkariert ist, einem ein Mundstück zu verweigern?
Kretzschmann: Du steigerst dich auch in die profanen Dinge rein. Weil das ein Angriff auf deine Persönlichkeit ist. Es zeigt dir im Kleinen: Egal, was ich machen will, das System hindert mich. Ich habe immer hart trainiert, Ausdauer, Kraft, jede freie Minute auf den Skiern. Und darf in meinem Leben nie auf einen hohen Berg?

Wie war es dann, das erste Mal auf einem Gletscher?
Kretzschmann: Ich war sprachlos. Das war mein Lebenswunsch: einmal vom Mittelgebirge in die Alpen. In Hintertux trainierte auch der bayerische Skiverband.

Wollten Sie noch mal einsteigen in den Leistungssport?
Kretzschmann
: Ich habe kurz überlegt, aber finanziell und organisatorisch war das nicht möglich. Aber von der Rosi Mittermaier habe ich ein Paar Skistöcke geschenkt
bekommen, pinkfarbene Leki-Stöcke, mit denen fahre ich heute noch. Und Reinhold Messner war da und hat mir sein damals neues Buch geschenkt, mit Widmung. Ich glaube, es war ihm gar nicht klar, was der Titel für mich bedeutete, eigentlich meinte er für sich ja was ganz anderes damit: »Die Freiheit, aufzubrechen, wohin ich will«.

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Wie sich die Bürger von der DDR befreiten: Eine kurze Chronik

Ab Mai 1989
Die reformwillige ungarische Regierung baut ihre Grenze ab, den »Eisernen Vorhang«. In den Sommerferien fliehen Hunderte DDR-Bürger über Ungarn. Zeitgleich besetzen Tausende die Botschaften der BRD in Prag, Budapest und Warschau, um ihre Ausreise zu erzwingen.

11. September 1989

Die ungarische Regierung öffnet die Grenze zu Österreich auch für DDR-Bürger - ohne Einwilligung der DDR-Regierung. Tausende DDR-Bürger belagern weiter die westdeutsche Botschaft in Prag.

30. September 1989
Der Außenminister der BRD, Hans-Dietrich Genscher, verkündet vom Balkon der Prager Botschaft, dass die DDR-Bürger ausreisen dürfen.

17. Oktober 1989
Erich Honecker tritt zurück. Sein Nachfolger Egon Krenz kündigt eine »Wende« an, aber die Demonstrationen für freie Wahlen und Reisefreiheit weiten sich aus.

9. November 1989
Günter Schabowksi, Sprecher des SED-Zentralkomitees, kündigt die Reisefreiheit für alle DDR-Bürger an (»Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich«). In der Nacht stürmen die Menschen die deutsch-deutsche Grenze und tanzen auf der Mauer.

Den »Tagesthemen«-Beitrag und weitere Filmaufnahmen der Flucht können Sie auf unserer Internetseite ansehen unter www.sz.de/fluchtausungarn

(Filmstills: Friedrich Kurz & János Zolcer)

Fotos: Julian Baumann

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