Wer hat Angst vor Jörg Kachelmann?

Er ist frei, sein Ruf für alle Zeiten ruiniert. Ob ihn Schuld trifft, wissen wir nicht. Wir können nur fragen, was für ein Mensch er eigentlich ist. Hier erzählen zum ersten Mal die Frauen seines Lebens, was sie wissen.

Zu mindestens 18 Frauen, Freundinnen wie Kolleginnen von Jörg Kachelmann, haben wir Kontakt aufgenommen. Wir wollten nicht fragen, ob er schuldig ist im Sinne der Anklage, sondern eine persönliche Einschätzung. Denn das ist ja der Punkt, den man in dieser Geschichte überhaupt nicht versteht: Was, bitte, ist an ihm so unwiderstehlich, dass die Frauen reihenweise ihr Leben mit ihm verbringen wollten? Viele Frauen reagierten panisch auf unsere Frage, obwohl sie Anonymität garantiert bekamen. Manche sagten erst zu, dann wieder ab. Mit einigen, die bereit waren zu sprechen, trafen wir uns in Hotels, zwei wollten nicht, dass wir sie sehen, Interviews waren nur per Telefon möglich.

Kachelmanns Schlag bei den Frauen

Freundin1 Immer hat er gesagt: Du bist die Beste, Tollste, Schönste. Er hat mich auf Händen getragen und mir das Gefühl gegeben: Ich bin ein Mann, ich beschütze dich. Bei ihm habe ich mich geliebt und sicher gefühlt.

Freundin2
Er ist feinfühlig und warmherzig und hat sich für mein Leben interessiert. Er hat nachgefragt, wenn er wusste, dass etwas für mich wichtig war.

Freundin3 Er ist nicht nur intelligent, sondern hyperintelligent. Er denkt schnell und kann gut kontern.

Kollegin2
Bei Filmen musste er immer weinen. Angeblich war es sogar so, dass er, wenn er einen Film schon kannte, im Voraus geheult hat, weil er wusste, wie traurig es gleich wird. Er ist ein Türöffner, charmant, kreativ. Er weiß viele Geburtstage und hat sich Gedanken gemacht, wem er was schenken könnte, egal ob Kollege, Freund oder Kunde. Typisch war folgende Situation: Eine Freundin hatte Geburtstag, er fuhr mit einem Geschenk vorbei. Da hieß es, sie sei bei ihren Eltern zum Kaffee. Also fuhr er zu den Eltern, und die haben den Mund gar nicht mehr zugekriegt, als plötzlich Herr Kachelmann mit einem Geschenk bei ihnen im Wohnzimmer stand.

Der charmante Herr Kachelmann

Freundin1 Er konnte sehr charmant sein. Er wirkte wie ein großer Junge, das war faszinierend.

Kollegin1 Hierarchien waren Kachelmann egal. Er war für alle Kachelmann. Kachelmann und du.

Kollegin2 Gut reden konnte Kachelmann. Bei Bedarf hat er sich binnen Minuten in Themen eingelesen, von denen er vorher noch nie etwas gehört hatte. Dann redete er los, man saß daneben und dachte: Das kann nicht klappen – aber es klappte. So war er auch privat. Damit hat er viele kluge Frauen beeindruckt.

Kollegin1 Kachelmann konnte sich über Nacht tipp-topp vorbereiten. Er hat ein fotografisches Gedächtnis, las zur Vorbereitung seiner Moderation von Riverboat, einer Talkshow beim MDR, eine Biografie oder ein Dossier über einen Gast. Nun konnte er alles aus dem Kopf abrufen. Er musste sich nicht, wie andere Moderatoren, alle seine Fragen auf Karteikarten notieren. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Nicole Heesters, bei dem er sagte: »Da gibt es einen Satz in Ihrem Buch, über den ich jetzt mal mit Ihnen reden muss, Frau Heesters.« Den Satz konnte man nicht finden, wenn man alles nur quer liest.

Freundin2 Er hat einfach einen schrägen Humor, kann gut austeilen, ganz ähnlich wie Harald Schmidt. Er ist eloquent, ich meine, das sieht man ja auch jetzt an seinen jüngsten öffentlichen Äußerungen.

Kollegin2 Mit seinem speziellen Humor wirkt er sehr authentisch. Man denkt, dass er auf dem Bildschirm genauso ist wie privat. Das macht ihn für alle so glaubwürdig.

