Wandlung eines Rabauken

Mit viel Zuwendung machte eine Tierpflegerin aus einem frechen und etwas rabiaten Kea einen sanften Kuschel-Vogel. Das Ende kam dann leider ganz plötzlich.

Keas, auch Bergpapageien genannt, sind eine neuseeländische Vogelart. Hier abgebildet ist nicht der beschriebene Vogel Tammy, sondern ein namenloser Kea, der in freier Wildbahn fotografiert wurde.

Foto: Matan Efrati/EyeEm/Getty Images

Tanja Hampel-Cimadon ist Tierpflegerin an der Forschungsstation Haidlhof bei Wien.

Ich habe 2008 angefangen, als Tierpflegerin bei den Keas zu arbeiten, damals noch am Konrad-Lorenz-Institut, das gehört zur Universität Wien. Keas sind sehr schlau, und überhaupt nicht scheu, weil sie auf Neuseeland ursprünglich keine Feinde hatten. Damit sind sie auf der einen Seite sehr interessant und nett, weil sie auch herkommen; auf der anderen tricksen sie einen auch schnell aus. Vor allem, wenn man sie noch nicht gut kennt. Da muss man sich den Respekt erst erarbeiten.

Bei uns waren von Anfang an auch einige handaufgezogene Keas dabei. Die sind noch frecher und ein bissel lustiger, und picken die ganze Zeit an uns Menschen herum. Wenn man die ersten Tage in der Voliere steht – ich hatte das Gefühl: »Wie soll das gehen? Das ist unmöglich! Da sind zehn Keas, die zwicken mich in den Fuß und schmeißen mir den Kübel, den ich gerade mit Mist vollgeschaufelt habe, gleich wieder um. Und zwar fünfmal hintereinander.«

Ich habe mich auch noch nicht so recht getraut – habe immer nur gesagt: »Neinnein, lass das bitte!« Aber auf das reagieren sie nicht. Man muss schon streng sein und sagen: »So, Schluss jetzt! Das ist mein Dominanzbereich. Hier stehe ich. Und hier arbeite ich. Und jetzt lass mich in Ruhe. Nachher kannst du gern mal auf den Arm kommen und wir kuscheln ein bisschen.« Sie sind eben so intelligent, dass sie das verstehen und letztlich auch annehmen. Aber das braucht eine Zeit, bis man darauf kommt. Und bis man auch die verschiedenen Charaktere kennenlernt. Die sind wirklich komplett unterschiedlich.

Da gab's einen handaufgezogenen Vogel – Tammy, der war damals erst ein Jahr alt –, das war einer von den besonders frechen. Der hat richtig fest gebissen. Keas können zwar nicht den Finger abbeißen, so wie ein Ara oder ein Kakadu. Aber es tut schon weh! Es gibt im Umgang mit ihnen eine Technik, dass wir sie tragen, indem wir sie am Oberschnabel nehmen. Sie hängen sich dann richtiggehend mit dem Schnabel an den Finger. Und die meisten sind da wirklich vorsichtig. Die lernen das, dass sie da eben nicht in den Finger hineinbeißen. Und Tammy hat das vielleicht am Anfang noch nicht so verstanden. Und ich habe auch immer wieder vergessen, dass ich auf ihn besonders achten muss. Wenn ich versucht habe, ihn zu nehmen: Oh, hat der gebissen! Meine Finger haben ausgesehen! Ich war ganz blutig.

Dann sind aber gleich in meinem ersten Sommer dort einige Keas erkrankt. An einem Virus, für den es noch gar keine wirksame Behandlung gibt. Da sind auch ein oder zwei gestorben. Und Tammy ist auch krank gewesen; hat zuerst sehr schlecht ausgesehen; ist aber fast wieder ganz gesund geworden. Nach einer Zeit hat man ihm fast nix mehr angemerkt, und er ist gewachsen und gediehen. Nur ist das Problem an diesem Virus, dass er meist nicht vollständig verschwindet, sondern sich im Nervensystem festsetzt und immer wieder aktiv werden kann.

Wir sind dann 2010 in die neu gebaute Forschungsstation am Haidlhof umgezogen. Und dort war's auch noch mal so, dass einige Vögel erkrankt sind. Und Tammy war noch mal wirklich schlimm betroffen – ist aber zu einem total netten Vogel geworden. Auf einmal war er so auf uns fixiert, dass er immer um uns herum war. Er war nicht mehr grob und gar nix. Man hat ihn rufen können. Und er ist dann wie so ein kleiner Hund hergelaufen. Hat nicht mehr gescheit fliegen können. Hat noch ein bissel klettern können. Ist aber ansonsten oft getorkelt. Man hat gesehen, dass die ganze Körperkoordination nicht mehr so recht funktioniert. Und weil Gruppentiere oft auf dem schwächsten Glied herumhacken, hat man ihn immer wieder von den andern separieren müssen. Oder ihn nur mit bestimmten Vögeln zusammenlassen dürfen. Aber immer wieder hat er sich erholt und hat dann doch wieder in die Gruppe können, weil er sich wieder besser behaupten konnte. Er konnte zwar bald gar nicht mehr fliegen. Aber er war mit seinem Klettern und Laufen so munter unterwegs, dass das gut funktioniert hat.

