Ein ertränktes Leben

Matthias ist schwerer Alkoholiker. Er leugnet es, verschanzt sich, lehnt jede Hilfe ab seit Jahrzehnten. Bald wird er wohl sterben. Sein Bruder erzählt ihre gemeinsame Geschichte.

Im Februar habe ich meinen Bruder Matthias das letzte Mal gesehen. An einer roten Ampel, ein paar Meter von seiner Wohnung entfernt. Ich saß im Auto, er ging rechts vor mir auf dem Gehsteig, über einen Rollator gebeugt, die Beine dünn wie Stecken, die Haare lang und strähnig. Ich habe mich nicht bemerkbar gemacht. Es erschüttert mich zu sehr, dass er mich wohl nicht mehr erkennt: Neun Monate zuvor, als ich ihn das vorletzte Mal sah, an derselben Ampel, habe ich ihm noch zugewinkt. Er versuchte gerade, die Tür einer Telefonzelle zu öffnen, und schaffte es nicht. Er merkte wohl, dass jemand was von ihm wollte, und schaute mich mit offenem Mund und leerem Blick an – als könne er mich nicht mehr einordnen. Zu Hause habe ich geheult.

Dass wir verabredet waren und einander gegenübersaßen, liegt acht Jahre zurück. Kurz nach der Beerdigung unserer Mutter hatten wir einen Termin bei der Bank. Es ging um ihr Testament und um unser Erbe. Als er kam, roch er so schrecklich nach Bier und Schnaps, dass die Bankangestellte das Fenster öffnete, obwohl er versuchte, seine Fahne mit einem Pfefferminzbonbon zu neutralisieren. Er hat gepoltert und geschimpft, dass ich ihn um sein Erbe betrügen würde und es gewagt hätte, ihn unter Vormundschaft zu stellen. Mein Bruder ist seit vielen Jahren, eher seit Jahrzehnten, schwerer Alkoholiker. Er ist 53. Zufällig werde ich ihm kaum noch begegnen, ich bin aus dem Vorort weggezogen, in dem wir beide die vergangenen zehn Jahre gewohnt haben – gerade mal zwei Kilometer voneinander entfernt.

Wir sind drei Brüder, Alex, Matthias und ich. Matthias, der jüngste, war immer das Sorgenkind, er hatte eine Erbkrankheit, die Perthes’sche Krankheit, bei der zerstört sich das Knochengewebe an der Hüfte. Die Krankheit verhinderte, dass er gehen lernte. Als er drei war, musste er ins Krankenhaus, zwei Jahre lang lag er in einer Gipsschale, bewegungsunfähig. Ich glaube, das war der Anfang vom Ende, das hat sein Schicksal besiegelt. Heute kann man bei dieser Krankheit operieren, Mitte der Sechzigerjahre nicht.

Meine Mutter besuchte ihn täglich in der Klinik, Besuch von anderen Kindern war damals in Krankenhäusern grundsätzlich nicht erlaubt. Alex und ich konnten ihn nur alle drei Monate sehen, aus der Ferne. Dann, wenn seine Gipsschale aufgemacht wurde, damit er an den Hüften gewaschen werden konnte. An diesen Tagen warteten mein älterer Bruder und ich im Garten des Krankenhauses, bis unsere Mutter mit Matthias auf dem Arm ans Fenster trat. Dann winkten wir ihm von unten in den dritten Stock zu. Weil unsere Mutter so viel weg war, habe ich mich von klein auf für die Familie verantwortlich gefühlt, viel mehr als mein älterer Bruder Alex. Schon mit neun habe ich fast täglich nach der Schule für Alex und mich Mittagessen gekocht.

Unser Vater, Offizier bei der Bundeswehr, kam meistens nur an den Wochenenden nach Hause. Gegen die Rolle dessen, der sich um alles kümmert, habe ich mich nie gewehrt. Sie ist mir zur Selbstverständlichkeit geworden. Als Matthias fünf war, hatten sich die Hüftknochen so weit stabilisiert, dass er das Krankenhaus verlassen konnte, er musste jedoch im Rollstuhl sitzen. Mit sechs bekam er zusätzlich einen Gehapparat, in dem hing er wie in einem Korsett, an den Beinen Stahlschienen. Er ging in eine normale Schule. Ich zog ihn morgens an und fuhr ihn mitsamt Rollstuhl hin. In der Klasse hatte er sofort eine Sonderrolle: Er war das Kind, das man nicht berühren durfte, weil es sonst umfiel. Eines Tages sagte die Lehrerin, sie könne ihn nicht mehr schützen, er sei so aggressiv und würde andere Kinder an seine Stahlschienen drücken und ihnen Schmerzen zufügen. Dass er dringend psychologische Hilfe gebraucht hätte, nahm damals niemand zur Kenntnis.