Kollegin1 Als der MDR Kachelmann für Riverboat haben wollte, sagte er sinngemäß: »Ihr kriegt mich, aber ihr kriegt mich nur so, wie ich bin. Beklagt euch später nicht.« Er wollte sich den Mund nicht verbieten lassen. Einmal sagte ein junger Gast in einer Sendung zu Kachelmann, Kritiken seien ihm egal, und formulierte das so: »Dann wichst du dir halt einen drauf.« Ein anderer Gast, älter und schwerhörig, verstand das nicht. Kachelmann fragte ihn, ob er das Wort »wichsen« eigentlich kenne. Der schüttelte den Kopf, und Kachelmann bat den jungen Mann sehr freundlich, es dem älteren Herrn zu erklären. Beim Sender waren alle entgeistert, aber bei den Zuschauern gab es zwei Lager. Doch selbst die, die entsetzt schrieben, schauten jedes Mal zu, wie er seine Gäste diesmal wieder provozieren würde.

Jörg Kachelmann Ende der Neunziger Jahre als Moderator beim MDR.

Da hört bei Kachelmann der Spaß auf

Freundin1 Er mag keine Menschen. Er hat ständig über alle gelästert: über seine Fans, seine Exfrau, auch über Kollegen. Menschen waren ihm oft egal.

Kollegin1 Nach der ersten Sendung als Moderator bei Riverboat wurde er vor versammelter Mannschaft für seine Unverfrorenheit kritisiert. Da war er irre sauer und hat sich verbeten, dass das noch mal geschieht, was ja sein gutes Recht war. Hatte er das Gefühl, die Sendung ist nicht gut gelaufen, hat er sich verkrümelt und ist noch von Leipzig nach Stuttgart oder sonst wohin gefahren, ein ziemlicher Gewaltritt, mitten in der Nacht. Wenn die Sendung gut gelaufen war, blieb er oft da und nahm sein Bad in der Menge. Es konnte schon vorkommen, dass er für sachliche Kritik unter vier Augen empfänglich war.

Kollegin2
Er ist nicht kritikfähig. Wenn man ihn kritisierte, war seine Reaktion heftig. Aber man erreichte mit seiner Kritik sowieso nichts bei ihm. Und irgendwann wollte man halt den netten Jörg wiederhaben.

Kollegin1
Wenn man schrieb: »Mensch, Kachelmann, warst schon mal besser«, hat er nicht geantwortet. Schrieb man dagegen, »du warst großartig«, kam ein Smiley zurück. Oder ein Bussi.

Kollegin2
Ich kann mich nicht erinnern, dass er sich je für etwas entschuldigt hätte.

Freundin1 Er ist der Maßstab aller Dinge: Was er gut fand, war gut, was er schlecht fand, war schlecht. Wenn ich vorsichtig gefragt habe, warum wir uns nicht öfter sehen, war er sofort beleidigt und nannte mich undankbar. Wo er doch so viel zu tun hatte. Man war ganz schnell in seinen Augen undankbar – schon, wenn man einen Rat von ihm nicht sofort befolgt hat. Das hat er einem ewig nachgetragen. Er hat dann kaum noch SMS geschrieben, nicht gechattet, mit Liebesentzug gestraft. Er hat sich auch nicht versöhnt, ich musste auf ihn zugehen. Wenn man zufrieden und glücklich war, war er auch zufrieden und glücklich.

Freundin2 Was andere von ihm und seinem Aussehen denken, ist ihm egal. Aber wenn er sich zu Unrecht angegriffen oder missverstanden fühlt, fehlt ihm eine Portion Gelassenheit: Er diskutiert, wenn es ihm wichtig ist, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Er muss recht behalten. Der Schweizer Fernsehjournalist Roger Schawinski hat das so gesagt: »Er wollte immer alles genau so haben, wie er es wollte, und nicht anders.«

Freundin3
Mir hat er zu verstehen gegeben: »Ich schätze dich als Mensch, ich schätze deine Aufrichtigkeit. Aber ich bin der Chef und ich muss dir sagen: Perfekt bist du nicht.«

Die zwei Gesichter des Herrn Kachelmann

Vor seiner Verhaftung. Sprach man ihn auf seine leichte Verwahrlosung an, sagte er nur: "Ja, meinste?"

