Nein

Unsere Autorin erzählt, dass sie mit 17­ sexualisierte Gewalt erfahren hat. Aber erst fünf Jahre später versteht sie, was damals wirklich geschah.

In diesem Wald nahe ihrer Heimatstadt hat die Autorin in den vergangenen Monaten viel Zeit verbracht: »Hier kann ich in Ruhe schreien.«

Seine Hand liegt auf meiner Schulter, schwer und weich, als würde er mich gleichzeitig von sich drücken und festhalten. Sein Gesicht gegenüber meinem liegt halb im Schatten, die andere Seite strahlt in der Sonne. Ich kann jeden seiner Atemzüge hören, jeder eine kleine Ewigkeit. Alles an ihm ist richtig. Als er aufwacht, denke ich: In diesen Augen liegt die ganze Welt.

Ich bin 17 und zum ersten Mal richtig verliebt. Ich habe mich nie so jung und so frei gefühlt

Er ist zwei Jahre älter, und alles, was er tut, ist unglaublich beeindruckend. Seine Arbeit, seine WG, seine Witze,

Fünf Jahre später fühlt sich das wie eine Lüge an. Es ist ­Februar 2020, und plötzlich spät geworden. Meine

Zehn Minuten davor ahne ich davon nichts. Ich sitze mit einer Freundin in der Küche und sage ihr, dass sie ein Recht hat auf ihre Gefühle. Iris (Name geändert) wurde von ihrem Mitbewohner, einem guten Freund, an den Brüsten angefasst. In ihrem Zimmer, ihrem Bett. Sie wollte das nicht. Er habe nicht gefragt. Sie sagt, dass er betrunken gewesen sei und dass es ihm leidtue. Dass sie nichts gemacht habe, nicht reagiert habe, dass er sich zuerst nicht habe erinnern können, dass es jetzt unangenehm sei zwischen ihnen. Sie sagt, dass sie nicht schlecht über ihn ­sprechen wolle, dass sie nicht möchte, dass die anderen denken, er sei ein schlechter Mensch. Sie sagt, dass er nicht wisse, was er machen solle, und dass sie es auch nicht wisse.

Ich werde wütend. Genau das sind die Gründe, warum man über solche Dinge nicht spricht, noch immer nicht spricht.

Iris sitzt in meiner Küche, ich weiß noch, ihre Finger liegen sehr eng um eine Teetasse, vor ihr ein

Ich nehme einen Schluck aus meinem Glas, der Wein schmeckt herb, ich erinnere mich noch Monate später genau an

Dann, ich erinnere mich nicht, wann, warum, weiß ich es: Ich wurde vergewaltigt. Es ist eine Lawine, ohne Vorwarnung,

Er hat mich vergewaltigt. Meine erste Liebe hat mich vergewaltigt.

Alles zerbricht. Alles ist falsch, ich komme

Ich verliere die Kontrolle darüber, was ich

Die Details erzähle ich Iris erst drei

Eine Vergewaltigung ist das »nicht einverständliche, sexuell

Diese Definition erklärt, was eine Vergewaltigung ist.

Seit 2016 ist eine Vergewaltigung in Deutschland

Ich habe ihn geliebt. Er war der

Ein Teil von mir hat ihm geglaubt.

Erst jetzt begreife ich, was damals passiert

Was mir passiert ist, passiert fast jeder

2004 kam eine Studie des deutschen Bundesfamilienministeriums,

Wir sind viele, zu viele. Wie bei

Bis vor ein paar Monaten hätte auch

In den folgenden Tagen, Wochen, Monaten werde

Dabei haben wir etwas anderes gelernt. Wir

Diese Fragen werden mich die folgenden Monate

Vergewaltigungen sind keine Verbrechen einzelner Monster, sie

Je egalitärer und partizipativer eine Gesellschaft ist,

Ich weiß das und will es nicht

Ich habe Nein gesagt. Ich dachte, dass

Aber es geht nicht um Liebe. Auch

Es ist zwei Uhr, als Iris und

Fast eine Woche lang werde ich an nichts anderes denken als an das: Ich wurde vergewaltigt. Er hat mich vergewaltigt. Ich werde zuerst nichts fühlen, dann weinen, nur noch schlafen wollen. Ich werde immer wieder das Gefühl haben, dass etwas in mir zerbricht. Ich werde ein graues Gesicht im Spiegel sehen und meinen Gedanken zuhören: Ich entgleite mir. Was heißt das überhaupt?