Nach ein paar Jahren konnte er normal gehen und die Stahlschienen ablegen. Allerdings liebte er es, mich zu fesseln. Das hatte nichts Sadistisches, ich glaube, er wollte sehen, wie es ist, wenn ein anderer als er bewegungsunfähig ist. Als ich keine Lust mehr auf das Spiel hatte, bot er mir sein gesamtes Taschengeld, wenn ich mich doch fesseln ließe. Manchmal willigte ich ein und nahm das Geld. Er kam aufs Gymnasium, hatte Freunde, mit 17 oder 18 auch eine Freundin. Die Jahre bis zum Abitur waren unsere beste Zeit: Wir spielten stundenlang Backgammon, und er konnte wirklich lustig sein. In seiner Freizeit reparierte er Autos, spielte sich zum Experten auf und gab damit an. Er hatte immer ein Problem mit dem Selbstbewusstsein, mit den Autos aber hatte er eine Nische gefunden, in der ihm niemand das Wasser reichte. Er trug einen Blaumann, der anderen zeigen sollte: Ich arbeite. Bis vor ein paar Jahren trug er ihn jeden Tag. Dabei hat er in seinem Leben fast nie gearbeitet.

Nach dem Abitur begann er eine Lehre als Automechaniker. Unser Vater war entsetzt: In seiner Vorstellung mussten seine Söhne selbstverständlich studieren. Alex und ich haben diesem Wunsch entsprochen, Alex studierte Forstwirtschaft, ich Amerikanistik. Bis zu seiner Lehre hatte Matthias nur abends Bier getrunken. Während der Lehre aber begann er, auch tagsüber zu trinken. Nach eineinhalb Jahren brach er sie angeblich wegen Rückenproblemen ab, er begann ein Studium und zog in eine andere Stadt.

Anfangs fuhr er noch häufig zu unseren Eltern, und er lud sie ein, ihn zu besuchen, sie sollten sich ansehen, wie toll er seine Wohnung eingerichtet hatte. Er wollte ihnen so sehr gefallen. Mein Vater aber lehnte ihn bis zu seinem letzten Atemzug ab, meine Mutter liebte ihn, vielleicht deswegen, umso mehr. Alex, der Erstgeborene, war sein Lieblingssohn, er konnte sich alles leisten, ihm wurde immer verziehen. Ich war eifersüchtig auf ihn, weil ich von unserem Vater auch so bevorzugt behandelt werden wollte. Mir stand unser Vater bestenfalls neutral gegenüber. Auf meine Mutter und Matthias war ich hingegen nie eifersüchtig: Er war der arme Kranke, und wir beide haben uns um ihn gekümmert.

Matthias studierte lange. In seinen Erzählungen war er der beste Student, den man sich vorstellen konnte, von den Professoren geliebt. Meine Mutter glaubte jedes Wort und sagte: »Er macht das ganz wunderbar.« Mein Vater entgegnete: »Der säuft.« Meine Mutter: »Ach, die paar Bierchen, die er abends trinkt.« Sein Verfall verlief langsam. Irgendwann durfte man ihn nur nach langer Ankündigung besuchen. Wohl weil er Zeit brauchte, um die Wohnung aufzuräumen und die Flaschen zu entsorgen. Um Fragen über den Fortgang seines Studiums zu entgehen, gab er es nach fünf, sechs Jahren auf, das war Ende der Achtzigerjahre. Angeblich wurde er Bauleiter, in seinen Worten natürlich der beste weit und breit.