Die zwei Gesichter des Herrn Kachelmann

Kollegin1
Wenn ich ein neues Parfum hatte, hat er nicht nur gesagt: »Du riechst gut«, sondern gleich gewusst, dass das der neue Sommerduft von Calvin Klein war. So was wissen normalerweise ja nicht mal Frauen.

Freundin2
Er hat mal gesagt, dass es ihm nicht im Traum einfiele, sich für eine Frau zu verändern. An so Mädchenkram wie Details über das erste Date erinnerte er sich gar nicht. Er meinte: »Ein normaler, testosterongesteuerter Mann weiß so etwas nicht.«

Kollegin1
Wenn wir uns in Leipzig bei der Besprechung für die nächste Talkshow heiß geredet hatten und es in der Kantine nichts mehr zu essen gab, war es immer Kachelmann, der jemandem Geld in die Hand drückte und für alle Essen einkaufen ließ. Er wollte sich das auch nie wiedergeben lassen.

Kollegin2 Kachelmann ist der großzügigste Mensch, den ich kenne. Geld ist ihm ganz egal.

Freundin1 Jörg? Großzügig? Nur wenn er wollte. Oft wollte er nicht. Er hat einem ständig etwas in Aussicht gestellt: »Willst du einen Skikurs machen, verreisen, ein neues Kleid?« Aber wenn man nachgefragt hat, kam nichts. Nicht mal Blumen. Er hat einem nie einen Wunsch erfüllt, der nicht seiner war. Schenkte er einem doch mal was, war es oft richtig scheußlich. Geschmack hatte er keinen. Aber man musste so tun, als würde man sich wahnsinnig freuen, sonst war er sofort beleidigt.

Freundin2 Er kann ein großer Chauvinist sein – das sagt er über sich selbst – und im nächsten Moment überaus fürsorglich. Er hat eine dominante Seite, nicht unbedingt im Alltag, sondern in dem … also in dem bekannten Bereich … Aber dann kann er auch wie ein verlorenes Kind sein, das unendlich zuwendungsbedürftig ist und Nähe sucht.

Sein großes Tabuthema

Kollegin1
Irgendwann hat man mitgekriegt, dass er eine Freundin hatte, aber er hat sich nie mit einer Eroberung gebrüstet. Es war immer klar, der spricht da nicht drüber. Dann fragt man ja auch nicht, das respektiert man. Er hat manchmal gesagt, dass er sich vorstellen könnte, nach Kanada zu gehen. Aber dass er dort eine Familie mit zwei Kindern hatte, wusste anfangs überhaupt keiner. Viele Jahre später erfuhren es einige Kollegen.

Kollegin1 Vor ein paar Jahren sagte eine Kollegin, sie habe im Schweizer Blick gelesen, Kachelmann sei Vater geworden: »Guck mal, das hat er gar nicht erzählt.« Ich meinte nur: »Lass ihn einfach in Ruhe, er will das halt nicht.« Später, als eine Kollegin erzählte, dass sie schwanger war, rutschte ihm raus: »Ich bin auch seit Kurzem Vater. Das ist das Schönste, was dir passieren kann.« Wir wollten wissen, wie sein Sohn heißt. »Christian«, sagte er. Dabei stimmte das nicht, das kann man sogar googeln, dass der anders heißt. Das war das Allerprivateste, was Kachelmann je erzählt hat.

Freundin2
Ich fühlte mich durch ihn nie eingeengt, er hat mich nicht kontrolliert. Das mag natürlich daran liegen, dass er bestimmte Sachen gar nicht wissen wollte – um sich nicht verrückt zu machen. Er war durchaus schnell mal eifersüchtig.

Freundin3
Er wollte alles von mir wissen. Er selbst hat nichts erzählt. Er will Informationen haben, ohne selbst welche preiszugeben.

Freundin1
Ich war überzeugt, ihn zu kennen. Heute weiß ich, dass das alle Frauen dachten. Dabei hat jede nur einen kleinen Ausschnitt aus seinem Leben bekommen. Keine kennt die ganze Wahrheit.

Kollegin1
Das ist der worst case für Kachelmann, dass jetzt sein Privatleben so ausgebreitet wird.

Sein Lieblingsthema

Kollegin1 Die Begeisterung, als er uns von seinem Sohn in Kanada erzählt hat, war ehrlich, die habe ich ihm sofort abgenommen.