Der Schmerz macht mich taub. Ich habe das Gefühl, nichts sagen zu können, und möchte nichts lieber als darüber zu sprechen. Ich frage einen Freund, ob er Zeit hat, Alexander (Name geändert), mit dem ich früher besonders eng befreundet war. Ich muss über etwas Wichtiges mit dir sprechen, schreibe ich. Er sagt, sicher. Wir treffen uns in einem Café.

Ich habe immer wieder Angst, dass die

Ich brauche lange, bis ich zu erzählen

Ich weiß nicht mehr, was genau ich sage. Aber ich erinnere mich genau daran, was er sagt. Sein Gesicht, seine Hände, die er langsam auf den Tisch senkt, während ich spreche. Am Ende liegen sie dort wie tot, und Alexander sieht mich einige Momente an. Dann beginnt er zu sprechen. Er ist es, der zum ersten Mal zu mir sagt: Er hat dich vergewaltigt. Das von jemand anderem zu hören, tut weh und tut gut. Seine Stimme macht es echter. Ich selbst werde mir immer wieder absprechen, was ich erlebt habe. War das wirklich so schlimm?, werde ich denken. Und dann Alexanders Stimme hören. Ja, es ist so schlimm.

Alexander sagt, dass es ihm leidtut. Er

Ich habe nur verschwommene Erinnerungen an die

Ich kann nicht mehr U-Bahn fahren, ich bekomme plötzlich Angst. Ich kann nicht arbeiten und nicht mit Freunden sprechen. Ich fürchte mich vor Hunden und erschrecke, wenn ­jemand anderes im Badezimmer steht. Ich kann meine Familie nicht sehen. Ich ertrage meinen Freund nicht. Ich bekomme Panik, wenn jemand anderer im Raum ist. Ich kann nicht allein sein. Ich zerbreche an der Frage, wie es mir geht. Ich habe plötzlich Atemnot im Supermarkt. Ich kann nicht fühlen. Ich kann nicht weinen. Ich kann nur denken: Ich wurde verge­waltigt. Ich halte meine Tagespläne ein, ich mache irgendwie weiter, mechanisch, als wäre das nicht ich. Ich funktioniere.

Als Nächstes spreche ich mit meinem Freund.

Es ist schwer, gerade mit ihm ist

Ich weiß, dass ihm das wehtut. Ich

Ein paar Tage lang weine ich fast

Nichts bleibt. Es ist eine Lawine. Ich

Ich kann keine Ungerechtigkeit ertragen, aber sie

Die vergangenen Jahre ist ein Teil von

Ich werde es ihm sagen. Ich weiß,

Ich treffe ihn am Montag, fast eine

Wir treffen uns vor einem Café. Ich

Ich habe keine Angst. Wir gehen im

»Ich habe gesagt, ich will das nicht,

Wir sitzen nebeneinander. Ich sehe auf den

»Ich glaube nicht, dass du ein schlechter

Ich hasse ihn nicht. Er wollte das

Er sitzt und sagt nichts. Ich habe

»Ich muss nachdenken«, sagt er. Irgendwann auch:

Ein leerer Plastiksack weht vor uns im

»Ich hatte halt so meine Vorstellung, und

Er wusste es, er hat es schon

Es war so schlimm, möchte ich sagen.