Ich verliebte mich in eine Südafrikanerin und zog Ende der Achtziger zu ihr nach Johannesburg. Schrieb mein Vater mir in einem Brief: »Matthias ist Alkoholiker«, so schrieb meine Mutter garantiert im nächsten: »Glaub ihm kein Wort, er verleumdet den Matthias.« Inzwischen besuchte er auch meine Eltern nicht mehr. Es verlangte ihm zu viel ab, Normalität aufrechtzuerhalten. Meine Mutter hat das so begründet: weil unser Vater zu grausam war zu ihm.

1993 kehrte ich mit meiner hochschwangeren Frau und unserem kleinen Sohn nach Deutschland zurück. Ein paar Tage nach der Geburt unseres zweiten Kindes rief mich ein mir unbekannter Mann an und fragte, ob ich wisse, dass mein Bruder im Gefängnis sitze. Ich wusste es nicht. Er hatte einen Strafzettel wegen Falschparkens jahrelang ignoriert, die Summe hatte sich auf 400 Mark hochgeschaukelt, die er nicht bezahlen konnte oder wollte, 14 Tage sollte er deshalb absitzen. Es wäre einfach gewesen, ihn freizubekommen, ich hätte nur einen Scheck über 400 Mark ausstellen müssen. Im Gefängnis riet mir die zuständige Psychologin, das nicht zu tun, sondern die zwei Wochen zu nutzen, um Matthias trockenzulegen. Treffen konnte ich ihn erst mal nicht, er durfte nur einmal in diesen ­ 14 Tagen Besuch empfangen.

Ich musste in seine Wohnung, um Unterlagen zu suchen und Kleidung einzupacken. Der Hausmeister sperrte mir auf. Das bekamen die Nachbarn spitz und lauerten wie die Geier, um einen Blick in Matthias’ Wohnung zu werfen. Der Anblick war das Schlimmste, was ich je ge­sehen hatte: Berge von Zigarettenstummeln, ein Meer leerer Flaschen, Müll und Katzenkot über den ganzen Boden verteilt, dazwischen leere und halb leere Pizzakartons. Es stank zum Erbrechen. Ich habe die gaffenden und geifernden Nachbarn rausgedrängt, die Entrümpelung organisiert und den einen Besuchstermin im Gefängnis wahrgenommen, der mir zustand.

Als er in das Besuchszimmer kam, war er aufgedunsen, verkommen, die Haare schulterlang. Er saß da und sagte: »Hol mich hier raus.« Immer nur diesen einen Satz. Ich sagte: »Ich hol dich hier raus, nur ein paar Tage noch«, aber er war zu keinem Gespräch fähig. Wahrscheinlich, weil er auf Entzug war. Er sah so fürchterlich aus, dass der Friseur, zu dem ich ihn nach seiner Entlassung fuhr, nicht ihn, sondern gleich mich fragte, wie viel er denn abschneiden solle.

Ich nahm ihn mit zu mir nach Hause, ich wusste keinen anderen Rat. Ich dachte, ich hätte ihn da besser unter Kontrolle. Auf der Fahrt sagte ich zu ihm: »Matthias, gib zu, du säufst.« Er druckste rum und meinte, na ja, er würde ein bisschen trinken, aber er habe die Sache völlig im Griff. Dann sagte er plötzlich: »Ich muss wohl eine Therapie machen.« Ich bin mir sicher, es war ihm ernst in diesem Moment, er war gerade trocken, und der Schock, im Gefängnis zu sitzen, saß tief. Er hat es nie in Angriff genommen. Es war bis heute, 22 Jahre später, das einzige Gespräch, das ich mit ihm über seine Sauferei führen konnte, das einzige, in dem er nicht sofort abblockte und mich der Verleumdung bezichtigte.

Zwei Wochen später wollte er wieder in seine Wohnung. Ich schlug vor, mit ihm und meiner Familie zwei Wochen in die Toskana zu fahren – ein weiterer sinnloser Versuch, ihn vom Trinken abzuhalten. Der Urlaub wurde ein Reinfall. Er war zu nichts zu gebrauchen, völlig apathisch, wenn man mit ihm sprach, reagierte er nicht.