Dann ist dieser ehemalige Rabauke so sanft geworden. Er hat das genossen, wenn er sich in meinen Armen an meine Schulter kuscheln konnte.

Schwierig war für ihn nur der Winter. Keas sind eigentlich gut daran angepasst. Auf der Südinsel in Neuseeland haben sie teilweise Minusgrade bis tief hinunter. Wenn sie krank sind, macht das natürlich zusätzlich Probleme. Tammy hat's durch sein schwaches Immunsystem schnell zu kalt bekommen, er war auch zu leicht. Das heißt, er hatte zu wenig Masse, um sich ordentlich zu wärmen. Wir haben dann versucht, in der Voliere einen Bereich zu schaffen, den wir mit Wärmelampe gewärmt haben, wo er für eine gewisse Zeit separat sitzen konnte. Aber ein Jahr zu Weihnachten ist es ihm trotzdem sehr schlecht gegangen. Da war für mich fast klar: Das wird nicht mehr lange gehen.

Schließlich konnte er gar nicht mehr in der Gruppe sein – erst recht nicht über die Feiertage –, konnte ja aber auch nicht die ganze Zeit alleine im Käfig sitzen. Also habe ich gesagt: »Okay, ich nehme ihn mit nach Hause.« Habe ihm da mit zwei Hundekäfigen einen schönen großen Bereich gemacht; ein paar Äste hineingebastelt, damit er ein bisschen klettern kann; und habe ihm – es gibt da diesen PlayMais für Kinder; das sind so kleine, bunte Rollen, die sehen aus wie Füllmaterial für Kartons, sind aber aus Maisstärke – hab ihm also Kartons gegeben mit diesen Maisschnipseln drinnen, oder alte Klorollen zum Zerstören. Habe ihm Smoothies gemacht. Weil, er war sehr wählerisch in dem, was er gefressen hat. Das war natürlich auch meine Zeit, die das gekostet hat, aber es war auch meine Leidenschaft. Weil er mir – wie alle meine Pfleglinge – einfach sehr ans Herz gewachsen ist.

Und dann ist dieser ehemalige Rabauke so sanft geworden. Er hat das genossen, wenn er sich in meinen Armen an meine Schulter kuscheln konnte. Keas sind ja doch relativ groß, und dann hatte ich da so einen Waschel sitzen – der an meinem Hals oder am Ohrläppchen geknabbert hat und auf einmal so vorsichtig war. Und so liebevoll.

Als dann wieder normal Dienst war, habe ich ihn – vor allem in der kalten Zeit – meistens untertags mitgenommen und abends wieder mit nach Hause gebracht. Habe ihm auch immer gesagt, was als nächstes passiert: »So, jetzt ist wieder Montagfrüh, jetzt bekommst du noch deine Medizin«, die habe ich ihm zeitweise ja auch noch geben müssen, »dann fahren wir wieder zum Haidlhof, und am Abend« oder »am Wochenende pack ich dich wieder ein und nehm dich wieder mit.« Und da ging’s ihm relativ gut. Ich konnte ihn teilweise sogar wieder in die Gruppe lassen.

Im Frühsommer 2014 habe ich erfahren, dass ich schwanger bin. In Österreich darf man eigentlich nicht mehr im direkten Tierkontakt arbeiten, wenn man schwanger ist. Das heißt, ich musste aus der Tierpflege raus. Bin allerdings am Haidlhof geblieben. Was Tammy betrifft, war mir klar: »Das geht nicht. Ich kann ihn nicht auf einmal nicht mehr mitnehmen.« Und somit hab ich mich auch weiterhin um ihn gekümmert.

Jetzt war ich aber in der Schwangerschaft in vielen Dingen besonders emotional. Mir sind viele Dinge besonders nahegegangen. Ich habe viele Dinge schwerer genommen. Ich habe mich schneller geärgert. Habe aber zum Beispiel auch noch viel genauer gewusst, wie’s einem Tier geht. In dieser Hinsicht hatte ich schon immer ein gutes Gespür. Ich habe auch immer gemerkt, wenn das Ende naht – auch bei meinen eigenen Tieren. Und ich bin zwar alles andere als ein Freund vom Einschläfernlassen, aber es gibt sicher Momente, wo’s nicht mehr anders geht. Auch diesen Moment habe ich meistens gespürt. Ich sag oft: »Die Tiere reden mit mir.« Und sie sagen auch, wenn’s nicht mehr geht. Das heißt natürlich nicht, dass sie vor mir sitzen und sagen: »So, jetzt kannst mich einschläfern lassen.« Das ist ein Blick, eine Körpersprache, die von ihnen ausgeht.

