Wer bin ich ohne meine Ängste?

Kann man es schaffen, sein Leben zu ändern? Unser Autor hat es versucht – bei einem Tantra-Seminar.

    Schon bei der ersten Übung fließen Tränen. Unser Autor sitzt in der Mitte eines Kreises, spürt in seinen Körper. Auf ihn blicken fünf Augenpaare. Er ist nackt, es gibt kein Verstecken, kein Posen, stattdessen schonungslose Ehrlichkeit. Und eine Frage, die in seinem Kopf aufsteigt: Was hat er die letzten fünfzig Jahre nur mit seinem Körper gemacht?

    Eine Freundin hatte unseren anonymen Autor davon überzeugt, sich bei dem Tantra-Workshop anzumelden. Er hatte sein Leben als Großstadtzyniker in der zweiten Lebenshälfte satt. Die Ehe rumpelte, die Kinder waren ihm fremd, der Job nervte, zu viel Tempo, zu wenig Sinn. Er fand sein Leben zu schnell, zu oberflächlich, zu unbewusst. Also schlossen seine Frau und er einen Deal: Erst besucht er ein Tantra-Seminar. Dann sie.

    Tantra verspricht, dass man lernen kann, im Hier und Jetzt zu leben. Seine Scham durch einen liebevollen Blick auf die Welt zu ersetzen. Innere Ruhe und Leichtigkeit zu finden. Und vielleicht all die Muster und Hemmungen abzulegen, die einen immer wieder im Kopf blockieren.

    Aber kann man es wirklich schaffen, sich selbst zu akzeptieren? Sich so zu verhalten, wie man wirklich sein möchte, und ein bewusstes Leben zu führen?  In seiner Reportage schildert unser Autor, dass er schon nach dem ersten Tag keine Lust mehr hatte, seine E-Mails zu lesen. Wie in ihm am Anfang noch Sarkasmus über »achtsamen Eso-Scheiß« aufsteigt. Und sich dieses Gefühl dann sehr schnell legt. Wie viele Hemmungen alle Kursteilnehmer haben, wenn es um ihren Körper, ihre Ängste, ihr Glück geht. Und ob sie es schaffen, diese Scham aufzugeben. Er fragt sich in den sechs Tagen, ob es überhaupt erfüllend ist, wenn eine Fantasie wahr wird. Und wie weit seine Sehnsüchte und Erwartungen gehen – und wo seine Grenzen sind.
    Lesen Sie seine Reportage über die Erfahrungen in dem Tantra-Kurs jetzt mit SZ Plus:

    Splitternackt

    Unser Autor hat ein Tantra-Seminar besucht. Hier schildert er anonym, wie er dort einen verspannten, verkopften, verdrucksten Menschen traf, der sein Herz wiederfindet - sich selbst.

    Illustration: Zeloot

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