Er zog in eine Dachgeschosswohnung, der alte Vermieter hatte ihn rausgeschmissen. Er prahlte, dass er nun ein erfolgreicher Bauunternehmer sei, der alte Häuser renoviere, zur größten Freude des Denkmalamtes. Meine Mutter glaubte ihm auch das. Als ich ihr vom Zustand seiner Wohnung erzählte, meinte sie, nö, so schlimm sei das sicher nicht gewesen. Sie gab ihm 100 000 Mark, um ein altes, heruntergekommenes Haus zu kaufen und zu renovieren und seine Angestellten, die er beschäftigte, zu bezahlen. Unser Vater hat getobt.

Der Vater starb im Jahr 2000. Drei Jahre später zog Matthias, damals 42, zurück zu unserer Mutter, in unser Elternhaus. Sie war selig, dass ihr Spatz, wie sie ihn nannte, wieder da war. Das renovierungsbedürftige Haus hatte er verkauft. Was aus dem Geld geworden ist, weiß ich nicht. Das war der Moment, wo er offiziell aufhörte zu existieren. Ich dachte nicht, dass man in Deutschland einfach so verschwinden kann: Er hatte keine Wohnung mehr, zahlte keine Steuern, keinen Strom, kein Telefon, war nicht krankenversichert. Keiner außer uns wusste, wo er war, es gab ihn nicht mehr. Erst viel später habe ich erfahren, dass er hoch verschuldet war, bei seinen Vermietern, bei der Krankenkasse. Er hätte längst Insolvenz anmelden müssen. All dem hat er sich durch die Flucht zu unserer Mutter entzogen.

Seine Betreuerin glaubt, er trinke inzwischen Brennspiritus

Bei ihr musste er sich um überhaupt nichts mehr kümmern. Jetzt hat er nur noch gesoffen, auch in ihrer Gegenwart. Sie belog sich immer noch: »Ich bitte dich, er trinkt manchmal ein bisschen, er schläft ja auch bis mittags, der Spatz. Und wenn er weggeht, nein, dann trinkt er nichts, sagt er.« Unsere Mutter gab ihm ihre EC-Karte mitsamt der PIN. Das wusste ich da aber noch nicht. Wenn er wegging, hat er in Kneipen gesoffen, die ihn nach und nach alle rauswarfen. In dem Vorort, in dem wir drei Brüder damals alle wohnten, sprach sich das schnell rum. Als ich ihr sagte, er sei nicht mal krankenversichert, wurde meine Mutter zum ersten Mal panisch: Die Vorstellung, er müsse ins Krankenhaus und sie dafür bezahlen, machte ihr Angst. Sie ging sogar mit mir zur Suchtberatung, um zu fragen, was wir mit Matthias tun könnten. Nichts, lautete die Antwort, er müsse selbst einsichtig sein. Mich beschimpfte Matthias als Lügner, er zeigte mir eine Krankenversicherungskarte, die längst abgelaufen war. Da ist mir der Kragen geplatzt, ich konnte diese Ausreden nicht mehr hören und schrie ihn an: »Lass endlich diesen Quatsch!« Er blaffte und polterte irgendwas zurück.

Trotzdem habe ich zwei- oder dreimal die Krankenkassenanträge komplett für ihn ausgefüllt, ihm unter die Nase gehalten und gesagt: »Unterschreib.« Er hat nie unterschrieben. Dabei hätte unsere Mutter sogar seine Beiträge bezahlt. Ich vermute, er verweigerte die Unterschrift, weil er damit zugegeben hätte, dass er doch nicht mehr krankenversichert war. Ganz sicher weiß ich, dass ich spätestens zu diesem Zeitpunkt alles hätte hinschmeißen und sagen sollen: Mach deinen Scheiß allein. Aber ich tat es nicht. Ich habe ihn schon damals nicht mehr wie meinen Bruder betrachtet, sondern wie mein Kind. Und ein Kind gibt man nicht auf.

Mir wurde aber klar: Wenn unsere Mutter stirbt, sie hatte Krebs, und er erbt, dann ist das Geld sofort weg, sobald irgendjemand rauskriegt, wo er ist – jeder Gläubiger hätte dann Anspruch. Ihm aber sagte sie: »Mach dir keine Sorgen, du wirst Alleinerbe.« Das hat mir einen Stich versetzt: Ich hatte zwei Kinder, er war allein – und sollte alles kriegen? Aber ich habe nichts gesagt. Irgendwann hat sie kapiert, dass er hoch verschuldet war. Dass sie deshalb ihre Meinung geändert hat, erzählte sie aber lediglich mir, nicht ihm.