Kollegin2 Er ist wahnsinnig kinderlieb. Nur: Er kann keine Wörter aussprechen, bei denen es um Gefühle geht, nicht einmal Kindern gegenüber. Nehmen wir als Beispiel das Wort Liebe. Das würde er allenfalls das L-Wort nennen.

Freundin3 Du brauchst Kühe und Kinder, hat er zu mir gesagt.

Freundin1 Er wollte mich heiraten, er wollte Kinder haben mit mir, ich sollte meinen Beruf aufgeben. Kinder waren sein zentrales Thema. Inzwischen habe ich gelesen, dass ich nicht die Einzige war, die er drängte, ihren Job aufzugeben, der er versprach, zu heiraten und mit ihr Kinder haben zu wollen.

Kollegin2
Durch diese Versprechen hat er sich viele heile Welten gleichzeitig geschaffen.

Freundin3 Die Frauen, die er sich aussuchte, waren immer in einem Alter, in dem sie auf das Thema Familie abgefahren sind.

Freundin1
Einmal, in seiner Sendung beim MDR, hat ihn ein Gast gefragt: »Sind Sie verheiratet?« Da hat er gesagt: »Ich war es mal und bin’s vielleicht bald wieder.« Da habe ich mich natürlich gefreut. Inzwischen ist mir klar, dass wir ganz viele waren, die sich gefreut haben.

Kachelmanns Organisationstalent

Freundin1 Man durfte ihn immer anrufen, manchmal ging er halt nicht ans Handy. Täglich kamen SMS, Mails, und wir haben gechattet. Wenn alles gut war, kamen besonders viele SMS. War nicht alles gut, gab es Liebesentzug. Weniger SMS.

Freundin2
Er kämpfte täglich mit einer Flut von Mails. Aber er wusste über den Inhalt jeder meiner Mails Bescheid, auch wenn ich zunächst den Verdacht hatte, er hätte sie gar nicht richtig registriert. Er hat ein Gedächtnis wie ein Elefant und nie etwas durcheinandergebracht.

Freundin3 Seine SMS, die er ständig schrieb, waren meist sehr freundlich, manchmal aber auch oberlehrerhaft: Wenn ich in einer SMS Rechtschreibfehler machte, korrigierte er sie und schickte mir die Wörter richtig geschrieben zurück.

Kollegin1
Er war ein Technik- und Kommunikationsfreak, darum hatte er immer die neuesten Handys von allen. Ein deutsches und ein Schweizer.

Freundin1 Wenn er bei mir war, hat er das Handy ausgeschaltet. Oft musste er noch raus zum Auto, angeblich, um was zu holen.

Kollegin1 Man hatte nie den Eindruck, er sei überarbeitet. Dabei hatte er diese vielen Wetterstationen, war immer unterwegs, aber es schien ihm nichts auszumachen, so viel Auto zu fahren. Wir haben uns manchmal gefragt, wie schafft der das bloß? Er saß höchstens mal matt in der Ecke und hat SMS geschrieben oder gemailt. Gut, unausgeschlafen sah er schon manchmal aus.

Freundin1
Ich war überzeugt, dass er wahnsinnig schuftete, um seine Firmen am Laufen zu halten. Er war oft fix und fertig. Wenn man ihn fragte, warum, sagte er immer, dass er wegen der Unterhaltsforderungen seiner Exfrau so viel schuften müsse.

Warum keine was gemerkt hat

24. März vor dem Amtsgericht Mannheim, rasiert. Er lächelt siegessicher in die Kamera.

Warum keine was gemerkt hat

Kollegin2 Mich würde es nicht wundern, wenn er es geschafft hätte, drei Frauen an einem Tag zu besuchen. Zu der einen morgens hingefahren, mit der Zweiten zu Mittag gegessen, und bei der Dritten kam er abends an. Das hätte nie
geklappt, wenn seine Freundinnen nicht kluge und erfolgreiche Frauen gewesen wären. Frauen mit Hang zum Hausmütterchen hätten nicht akzeptiert, dass er so wenig Zeit hat.

Freundin1 Ich hatte nie einen Grund zu glauben, es gebe noch andere Frauen. Nur manchmal war da so ein Gefühl. Wenn er bei mir war, musste er angeblich im Computer Wetterdaten kontrollieren. Da wird er wohl zwischendurch schon mit den anderen gechattet haben.