Er sagt irgendetwas, aber er widerspricht mir

Ich halte es nicht aus, seine Perspektive

Er sagt, dass er nicht weiß …, dass

Wir umarmen uns zum Abschied. Ich hasse ihn nicht. Ich weiß nicht, was ich fühle. Meine Unterschenkel scheinen mich nicht mehr tragen zu können. Ich muss mich setzen. In der U-Bahn fühle ich keinen Boden, alles dreht sich, ich fürchte, in Ohnmacht zu fallen. Ich rufe Iris an und sage lange nichts. Sie versteht. Ich schaffe es nach Hause. Im Treppenhaus mache ich nach jedem halben Stockwerk eine Pause. Meine Beine geben an der Wohnungstür nach, ich halte mich gerade noch fest. Anna und Laura warten auf mich. Ich kann nichts zu ihnen sagen. Ich lege mich ins Bett und schaue zwei Folgen Gilmore Girls. Ich weine nicht.

Mit diesem Gespräch ist nichts vorbei.

Es geht mir nicht gut danach. Ich

Es gibt noch keine guten Tage, aber

Ich wünsche mir sehr, dass er noch

Dass sein Leben auseinanderbricht, wie meines ständig

Einmal frage ich per WhatsApp, wie es

Ich hätte nicht fragen sollen.

Die

Auch

»Ich

Ich

Das

Ich

Meinen

Ich

Das

Es

Ich

Die Dinge, die helfen, überraschen mich: Dumme Serien ­sehen und Mango-Eis im Bett essen, Work Song von Hozier laut aufdrehen, allein sein und weinen, sich von jemandem halten lassen, der nicht weiß, warum. Neue Dinge tun, neue Orte ­sehen. Plötzlich schreien. Wild tanzen. Ich weigere mich zu zerbrechen.

Jeden

Ich beginne zu verstehen: Ich bekomme mein Leben nicht zurück, weil es die Person, die ich früher war, nicht mehr gibt. Langsam finde ich das okay. Ich schreibe »No feeling is final« an die Wand neben meinem Schreibtisch. Ich laufe nicht mehr weg, ich erlaube mir den Schmerz, ich bin stark genug. Ich weine jeden Abend. Ich kaufe mir einen neuen Bikini. Ich fühle mich schön. Ich lese Iris aus Undine geht vor und halte mich an Worten fest, ohne zu verstehen, warum: »Ordnungslos, hingerissen und von höchster Vernunft«. Ich bin viel allein. Ich stehe im Wald und schreie in die Stille. Ich spüre meine Stimme auf der Haut, alles vibriert.

Ich

Ich

Fast

Ich höre langsam auf, mich zu schämen. Ich werde wütend auf eine Gesellschaft, wegen der ich mir die Schuld gebe. Ich sage mir immer wieder: Ich werde mich nicht mehr dafür schämen, was mir passiert ist. Ich werde mich nicht mehr dafür schämen, wer ich bin. Ich habe das zu lange zugelassen. Ich bin nicht schuld daran, was mir passiert ist. Das wird mein Mantra, ich sage es wieder und wieder: Es war nicht meine Schuld. Ich bin okay. Auf dem Fahrrad und beim Laufen, immer wieder wiederhole ich diese beiden Sätze. Wenn ich mir nicht glaube, schlage ich mir im Rhythmus der Worte auf die Brust. Ich bin okay.

An

An

Heute

Wir

Ich

Das »SZ-Magazin« hat mit Einverständnis der Autorin ­Kontakt zu allen Personen aufgenommen, die in diesem Text vorkommen. Der Mann, den die Autorin in diesem Text der sexualisierten Gewalt beschuldigt und den sie anonymisiert hat, bestätigt, dass er mit der Autorin über einige Wochen zusammen war und dass es im Februar 2020 zu einem Wiedersehen kam. Die genannten Zitate bestreitet er nicht.

In seiner Stellungnahme schreibt er, dass er zu keiner Zeit das Gefühl gehabt habe, ihr etwas anzutun oder dass sie grundsätzlich nicht von ihm berührt werden wollte. An ein »klares Nein« könne er sich nicht erinnern, es könne sein, dass sie »Nein, lassen wir’s einfach« oder Ähnliches gesagt habe. Aus seiner Sicht hätten sie keinen Sex gehabt. Er betont zudem, dass er nie physische oder psychische ­Gewalt angewendet habe, dass er weder gedroht noch erpresst habe.

Der Autorin ist seine Stellungnahme bekannt.