Mit der Hilfe einer Rechtsanwältin haben meine Mutter und ich nach Lösungen gesucht, wie ihr Geld nach ihrem Tod vor möglichen Gläubigern ge­rettet werden könnte und ihr Spatz dennoch versorgt wäre. Sie kaufte eine Zwei-­Zimmer-Wohnung in der Nähe unseres Elternhauses, die meinem Bruder Alex und mir gehören sollte, Matthias bekäme im Gegenzug lebenslanges Wohnrecht. Sie zog selbst ins Altersheim, das Haus wurde verkauft.

Als sie 2007 starb, war kein Testament aufzufinden, auch bei der Rechtsanwältin war keines hinterlegt. Nie hat Matthias unsere Mutter im Altersheim oder im Krankenhaus besucht, aber kaum war sie tot, beschimpfte er mich am Telefon, dass ich das Testament hätte verschwinden lassen, um ihn, der sich als Alleinerbe wähnte, zu betrügen. So aber erbte jeder von uns Brüdern ein Drittel. Matthias erzählte da zum ersten Mal, dass er noch ihre EC-Karte hatte. Ich warnte ihn davor, Geld abzuheben, weil er sich strafbar ­mache, wenn er von einer Toten Geld nehme, bevor das Erbe geregelt und mögliche Schuldner ausfindig gemacht worden seien. Er hob trotzdem 25 000 Euro aus dem Geldautomaten ab. Als ich die Kontoauszüge bekam, traf mich fast der Schlag. Ich dachte nicht, dass er dazu überhaupt noch in der Lage wäre.

Der Tag kam, an dem wir uns alle in der Bank trafen, in der Hoffnung, wir ­würden ihr Testament in einem Schließfach finden. Wir fanden es nicht. Mat­thias, betrunken, beschimpfte mich, die Bankangestellte öffnete das Fenster, ich schämte mich entsetzlich. Noch vor dem Tod unserer Mutter wollte ich, ursprünglich mit ihrem Einverständnis, einen amtlichen Vormund für Matthias bestellen. Es dauerte ein Jahr. Ich schrieb den Antrag, schickte Unterlagen, sprach mit der Vormundschaftsrichterin, schrieb ihr Briefe, muss­te den Verdacht ausräumen, dass ich Matthias, um mehr zu erben als er, entmündigen lassen wollte. Als der Antrag endlich genehmigt war, konnte er nicht zugestellt werden. Matthias öffnete die Tür seiner Wohnung nicht. Auf Klingeln reagierte er nicht, den Briefkasten ­öffnete er nicht, egal wie er überquoll, Handy hat er keines mehr. So ist das bis heute. Und bis heute lebt Matthias hinter heruntergelassenen Rollläden, er zeigt sich niemandem, der irgendwas von ihm wollen könnte.

Manchmal rufen mich die Nachbarn an, wenn sie wieder wochenlang vergeblich versucht haben, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Immer wieder beschweren sie sich, dass es aus seiner Wohnung nach Rauch und Müll stinkt. Den Müll trägt er nicht weg. Irgendwann stapelte er ihn auf dem Balkon, der Abfall vergor nach einer Weile, und es tropfte aus den Müllsäcken auf den Balkon der Nachbarn unter ihm. In ihrer Verzweiflung klebten sie lauter Duftbäume um seine Wohnungstür, ein paar Mal riefen sie die Polizei, aber die kommt nicht, nur weil einer den Müll nicht rausträgt und die Tür nicht aufmacht. Oder die Nachbarn riefen mich an, weil er seine nasse Wäsche nicht aus der Waschmaschine im Keller nahm und sie stinkend vor sich hin schimmelte. Ich fahre dann zu ihnen, versuche sie zu beruhigen, und habe gleichzeitig Horror davor, meinem Bruder, diesem Wrack, zu begegnen, der mich, wenn überhaupt, nur wild beschimpfen, mir drohen und mich verleumden würde.