Freundin2
Er hat dafür gesorgt, dass ich glaubte, er sei immer allein in Kanada bei seinen Kindern zu Besuch. Das scheint ja wohl nicht so gewesen zu sein. Trotzdem war ich immer überzeugt davon, dass er nicht leicht zu haben und auch selbst nicht auf der Suche ist. Im Nachhinein klären sich natürlich Dinge: Dass er eben nicht spätabends losgefahren ist, um einem Schneetreiben auszuweichen, sondern um bei einer anderen auf der Matte zu stehen. Aber wenn mir mal etwas unstimmig erschien und ich nachfragte, konnte er beleidigt reagieren; er stellte dann mein Grundvertrauen infrage.

Freundin3
Man kriegt nur seinen Charme und seinen Körper. Sein Herz und seine Seele kriegt man nicht. Aber da kommt man lange nicht drauf.

Kollegin2
Irgendwie hat man schon geahnt, dass er mehrere Freundinnen hatte. Aber dass es so viele gewesen sein sollen, hätte keiner geglaubt.

Kachelmanns wahre Leidenschaft

Kollegin1
Mit dem Wetter hat er sich nie vertan, da kannte er sich aus. Ich wollte mal auf ein Open-Air-Festival gehen und hab gefragt: »Du, Kachelmann, wie wird denn das Wetter?« Da war er bei seiner Wetterstation auf Hiddensee und sagte: »Moment. Wann geht die Musik los?« – »Um 20 Uhr.« – »Dann nimm ein Regencape mit.« So. Es war strahlender Sonnenschein und meine Freundin und ich gingen mit Regenschirm los. Alle müssen gedacht haben: Sind die blöd. Um 20.05 Uhr ging ein so gigantischer Guss runter, dass das Konzert abgebrochen werden musste. Und den ganzen Tag hatte sich nichts Derartiges angekündigt. Kachelmann ist und bleibt mein Wettergott.

Er hat immer wieder die eine Version erzählt, woher sein Interesse fürs Wetter kommt: Er war Einzelkind, der Vater Eisenbahner, die Familie wohnte in Schaffhausen, die Eltern haben sich ein Boot gekauft und damit sind alle auf dem Bodensee gefahren. Keiner hat gesprochen, weil der Vater angeln wollte. Da hat Jörg aus Langeweile angefangen, das Wetter zu beobachten. Oft schwärmte er, dass er nach Kanada gehen und Tornados beobachten wollte. Darüber konnte
er stundenlang reden: Wie irre das ist, wenn sich ein Tornado entwickelt, was für Urgewalten das sind und was für ein schönes Bild. Ein anderer Traum war: Leuchtturmwärter auf Hiddensee. Es gäbe nichts Großartigeres, als da stundenlang zu sitzen.

Freundin1
Er sagte immer, er sei der Mann vom Berg, er möchte nur dort sein, wo ihn niemand kennt.

Kachelmanns Manipulationstalent

Freundin1 Seine Grundhaltung ist: Ihm wird ständig so übel mitgespielt, alles Schlechte passiert nur ihm, dabei ist er immer unschuldig. Er hält sich für den höflichsten Menschen schlechthin.

Kollegin2 Er sagte erst alle Termine zu, auch private, sagte aber nie rechtzeitig ab. Sondern erst fünf Minuten vorher. Seine Ausreden waren absurd,
irgendwer sei plötzlich sehr krank geworden oder sogar gestorben.

Kollegin1 Vor seiner ersten Moderation von Einer wird gewinnen wurde plötzlich seine Hautkrebserkrankung von 1986 publik. Er ahnte, dass er mit der Sendung an seine Grenzen stoßen würde. Er hat sie dann auch nicht so erfolgreich gewuppt. Ich dachte: Mensch, über den Krebs hast du nie geredet. Warum jetzt? War das eine PR-Strategie?

Kollegin2 Zu seinen Freundinnen sagte er: Ich vererbe dir alles, ich hoffe, du nimmst an, ich möchte dir das Haus vermachen. Mir geht es schlecht, ich möchte dich versorgt wissen.

Freundin1 Er war immer der Arme. Er hat alles getan, um Mitleid zu erregen, ja, er konnte auf der Stelle weinen. Dann hat man sich zurückgenommen und ihn getröstet. Man hat gedacht, man muss ihm Kraft geben. Er hat es geschafft, dass man irgendwann das Gefühl hatte, ohne seine Liebe sei man nichts mehr wert. Er hat immer manipuliert.