Ich weiß natürlich, dass es im wissenschaftlichen Bereich alles ein bisschen anders läuft als zu Hause. Bei uns am Haidlhof nimmt's zwar jeder schlimm, wenn ein Tier plötzlich stirbt oder krank wird – aber es gibt auch ein großes Interesse, sich zum Beispiel bestimmte Organe anzusehen. Erstmal, um zu erfahren: was ist die Todesursache? Zweitens auch, weil man – gerade über Tiere wie die Keas, wo man noch nicht so viel weiß – wissen will: Wo sind die Zusammenhänge? Oder wie schaut die Leber genau aus? Um solche Krankheiten vielleicht auch mal behandeln zu können.

Ein Problem dabei ist, dass so eine Untersuchung möglichst schnell passieren muss. Die Augen muss man zum Beispiel ganz frisch entnehmen und präparieren, damit man mit denen noch was machen kann. Oder auch das Gehirn. Deswegen wär’s für alle blöd gewesen, wenn Tammy auf einmal tot in der Voliere gelegen wäre. Und es war auch klar – das hat auch unser damaliger Chef so kommuniziert: Wenn es bei Tammy so weit ist, dass die Tierärztin feststellt, das Virus ist wieder aktiv oder es geht ihm so schlecht, dass es nicht mehr lange sein wird, lassen wir ihn vorab einschläfern.

Inzwischen hatte er sich aber soweit erholt, dass ich da gar keine Bedenken hatte. Aber dann gab’s mal wieder eine Kontrolle. Eigentlich wegen seiner Pilzinfektion. Er musste an die Klinik. Und sonst bin immer ich mit ihm in die Klinik gefahren. An dem Tag aber nicht, weil mein Chef sowieso hinmusste. Und er hat dann gesagt, ich soll Tammy halt vorbereiten. Was ich auch getan hab.

Er ist sofort zu mir gelaufen. Ist freiwillig in die Transportbox hineingegangen. Und ich habe ihm noch erzählt: »Schau, jetzt machst du da deine Untersuchung, dann kommst du heim und morgen nehm ich dich wieder mit nach Hause. Ich habe auch schon dein Lieblingsobst gekauft und mach dir wieder einen guten Smoothie.«

Ich habe dann normal weitergearbeitet; und schließlich einen Anruf bekommen von meinem Chef, der gesagt hat, sie haben Tammy untersucht und das Virus ist wieder aktiv. Außerdem hat die Tierärztin festgestellt, dass sein Gesamtzustand so schlecht ist, dass das jetzt seine letzte Zeit ist. Und weil wir ja all diese Proben entnehmen wollen, werden wir ihn jetzt einschläfern lassen.

Ich bin dagestanden – hab gesagt: »Was? Jetzt? Wann? Nächste Woche?« »Nein, wir machen das gleich.« Und er hat gesagt, er kann Tammy auf Video schalten, dass ich mich noch verabschieden kann von ihm.

Ich bin aus allen Wolken geflogen. Weil ich, wie gesagt, auch bei meinen Tieren in der Arbeit meistens ein Gespür dafür hatte, wenn die Zeit gekommen war. Vielleicht wär das bei Tammy auch bald der Fall gewesen. Vielleicht wär's mit ihm, weil das Virus wieder aktiv war, wirklich innerhalb von ein paar Tagen rapide bergab gegangen. Aber bis jetzt hatte ich dieses Gefühl einfach nicht.

Ich hab ihn dann noch über Video gesehen – Skype oder so was –, wie er da herumgetorkelt ist. Und das war ja auch nett von meinem Chef, dass er mir das noch ermöglicht hat. Ich schiebe ihm keinerlei Schuld zu. Für ihn war das, was er anhand der Werte gesehen hat, ein steter Abstieg. Und für mich war das halt nicht so.

Noch dazu bin ich mir wie eine Verräterin vorgekommen. Nicht nur, weil ich Tammy genauso gerufen habe wie sonst, wenn ich ihn mit nach Hause genommen habe. Sondern vor allem, weil er die ganze Zeit ein so unglaublicher Kämpfer gewesen war. Er hatte einfach so einen Lebenswillen. So einen unglaublichen Willen durchzuhalten. Klar, er hat inzwischen wie ein alter Mann gewirkt, wirklich wie ein sehr alter Kea. Wenn ich ihn gerufen habe, ist er immer so ein bisschen gebückt – wie Quasimodo – den Zaun entlanggelaufen, die Flügel ein wenig gespreizt, als würde er in einen Ringkampf mit mir steigen. Oder er hat die Kopffedern aufgestellt und gegackert wie ein Huhn. Und ich glaub schon, dass da auch Humor dahintergesteckt hat. Er hat immer noch Spaß gehabt an seinem Leben. Trotz seiner Krankheit. Aber dann ist er halt eingeschläfert worden.

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