In meinem Bruder Alex habe ich keine Unterstützung. Er setzt es längst als selbstverständlich voraus, dass ich mich um Matthias kümmere. Er hat sich von ihm distanziert, nennt ihn ein verkommenes Subjekt und schimpft über ihn. Ich kann das nicht hören, ich verteidige Matthias dann und sage zu Alex, er müsse endlich einsehen, dass Alkoholismus keine Schande, sondern eine Krankheit sei. In einem Punkt muss ich Alex allerdings recht geben: Matthias’ Lügerei kann einen wahnsinnig machen.

Seine Nachbarn sagen, sie hören manchmal, wie er sich rausschleicht. Er geht dann wohl zur Eisdiele gegenüber, der einzigen Kneipe, die ihn noch aufnimmt, außerdem muss er sich ja Nachschub an Alkohol und Zigaretten besorgen. Er qualmt wie ein Schlot. Eines Tages erfuhr ich, dass er tatsächlich einen Vormund bekommen hatte. Wie das geklappt hat, ob die Polizei ihn herbeigeschafft hat, ob er selbst zur Richterin gegangen ist, weiß ich nicht – das darf mir niemand sagen. Ich weiß nur von seiner Betreuerin, dass er inzwischen glaubt, er habe selbst den Antrag gestellt. Nicht mal diese Auskunft hätte sie mir geben dürfen.

Er wird nun verwaltet, bekommt Hartz IV, kann keine Unterschriften unter Verträge setzen, aber sein persönlicher Wille muss weiter respektiert werden. Anfangs dachte ich noch naiv, nun würde die Betreuerin ihn zum Arzt oder in eine Therapie oder in eine Wohngruppe bringen können. Aber wenn er nicht will, kann sie nichts machen. Die Be­treuerin hat nicht mal einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Sie äußerte auch den Verdacht, dass er inzwischen Brennspiritus trinkt, vergällten Alkohol, der billig zu haben ist und den man verdünnen muss – der letzte Schritt eines Alkoholikers ohne Geld. Die 25 000 Euro, die er vom Konto unserer toten Mutter ab­gehoben hat, sind wohl futsch.

Es kam der Tag, an dem ich mir sicher war: Jetzt ist er tot. Nachbarn riefen wieder bei mir an, weil sich die Anzeigenblätter vor seiner Tür stapelten, es noch schlimmer als üblich stank und der Fernseher rund um die Uhr lief. Ich fuhr sofort hin, klingelte natürlich vergeblich, hörte den Fernseher, rannte runter zur Eisdiele, dort hatte man ihn auch schon Tage nicht mehr gesehen. Ich rief die Polizei, die sagte, sie brechen die Wohnung auf, aber ich dürfe nicht dabei sein.

Zu Hause schaute ich aus dem Fenster. Ich wusste: Polizisten rufen nicht an, sondern kommen persönlich vorbei, um mitzuteilen, dass jemand gestorben ist. Stattdessen klingelte das Telefon. Eine Sanitäterin sagte, Matthias sei in letzter Sekunde gerettet worden, er habe völlig dehydriert im Bett gelegen, die Wohnung sei vermüllt, verschimmelt und nicht mehr bewohnbar, das Gesundheitsamt werde eingeschaltet. Das war das Letzte, das ich offiziell über ihn erfuhr. Inoffiziell erzählte mir ein Jahr später jemand vom Krankenhauspersonal, den ich kannte und der zufällig Matthias im Krankenhaus behandelt hatte, er habe nicht geglaubt, dass Matthias das überlebt, die Lunge sei völlig hinüber gewesen. Als er im Krankenhaus lag, hoffte ich, dass er nun eine Pflegestufe erhält, sodass wenigstens einmal am Tag jemand bei ihm vorbeischaut. Aber Pustekuchen. Er wollte das nicht, er wollte nur in die Wohnung zurück. Und er durfte das, trotz Schimmel, trotz Gesundheitsamt. Er kann nicht zwangseingewiesen werden.

Es grenzt an ein Wunder, dass er noch lebt. Vielleicht kann er für all das nichts. Ich fühle mich noch immer für ihn verantwortlich und hänge an ihm. Verloren habe ich ihn aber schon lange. Und ich bin sicher, ich hätte ihn nie davor bewahren können, Alkoholiker zu werden. Jetzt erwarte ich von ihm nichts mehr. Nur noch seinen Tod. Dann werde ich mich noch einmal um meinen Bruder kümmern müssen.

Illustration: Paula Bulling

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