Kollegin2
Ständig hat er Menschen provoziert, voller Absicht: um zu sehen, wie sie darauf reagieren.

Freundin3
Er hätte auch ein Sektenführer sein können. Bei Sektenführern geht es doch auch immer um Frauen und Sex.

Kachelmanns Verwandlung

Vorläufig frei. Und zufällig ein weißes T-Shirt an? Weiß wie die Unschuld?

Kachelmanns Verwandlung

Kollegin1
Mit den Jahren hat er sich verändert, auch äußerlich. Als er zum MDR kam, wehte er herein wie ein frischer Windstoß und sah aus wie der ideale Schwiegersohn: kurze Haare, Brille, schöner Mund. Aber dann: Der Bart, den er sich hat stehen lassen, weil er sein Doppelkinn schrecklich fand, sah ungepflegt aus. Die Haare wurden immer länger und zotteliger. Das habe ich ihm auch gesagt. Aber Sie müssen nicht glauben, dass ihn das interessiert hat. »Ja, meinste?«, hat er gefragt. Und gegrinst. Sein Auto, ein grüner Volvo mit Vierradantrieb, damit er den Berg in der Schweiz hochkam, sah irgendwann aus, als würde er darin leben: total chaotisch, Papiere überall, Kleidung, McDonalds-Tüten. Und in gewisser Weise lebte er ja auch darin.

Kollegin2 Sein Humor war mal sehr gut, aber irgendwann überwog der Sarkasmus und der Humor ging unter die Gürtellinie.

Kollegin1 Auch im Fernsehen wurde er schlechter, war nicht mehr so erfrischend, sondern verbiesterter und unkonzentriert. Seine Scherze kriegten so eine Boshaftigkeit, gingen immer mehr auf Kosten anderer. Sodass man öfter sagte: Das ist nicht mehr witzig, Kachelmann!

Freundin2 Er litt zunehmend an Schlaflosigkeit, was sich in seiner Stimmung widerspiegelte. Er war angespannt und sehr anlehnungsbedürftig.

Freundin1 Ich habe mir oft wirklich Sorgen um ihn gemacht: Er war immer so fertig, wenn er spät nachts bei mir eintraf, ich dachte, er sei so überarbeitet. Ich hatte wirklich Angst, dass er nicht mehr lange lebt, wenn er so weitermacht.

Kollegin2 In letzter Zeit hat er ja nur noch fünf- oder sechsmal im Monat den Wetterbericht moderiert. Den Rest der Zeit hat er offenbar gebraucht, um sein Privatleben zu organisieren.

Das Leben ohne Kachelmann

Freundin2 Ich bin nicht verbittert. Dafür bin ich nicht der Typ. Ich hätte jederzeit gehen können. Er hat mir überaus gutgetan. Ich habe mich durch diese Beziehung weiterentwickelt und einiges dazugelernt, auch an Lebenserfahrung. So konnte ich ihn immer fragen, wenn es um Rechtschreibung und Grammatik ging. Er hat alles perfekt gewusst. Das zum Beispiel fehlt mir. Klar macht mich der unfassbare Vertrauensmissbrauch stinkig. Und mit der Gesundheitsfrage darf ich mich gar nicht befassen. Hat er je über übertragbare Krankheiten nachgedacht? Ich frage mich höchstens, wo meine Instinkte versagt haben.

Freundin1 Jetzt schmerzt nicht nur, dass die Beziehung zu dem, den man so geliebt hat, nicht mehr besteht. Es kommt der Ärger dazu, dass wildfremde Menschen verbreiten, sie wüssten, dass wir Frauen uns in Jörg Kachelmann nur verliebt hätten, weil wir von seinem Ruhm als Fernsehstar etwas abhaben wollten. Wenn es wenigstens ein schönes Leben gewesen wäre! Aber man hat nur gewartet. War es nicht vielleicht umgekehrt? Dass er etwas von der Jugend und der Schönheit seiner Freundinnen abhaben wollte? Schließlich waren seine Freundinnen alle jünger und schöner als er. Die Zeiten, die angeblich schön waren, waren nur auf Lügen gebaut. Und man muss jedem Mann, den man kennenlernen wird, diese Geschichte erzählen. Man hat nichts Böses getan und muss sich doch dafür schämen.

Fotos: Hubertus Hamm; ap; ddp; dpa

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